Eine Geschichte zum Vorlesen unterm geschmückten Tannenbaum für große und kleine Kinder – und alle Erwachsenen, die im Herzen Kind geblieben sind.
Stuttgart - Konrad Winter, der pensionierte Mathelehrer, mochte die kalte Jahreszeit. Geradezu euphorisch aber stimmte ihn der Dezember mit seinen Festtagen. Kaum dass der Monat begonnen hatte, kümmerte er sich um die vorweihnachtliche Dekoration seiner ansonsten karg und nüchtern eingerichteten Wohnung. Jetzt schmückten Tannen- und Mistelzweige die hohen Räume, Schwibbögen standen an den Fenstern, und das alte Kerzenkarussell drehte sich ohne Unterlass leise klingend auf der Kommode. „Muss was mit meiner Kinderzeit zu tun haben, diese Weihnachtsbegeisterung“, dachte er zuweilen, wenn er all die Schmuckstücke betrachtete, ohne sich an die verborgenen Ursachen seines Verhaltens erinnern zu können.
Wie an jedem anderen Adventsabend zündete er, kaum dass es dunkel geworden war, den Kamin und die im Wohnzimmer aufgestellten Kerzen an. Seit sie ausgesprochen war, plagte ihn die Bitte des Bürgermeisters, am Nikolausabend im Weihnachtsmannkostüm vor den Geschäften am Marktplatz aufzutreten, den Kindern kleine Geschenke zu überreichen und ihnen an diesem Tag Schutzpatron zu sein. Prüfend betrachtete er sein Gesicht in der spiegelnden Scheibe. Nichts darin erinnerte ihn an das klassische Bild vom Nikolaus. Allein deshalb dachte er daran, die Bitte abzuschlagen. Verkleidung ist Lüge! Diese Meinung hatte er schon als Lehrer vertreten und von seinen Schülern gefordert, sich nicht hinter Masken zu verstecken. Andererseits liebten es Kinder, Theater zu spielen. „Weil Illusion die Prosa des Lebens ertragen hilft“, antwortete ihm eine frühere Kollegin, als er um Rat wegen des Nikolausauftritts gefragt hatte: „Konrad, du liebst es, dass sich die Welt farbig präsentiert, aber du willst kein Teil ihres Spektakels sein. Ein wenig feige, oder?!“ Diese Antwort gab nicht nur den Ausschlag, sondern stimmte ihn für seine Verhältnisse fast euphorisch. Steckte darin nicht sogar die Aufforderung, auch ihr gegenüber mutiger aufzutreten? Gut, das war vielleicht ein wenig weit hergeholt, doch nicht ganz von der Hand zu weisen.
Zwei Tage später war es so weit. Winter verließ seine Wohnung und lief zögerlich über den angrenzenden Marktplatz. Als ginge es um eine kleine Reise, hatte er sich zur Wegzehr mit Mandarinen eingedeckt. In der Boutique am Eck dann wurde er in einen roten Mantel gesteckt, geschminkt und bekam weiße, buschige Augenbrauen und einen langen, weißen Bart angeklebt. Als er sich schließlich im Spiegel betrachtete, sah er darin nicht mehr den pensionierten Lehrer Konrad Winter, sondern einen Nikolaus, wie er echter nicht sein konnte. Fast ehrfürchtig neigte er den Kopf vor seiner eigenen Erscheinung. Dann war er bereit, und als er hinaustrat, begann es, als wolle ihn der Himmel unterstützen, ein wenig zu schneien.
Nicht lange, und die ersten Kinder näherten sich zaghaft. Die kleinsten drückten sich an ihre Mütter, ältere kamen allein, und wieder andere hatten offenbar ihre Väter dazu überreden können, sie zu begleiten. Für jeden gab es etwas aus dem großen Sack, und ganz Mutige sagten Gedichte auf. Wie eine Insel zog das Geschehen auch Erwachsene an und zauberte ihnen ein Lächeln ins Gesicht. Der Marktplatz wurde mit Erinnerungen gefüllt, mit denen, die vorhanden waren, und denen, die gerade entstanden.