Zu viele Geschenke ? Nein, würden wohl die meisten Kinder sagen. Viele Experten sehen das anders. Foto: dpa/Michael Hanschke

Konsumrausch statt Besinnlichkeit, materieller Überbietungswettbewerb statt echte Zuwendung: Kritik wie diese hört man häufig, wenn es ums Beschenken insbesondere von Kindern geht. Experten erklären, welche Auswirkungen zu viele Geschenke auf Kinder haben.

Wird es wieder ein bunter Berg von Paketen sein unterm Baum, dass die Kinder gar nicht wissen wo anfangen und wo aufhören? Dass sie geradezu überwältigt sind, im Positiven wie im Negativen? Oder gibt es dieses Mal doch ein paar Geschenke weniger? Die Debatte, wie viele Präsente Kindern an Weihnachten überhaupt guttun, läuft seit Jahren. Experten sagen: weniger ist mehr. Für Eltern und Großeltern ist das nicht so einfach. Und trotz Energiekrise und Inflation ist die Kaufbereitschaft weiter beträchtlich. Was also tun?

 

Gerald Hüther plädiert seit Jahren für Zurückhaltung beim Schenken an Kinder. Der bekannte Neurobiologie und Glücksforscher hat für sich und seine Familie „schon vor Jahren erkannt, dass das beste Geschenk für Kinder keines ist“. Wer das Schenken an seinen Nachwuchs aber nicht lassen kann, der solle das wenigstens so tun, dass das Präsent „dem Grundbedürfnis nach Autonomie, nach Selbstständigkeit“ des Kindes entspreche. Auf keinen Fall dürfe es etwas sein, was „Kinder zu reinen Konsumenten des Geschenkes“ mache, sagt Hüther. Also statt einer fertigen Modelleisenbahn gibt’s eine Holzplatte, einen Zug, Gleise, ein Antriebssystem, das Kind baut das Ganze dann mit Hilfe der Eltern selbst auf.

Große Nachfrage in den Corona-Jahren

Mag Gerald Hüthers Appell auch viel Widerhall in den Medien gefunden haben, die Wirkung bei seinen Adressaten dürfte eher mäßig sein. Selbst in diesem Jahr. Man spüre aufgrund der Wirtschaftslage eine „moderate Kaufzurückhaltung“, sagt Andreas Walter. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter von Spielwaren Heiges mit Geschäften in Esslingen und Kirchheim. Man habe im stationären Handel dieses Jahr aber „eine bessere Frequenz“ als in den beiden Coronajahren davor. Nur: „Der Bon ist etwas niedriger.“ Was Andreas Walter aber nicht betrübt: „Die Kunden, die da sind, sind motiviert und in sehr guter Einkaufsstimmung.“

Auch der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels (BVS) sieht „ein Comeback der stationären Geschäfte“. Der BVS ist überzeugt: „Am Kind wird zuletzt gespart“, erklärt BVS-Geschäftsführer Steffen Kahnt. Zwar sind die Umsätze von Januar bis Oktober um fünf Prozent leicht zurückgegangen. Doch auch wenn das so bleiben sollte, liege die Branche „trotz der aktuellen Abkühlung noch zwölf Prozent über dem Ergebnis von 2019“.

Das erste Umsatzminus seit 2009

Die Coronajahre waren für die Spielwarenhersteller und insbesondere für den Onlinehandel sehr gute Jahre. 2020 lag der Umsatz bei plus elf Prozent, 2021 waren es mit nochmals plus vier Prozent insgesamt 4,9 Milliarden Euro, sagt Ulrich Brobeil, der Geschäftsführer des Verbands der deutschen Spielwarenindustrie. Zuerst waren wegen der Corona-Einschränkungen – man musste sich und die Kinder beschäftigen – insbesondere Gesellschaftsspiele und Puzzle der Verkaufsrenner, wobei diese auch sonst sehr gefragt sind. Im vergangenen Jahr landeten Artikel rund ums Lernen und Wissen auf Platz eins der Verkaufsliste, erklärt BVS-Geschäftsführer Steffen Kahnt. Ein Rückgang der Umsatzzahlen in diesem Jahr wäre „das erste Minus seit 2009“, betont Ulrich Brobeil.

Laut den Konsumexperten der Nürnberger Gesellschaft GfK wollen die Menschen in diesem Jahr im Schnitt 299 Euro pro Person für Geschenke ausgeben, acht Prozent weniger als im Vorjahr, als es noch 325 Euro waren. Allerdings geben Familien mit Kindern laut der GfK-Umfrage an, dass sie pro Person in diesem Jahr Ausgaben von 404 Euro für Geschenke planen, deutlich mehr als Kinderlose mit 250 Euro. 2019 lagen die Weihnachtsausgaben von Familien mit Kindern pro Nase laut GfK noch bei 384 Euro.

Der Zauber leuchtender Kinderaugen

Die Ausgaben von Familien für Geschenke seien in diesem Jahr „weitestgehend konstant“ im Vergleich zu 2021 mit 401 Euro, stellt Petra Süptitz fest. Die Expertin für Konsumententrends bei der GfK sagt: „Auch in Krisenzeiten möchte niemand auf leuchtende Kinderaugen verzichten und an ihren Weihnachtsgeschenken sparen.“ Der Spielwarenhändler Mytoys hat vor ein paar Jahren per Umfrage ermittelt, dass Eltern im Jahr 2014 pro Kind im Schnitt rund 129 Euro für Weihnachtsgeschenke aufgewendet haben, 2017 waren es dann 131 Euro.

Hirnforscher Gerald Hüther findet, die Geschenke sollten auf jeden Fall keine „fragwürdigen Verführungen“ sein, mit denen die Eltern etwa die Erwartung verbinden, dass das Kind damit etwas lernt. Diese „Form des Belohnungslernens“ sei der Motivation eher abträglich. Wer seinem Kind etwa ein Fahrrad schenken wolle, solle dies vielleicht nicht an Weihnachten tun, sondern zu einer Zeit, in der dann „die gemeinsame Erfahrung des Fahrradfahrenlernens im Mittelpunkt steht“. Was die Zahl der Geschenke angeht, hat Gerald Hüther einen klaren Standpunkt: „Ein Geschenk ist immer besser als mehrere. Das kann man auch den Verwandten mit auf den Weg geben, um sie in ihrer Beschenkungslust zu bremsen.“ Letzteres kommt den Verwandten und Freunden beim Beschenken von Kindern sogar entgegen. An deren Wünschen orientieren sich jene auch vor allem, aber an zweiter Stelle auch an Hinweisen der Eltern, hat der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels herausgefunden.

Aufmerksamkeit und Wertschätzung

Nicht so rigoros, in manchem aber ähnlich ist die Haltung von Oliver Fricke beim Thema Weihnachtsgeschenke für Kinder. Der Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des städtischen Klinikums in Stuttgart sieht generell die positiven, emotionalen Seiten des Schenkens. Dabei erlebten Kinder Freude durch Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Dies sei auch „der wichtigste Punkt beim Schenken“, insbesondere bei gemeinsamen Tätigkeiten. So ist es aus Sicht des Ärztlichen Direktors sinnvoll, „kleine materielle Dinge mit gemeinsamen Tätigkeiten beim Schenken zu verbinden, zum Beispiel Schlittschuhe für das gemeinsame Schlittschuhlaufen in den Winterferien“.

Eine Faustformel, wie viele Geschenke es maximal sein sollten, hat Oliver Fricke nicht. „Ein wichtiger Wunsch des Kindes“ solle sich jedenfalls „zentral“ unter den Geschenken finden. „Viele weitere Geschenke lenken dann nur von diesem erfüllten Wunsch ab“, findet der Kinder- und Jugendpsychiater. Häufiger wenig zu schenken sei oft besser als einmal sehr viel. Und gut gedachte Geschenke seien „Impulse, die Kinder dann im Spielen weiterentwickeln“, betont Oliver Fricke. „Zu viele Geschenke können auch eine Überforderung sein, weil sich das Kind nicht auf ein Thema und auf die damit verbundenen Entwicklungsprozesse einlassen kann.“