Weihnachten, seit jeher die besondere Zeit des Jahres. Gerne mit Baum. Foto: dpa

Weihnachten – da fühlen wir uns aufgehoben. Das Fest scheint dem ständigen Wandel entzogen, der uns beherrscht. Ein zeitloser Ruhepol. Ist das wirklich so?

Stuttgart - „Das haben wir immer schon so gemacht!“ Wer kann sich diesen Satz heute noch leisten? Und wo? In der Berufswelt schon mal nicht. Wer dort an Althergebrachtem festhält, bekommt den Stempel „von gestern!“ aufgedrückt. Um voranzukommen, braucht es die Bereitschaft, die Dinge gerade nicht „wie immer“ zu machen, sondern im Zweifel radikal anders. Diese Anforderung gilt für alle Lebensbereiche. Nur nicht für Weihnachten . . .

Weihnachten ist das Fest der Liebe und damit an sich schon ein Anachronismus in einer von Konfrontation geprägten Zeit. Auch aus anderen Gründen fällt Weihnachten aus dem Rahmen. Wandel und Geschwindigkeit sind ausnahmsweise unerwünscht. So hektisch die Tage und Wochen vor dem Fest verlaufen, spätestens an Heiligabend haben die Uhren stillzustehen. Das Leben wird runtergebremst und -gedimmt, bis die erwünschte Besinnlichkeit eintritt. Gleichsam über Nacht wechselt das Land aus dem Fortschritts- in den Retro-Modus.

Die meisten Menschen finden das wichtig – unabhängig vom geistigen Gehalt des Festes, der häufig in den Hintergrund tritt. Wäre der Satz „Das haben wir immer schon so gemacht“ ein Weihnachtslied, würden ihn viele Menschen unter dem Weihnachtsbaum voll Inbrunst anstimmen. „Immer schon“ ist das weihnachtliche Ordnungsprinzip schlechthin. Alles wie immer: die Weihnachtsrituale, der Kreis der Lieben. Und das Weihnachtsessen sowieso.

Rückzug in den Kerzenschein des Privaten

Vieles wird neu gedacht, Weihnachten nicht. Es ist ein statisches ­Ereignis, ein heiliger Rest an Gewohnheit. Daran halten wir fest – auch im Bewusstsein von Widersprüchen und der Tatsache, dass der Zauber oft nur schöner Schein ist, ein Weihnachtslichterfest. Hauptsache, es glitzert.

Der jährlich wiederkehrende Rückzug in den Kerzenschein des Privaten folgt dem verbreiteten Bedürfnis nach Vertrautheit und Auszeit. Vielen Menschen stellt sich Weihnachten als Ruhepol dar. Als Drei-Tages-Sabbatical mit der Option, diese Zeit bis Neujahr oder Heilige Drei Könige auszudehnen.

Das weihnachtliche Immer-so erfüllt die Funktion eines Gegenentwurfs zum täglichen Immer-anders. Dabei wird gerne übersehen, dass auch die stille Nacht einem stillen Wandel unterliegt. Weihnachten heute unterscheidet sich vom Weihnachten vor 50 Jahren – nicht nur, was die Art und das Volumen der Geschenke betrifft. Traditionen ­lösen sich auf, verschwinden. Ältere erinnern sich noch daran, wie das weiß gekleidete Christkind auf dem Land an Weihnachten durchs Dorf ging, an die Türen klopfte und Aufmerksamkeiten verteilte, begleitet vom derben Pelzmärte mit Rute. Zwischen diesem Früher und Heute ­liegen nur drei Generationen.

Verändert hat sich beispielsweise der Charakter der Adventszeit. Ursprünglich wurde sie als Fastenzeit begangen. Das große Essen begann erst mit dem Weihnachtfest. Davon hat sich nichts erhalten. Heute beginnt der Genuss spätestens am ersten Advent. Davon zeugen gut bestückte Gutseleteller, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte.

Weihnachten verändert sich

Gleichwohl geben wir uns der Illusion hin, Weihnachten bestehe seit Menschengedenken. Tatsächlich ist unser Immer-schon-so-Weihnachten mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern und allem Lametta eine Erfindung der Neuzeit, entstanden im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Ideal der Bürgerfamilie – im Rückgriff auf Martin Luther, der die Familie ins Zentrum rückte.

Das zeigt: Weihnachten verändert sich. Auch durch Entfremdung. Eine Museumspädagogin stellte jüngst bei einem Schulbesuch fest, dass von 20 Erstklässlern lediglich zwei eine konkrete Vorstellung von Weihnachten hatten. Die Kinder stammten übrigens fast alle von hier. Keine Ahnung von Weihnachten! Ob auch das „immer so“ war?

Es deutet jedenfalls darauf hin, dass Tradition nicht dadurch fortbesteht, dass man sie beschwört. Wer sie erhalten will, muss sich mit ihr auseinandersetzen. Nichts kommt von alleine, nichts bleibt von alleine – nicht einmal Weihnachten. Die Pointe besteht darin, dass dieses Weihnachten, das wir gerne konservieren würden, im Kern selbst auf Wandel angelegt ist. Mindestens die Weihnachts­geschichte, die etwas grundlegend Neues beschreibt: „Fürchtet Euch nicht . . . Euch ist heute der Heiland geboren.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: