Was da wohl drin ist? Weihnachtsgeschenke sagen mindestens so viel über den Schenkenden aus wie über den Beschenkten Foto: dpa

Zeig mir dein Geschenk, und ich sage dir, wer du bist. Nach der Bescherung ist man um einiges klüger. Eine unernste Typologie der Schenker und Beschenkten.

Stuttgart - Manchmal muss man sich zu einem erfreuten „Danke!“ zwingen, manchmal treffen die Geschenke aber auch den Geschmack. Doch was sagt welches Präsent über die Geber und Nehmer aus.

Einhorn-Duschhaube

Wer schenkt’s? In jeder Familie findet sich ein erwachsener Kasper, der zum Vergnügen der Kleinen auf jede Konvention pfeift. Er verbringt die Zeit robbend in den ­Kinderzimmern, jongliert mit Marzipankartoffeln und legt der Oma zum ­Weihnachtskaffee ein Furzkissen unter den Hintern.

Wer bekommt’s? Immer das Familienmitglied, welches sich bei der letzten Bescherung am auffälligsten über den peinlichen Witzbold beschwert hatte. Das Auspacken wird von großem Gelächter ­begleitet und ist eine einzige Demütigung.

Was passiert damit? Die Badehaube mit dem goldenen Einhorn und den verträumt dreinblickenden Kulleraugen eignet sich perfekt als etwas ausgefallenes Erotikspielzeug oder – selbst gelocht – als Salatschleuder.

Gutschein

Wer schenkt’s? Einfallslose Gutscheine von Media Markt, H&M oder C&A im Wert von 50 oder 100 Euro verschenken normalerweise Menschen, die bei jeder unpassenden Gelegenheit betonen, dass sie wahnsinnig viel um die Ohren hätten. Gewiefte Gutschein-Schenker, die sich geschäftig und technokratisch geben, schreiben den Namen des ­Beschenkten falsch oder ­verwenden ein Kürzel.

Wer bekommt’s? Es kann alles und jeden treffen.

Was passiert damit? Gutscheine werden im Januar mit großer Freude eingelöst.

Dessous

Wer schenkt’s? Bemitleidenswerte Ranschmeißer und Lüstlinge, die nach der Weihnachtsgans demonstrativ ihren Hosengürtel lockern und die #metoo-Debatte komplett ­verschlafen haben.

Wer bekommt’s? Jemand, der daran erinnert werden soll, einst mit Tantrakurs-Erfahrungen geprotzt zu haben.

Was passiert damit? Stringtanga und Spitzen-BH landen im Gesicht des Schenkers, beim Scheidungsanwalt oder in der Schublademit dem Sexspielzeug vom vergangenen Jahr. Und von dort dann beim nächsten Ausmisten im Paket für den Internet-Secondhandladen.

Edel-Saftpresse

Wer schenkt’s? Der durchtrainierte Onkel eines verhassten Familienzweigs, der mit einer bekloppten Diät-App Millionen scheffelt. Der Parvenü hat sechs Prozent Körperfett und besitzt die Allgemeinbildung einer Langhantel, was er mit fiesen ­Geschenken an Schlaumeier-Verwandte kompensiert. Den Tipp für eine Saftpresse für 3600 Euro hat er aus dem Blog von Gwyneth Paltrow, der er angeblich erst kürzlich bei einem Trip nach Los Angeles persönlich begegnet ist.

Wer bekommt’s? Der fettleibige, an Skorbut leidende ­Cousin, der als Schriftsteller in einer ­Keller-WG haust und Frischobst nur aus dem Internet kennt. Der Vorschuss zum letzten Lyrikband ging für die Stromrechnung und eine Stange HB drauf.

Was passiert damit? Der Dichter verhökert die Saftpresse auf Ebay und begleicht die Mietrückstände der letzten zwei Jahre.

Selbst gemaltes Bild

Wer schenkt’s? Ehemalige Waldorfschüler. Geizhälse. Hochbegabte Schimpansen. Verwirrte Leute, die glauben, sie wären als Ma­gritte oder Manet wiedergeboren. Und all jene, die den Do-it-yourself-Trend als willkommene Entschuldigung für ihre kreativen Grausamkeiten nehmen.

Wer bekommt’s? Vor allem die bekennenden Kulturbanausen in der Sippschaft, die nicht zwischen Kunst und Schmunst unterscheiden können. Selbige fühlen sich, so die Hoffnung der Hobbyschmünstler, geehrt, auch wenn nach dem Auspacken des Bildes anwesende Hunde zu jaulen und Kinder zu schreien anfangen.

Was passiert damit? Selbst gemalte Kunst von kreativen ­Familienmitgliedern hängt gern mal in schlecht ausgeleuchteten Hausfluren oder in Wartezimmern von kulturfernen Fachärzten.

Bücher

Wer schenkt’s? Internettölpel, die von einem Digital Native, also von einem netzkundigen Jungmenschen, wissen wollen, wann App-Stores geöffnet haben und ob Twitter in neues Geschlecht sei, denen es aber dafür selbst nach ­mehreren chnäpsen gelingt, Rilkes „Der Panther“ fehlerfrei herzusagen.

Wer bekommt’s? Digital Natives, die glauben, Klaus und Erika Mann seien verheiratet gewesen und die beim „Wer wird Millionär“-Quiz „DJ“ tippen, wenn nach Jean Pauls Beruf gefragt wird.

Was passiert damit? „Mephisto“ ist also nicht nur eine Schuhmarke und „Titan“ nicht nur eine Bezeichnung für einen berühmten Torwart? Kurz flackert Interesse auf, dann werden die alles in allem 1168 Seiten aber doch lieber unberührt verpackt und weitergeschenkt.

Panda-Patenschaft

Wer schenkt’s? Der von Frauen enttäuschte Bruder. ­Liebe fühlt er nur für seinen aus dem spanischen Heim geretteten Hund. Auf die Frage, wer ist besser, Mensch oder Tier, brüllt er wie aus der Pistole geschossen: Tier! Diskussion zwecklos.

Wer bekommt’s? Die sich botoxende Schwester, die verzweifelt nach dem perfekten Mann sucht und mit dem Geschenk den Hinweis erhält, sich besser um die Verbesserung der Welt zu kümmern als um die Verschönerung ihres Teints.

Was passiert damit? Die Urkunde landet in der Schublade. Den mitgeschenkten Plüschpanda bekommt die Tochter der heulenden Cousine der Schwester. Die hat sich kurzfristig selbst eingeladen, weil sie sich an Heiligabend mit ihrem Ehemann derart gezofft hat, dass sie über eine Trennung auf Zeit nachdenkt.

Fresskorb

Wer schenkt’s? Von Restevertilgung besessene Vertreter der Flakhelfergeneration. „Es muss wohl wieder Krieg kommen!“, ist der Standardsatz, sollte man sich weigern, den letzten Kartoffelkrümel vom Teller zu kratzen. Meistens erzählen sie nach der Bescherung auch von der Orange, die amerikanische Befreier ihnen überreicht haben und die sie so lange im Nachtkästchen aufbewahrten, bis sie ­schimmelte.

Wer bekommt’s? Kinder, Enkel, Urenkel dieser Leute. Und der Deutsche Schäferhund.

Was passiert damit? Den Sekt sofort hinunterstürzen, damit man hinreichend angeschickert die x-mal gehörte Orangen-Tragödie mit einem Lächeln übersteht.

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