Foto: Heinz Heiss

Das Teehaus und der Marmorsaal im Weißenburgpark zeugen vom Glanz früherer Zeiten. Denkmalschützer haben in den 1980er Jahren für ihren Erhalt gekämpft.

S-Süd - Vor 99 Jahren hatte Seifenfabrikant und Ägyptenforscher Ernst von Sieglin auf seinem Anwesen im Weißenburgpark eine Freizeitanlage errichten lassen. Der zentrale, klassizistische Rundbau an dem kleinen See war ein Geschenk an seine Frau. In dem von Säulen umrahmten Pavillon konnte die Fabrikantengattin mit ihren Freundinnen Tee einnehmen und gleichzeitig das Geschehen auf dem Tennisplatz am Hang darunter verfolgen. Dort ertüchtigte sich der Unternehmer mit seinen Freunden, wenn die Herren nicht im Festsaal unter dem Sportplatz philosophierten. Mit dem Teehaus und dem Marmorsaal im Weißenburg sind Stuttgart zwei Kleinodien erhalten geblieben. Ohne den Einsatz aktiver Denkmalschützer wären sie jedoch längst verfallen.

In den 1980er Jahren war vom Glanz vergangener Zeiten nicht mehr viel zu sehen. Teehaus und Marmorsaal waren zur Abstellfläche verkommen, die Überreste der Deckenmalereien ebenso schwer zu erkennen wie die kunstvoll angelegten Böden. Die Villa Weißenburg, das Haupthaus der Familie von Sieglin, war da bereits abgerissen worden. Den historischen Wert dieses 1844 erbauten Kurgasthauses am Nordhang des Bopsers hatte niemand erkannt.

Villa wurde abgerissen

Nachdem der Weißenburgpark samt Anwesen 1956 in das Eigentum der Stadt Stuttgart übergegangen war, wurde die Anlage zunächst in das Bundesgartenschaukonzept miteinbezogen, das Teehaus dafür sogar fachgerecht saniert, so dass die im Rokoko-Stil gemalten Szenen des Künstlers Julius Mössels im Gewölbe noch heute erkennbar sind. Nur Villa und Marmorsaal behandelten die Verantwortlichen stiefmütterlich. Mössels Malerei im Marmorsaal wurde beispielsweise überstrichen, der Stuck an der Decke entfernt. Nach der Gartenschau gab es kein Konzept für die Nutzung des Parks, die Villa Weißenburg ließ die Stadt 1964 abreißen. Dann passierte gut zwei Jahrzehnte lang nichts, die Freizeitanlage im Park verfiel zusehends.

In den achtziger Jahren setzten sich schließlich Bezirkspolitiker, Kulturschaffende und allen voran der Verein Alt-Stuttgart für die Rettung der historischen Gebäude ein. Unter Schirmherrschaft des Fördervereins Alt-Stuttgart wurde das Teehaus 1987 aufwendig renoviert. Dabei wurde auch die Deckenbemalung von Julius Mössel komplett saniert.

Teehaus besonders beliebt heute

Um den Marmorsaal, der seit 1978 als Denkmal hohen Ranges geführt, instand zu setzen, war der Aufwand ungleich höher. Um die Schäden zu beheben, waren umgerechnet rund 2,8 Millionen Euro an Spenden und Fördermitteln notwendig. Erst 1994 konnte der Marmorsaal wieder eröffnet werden. Von der Deckenbemalung Mössels ist im Saal mit dem Marmorboden und den fünf Brunnen jedoch nicht mehr viel zu erkennen. Eines der beiden Brunnengewölbe war vor der Restaurierung völlig zerstört, Fotografien der Gemälde gab es nicht. Wand, Decke und Fenstertüren konnten jedoch originalgetreu instand gesetzt werden. An einer Stelle, oben hinter einer der mittleren Säulen, sieht man noch, wie zerstört die Wandmalerei vor der Sanierung war.

Heute locken Teehaus und Marmorsaal viele Stuttgarter in den Weißenburg park. Insbesondere das Teehaus, das – je nach Witterung – von März bis Oktober geöffnet ist, zieht Spaziergänger und Ausflügler an. Der Marmorsaal ist dagegen nicht frei zugänglich. Wer den kunstvoll verlegten Marmorboden sehen möchte, muss entweder eines der Konzerte der Stuttgarter Saloniker dort besuchen oder den Saal mieten. Das tun vor allem Brautpaare. „Der Saal ist einer der beliebtesten Orte für standesamtliche Trauung in Stuttgart“, sagt Hanne Wiedemann-Neu, die Geschäftsführerin der Marmorsaal GmbH, die zum Teil vom Förderverein Alt-Stuttgart getragen wird. Mit den Einnahmen aus der Vermietung werden die Instandhaltung und vor allem die Energiekosten finanziert. Die machen monatlich etwa 2000 Euro aus. „Damit der Saal in seinem jetzigen Zustand erhalten bleibt, muss die Klimatisierung ganzjährig laufen“, sagte Wiedemann-Neu.

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