Was wäre Weihnachten ohne Christbaum? Zu Besuch in Adelberg bei einem Ehepaar, das die Bäume bis zum Fest groß zieht und vor den Folgen des Klimawandels warnt.
Zwischen sanften Hängen und Wäldern im vergleichsweise kühlen Tal von Adelberg (Kreis Göppingen) wachsen sie: Weihnachtsbäume, die jedes Jahr in unzähligen Wohnzimmern für festliche Stimmung sorgen. Für Harald Müller sind sie jedoch weit mehr als bloße Dekoration. Der 57-Jährige betreibt den Weihnachtsbaumanbau im Haupterwerb. Nordmanntannen sind hier in der Mittelmühle sein Verkaufsschlager. Eigentlich ist Müller gelernter Elektrotechniker. Doch über die Familie seiner Frau entdeckte er vor mehr als 25 Jahren seine Leidenschaft für Bäume. Damals übernahm das Ehepaar den Betrieb.
Heute blickt Müller mit Sorge auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Der Klimawandel ist für uns das größte Problem. Das ist schon heute spürbar, selbst hier im verhältnismäßig kühlen Tal“, sagt er. Besonders das Frühjahr habe ihm zuletzt zu schaffen gemacht: Wochenlang blieb der Regen aus, die Jungpflanzen drohten zu vertrocknen. „Das ist wirklich eine Herausforderung“, so Müller. Und wenn der Regen schließlich komme, dann oft in Extremen: „Dann hört es manchmal gar nicht mehr auf.“
Warnung vor Weihnachten: „Die Natur lässt sich nicht verbiegen“
Weihnachtsbäume sind empfindlicher als viele vermuten. Temperaturen von 35 Grad seien für die Pflanzen schlicht zu viel. „Die Natur lässt sich nicht verbiegen“, sagt Müller nüchtern. Er beobachtet, wie Wetterextreme zunehmen und Planbarkeit immer schwieriger wird – auch ein Risiko für seinen Betrieb.
Immer wieder hört Müller das Argument, man solle Weihnachtsbäume aus ökologischen Gründen lieber stehen lassen. Müller widerspricht entschieden: „Der Gedanke ist ja eigentlich richtig, aber beim Weihnachtsbaum so falsch.“ Denn die Bäume würden gezielt angebaut, geerntet und wieder neu gepflanzt. Es handle sich um eine echte Kreislaufwirtschaft. Zudem sorge die Entnahme einzelner Bäume dafür, dass sich neuer Humus im Boden bilde – ein wichtiger Faktor für gesunde Böden.
Um zu zeigen, wie die Tannen hier heranwachsen, lädt Müller regelmäßig Kinder und Erwachsene zu Führungen ein. Dabei präsentiert er nicht nur seine Bäume, sondern auch die Schafe, die direkt zwischen den künftigen Christbäumen weiden. Kindgerecht erklärt er: „Das, was bei den Schafen hinten rauskommt, hilft den Bäumen beim Wachsen.“ Die Kinder kichern.
Doch über so manche Baum-Infos staunen hier auch die Erwachsenen. Denn kaum jemand ahnt, wie viel Zeit ein Weihnachtsbaum tatsächlich braucht, bis er im Wohnzimmer geschmückt wird. „Bis die Bäume zimmerhoch sind, brauchen sie ungefähr zwölf Jahre“, erklärt Müller. Auf der Verkaufsfläche zeigt er deshalb bewusst ein kleines, vier Jahre altes Bäumchen. Mit seinen gerade einmal rund 25 Zentimetern macht es anschaulich, wie viel Geduld in jedem ausgewachsenen Weihnachtsbaum steckt.
Mit gezielten Schnitten in die Rinde hilft Müller dem Weihnachtsbaum
Damit die Bäume gleichmäßig wachsen und später im Wohnzimmer eine gute Figur machen, greift der Profi zu gezielten Maßnahmen. „Der Baum hat von Natur aus das Bestreben, möglichst schnell ans Licht zu kommen.“ Setze man jedoch zur richtigen Zeit gezielte Schnitte in die Rinde, wachse der Baum dichter, bleibe formschön – und die Spitze schieße nicht zu hoch hinaus.
Von künstlichen Weihnachtsbäumen aus Plastik hält Müller wenig. „Leider ist das gewaltig auf dem Vormarsch. Diese Entwicklung finde ich schwierig“, sagt er. Plastik bleibe über Jahrzehnte in der Umwelt erhalten. Hinzu komme der Transport: Viele der Plastikbäume würden mit Containerschiffen um die halbe Welt transportiert. „Das ist aus meiner Sicht ein enormer Schaden für die Umwelt“, betont er.
Für Harald Müller ist klar: Ein regional angebauter, echter Weihnachtsbaum ist trotz aller Herausforderungen die nachhaltigere Wahl. „Dieser Tannengeruch, wenn man an den Weihnachtstagen weg war und dann ins Wohnzimmer kommt, das ist doch das besondere“, sagt er.