Sackgasse Stromvertrag: Nicht immer ist es möglich, einen neuen Vertrag mit einem Energieanbieter abzuschließen. Die Firmen akzeptieren nicht jeden. Foto: dpa

Durch einen Anbieterwechsel beim Strom kann man Hunderte Euro pro Jahr sparen. Arme und verschuldete Menschen haben aber oft gar nicht die Gelegenheit dazu. Sie werden von den Stromversorgern nicht als Neukunden akzeptiert.

Stuttgart - Die Energietarife in Deutschland steigen immer weiter. Über die Hälfte der deutschen Stromversorger hat zum Jahreswechsel die Tarife erhöht – um durchschnittlich zwölf Prozent. Aus dieser Kostenspirale gibt es für viele Energiekunden kein Entrinnen, denn ein Wechsel zu einem günstigeren Anbieter ist für sie nicht möglich. Paradoxerweise sind es vor allem einkommensschwache und verschuldete Haushalte, die bei ihrem angestammten, oft zu teuren Anbieter festsitzen, obwohl sie günstige Energie eigentlich am nötigsten hätten.

Grund dafür ist ein negativer Schufa-Eintrag. Er gibt Auskunft über die Bonität des Kunden als Kreditnehmer. Sinkt die Bonität unter eine bestimmte Grenze, ist es für die Betroffenen kaum noch möglich, sich ihren Anbieter frei zu wählen – nach einem kurzen Check des Status winken die Anbieter, zumal die günstigen Energiediscounter, freundlich ab.

Als Ausweg bleibt den betroffenen Haushalten oft nur die Strom-Grundversorgung des ­lokalen Energieanbieters. Hier herrscht eine gesetzliche Annahmepflicht. So wird sichergestellt, dass jeder Haushalt überhaupt mit Energie beliefert wird. Allerdings gelten diese Verträge auch als extrem teuer. Wer beispielsweise in Baden-Württemberg von einem Grundversorgungstarif zum günstigsten alternativen ­Energieanbieter wechselt, spart im ersten Jahr aufgrund satter Neukundenboni leicht um die 400 Euro. Und auch danach ist die ­jährliche Ersparnis erheblich. Eine Entlastung, die vielen ärmeren Haushalten verbaut ist, etwa auch Hartz-IV-Empfängern, die Heizkosten erstattet bekommen, ihre Stromrechnung aber selbst bezahlen müssen.

„Vor allem einkommensschwache Haushalte können nicht wechseln“, sagt Niels Nauhauser, Finanzfachmann bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg (VZBW) unserer Zeitung. Zwar halten sich die Anfragen, die wegen des Themas bei der Verbraucherschutzorganisation im Land eingehen, in Grenzen. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, dass sich viele Betroffenen gar nicht erst melden. Die Dunkelziffer ist hoch.

Bei neun Prozent der Bundesbürger gibt die Finanzsituation oder Zahlungsmoral aus Sicht der Datensammler Anlass zur Sorge

Rein statistisch betrifft das Thema nämlich Millionen Menschen in ganz Deutschland. Allein in den Archiven des Marktführers unter den deutschen Auskunfteien, der Schufa, schlummern Datensätze von rund 66 Millionen Bundesbürgern. Quasi jeder Erwerbstätige, der irgendwann einmal einen Kredit in Anspruch genommen hat oder hin und wieder im Internet auf Rechnung bezahlt, ist bei dem Wiesbadener Unternehmen registriert. 91 Prozent der Datensätze gelten nach Schufa-Angaben als unkritisch. Auf Deutsch: Das Ausfallrisiko von Darlehen wird allgemein als gering eingeschätzt. Bei neun Prozent aber – das sind immerhin knapp sechs Millionen Bundesbürger – sieht es anders aus. Ihre Finanzsituation oder Zahlungsmoral gibt aus Sicht der Datensammler Anlass zur Sorge – ihre Bonität ist negativ.

Die Privatwirtschaft, angefangen von Banken über Autohändler bis hin zu Immobilienvermittlern, vertraut auf diese Daten und senkt oder hebt nach Prüfung den Daumen. Auch die Energieversorger. Beim Stromdiscounter Eprimo, einer Tochter des Energieriesen RWE, geht nichts ohne die Auskünfte. ­„Bevor wir einen Kunden annehmen, prüfen wir, ob es Einträge gibt“, sagt ein Eprimo-Sprecher. „Kunden mit Auffälligkeiten lehnen wir ab.“ Allerdings differenziere man je nach Art des ­Eintrags.

Ähnlich läuft es bei der EnBW-Tochter Yello, auch sie einer der größten Stromdiscounter der Republik. „Yello ist berechtigt, eine Bonitätsprüfung durchzuführen“, heißt es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen bei Vertragsabschluss. Zu diesem Zweck greifen die Kölner auch auf sogenannte Score-Werte zurück, die ein Finanzdienstleister aus Baden-Baden beisteuert. „Insbesondere bei einer negativen Bonität kann Yello Ihre Bestellung ablehnen“, heißt es von dem Unternehmen.

Verbraucherschützer fordern eine gesetzliche Neuregelung

Das Vorgehen, das gesetzlich legitim ist, wird von den Unternehmen auch damit begründet, durch das Aussortieren schwarzer Schafe die Kosten für die übrigen Energiekunden möglichst gering zu halten.

Verbraucherschützer Nauhauser sieht bei dem Thema dennoch einiges im Argen. In steter Regelmäßigkeit rufe die Politik die Energiekunden zum Wechsel des Stromversorgers auf, um die Kostenexplosion einzudämmen, sagt er. Gleichzeitig existiere die Wahl des freien Energieanbieters für einen Teil der Menschen aber nur auf dem Papier. „Marktversagen“ nennt das Nauhauser. Die Wahlfreiheit als Grundlage des Wettbewerbs funktioniere nicht mehr. Daher müsse eine gesetzliche Neuregelung her, fordert der Verbraucherschützer.

Ansätze werden bereits diskutiert. Vor allem aus dem linken Parteienspektrum und von karitativen Verbänden wird die Idee von Sozialtarifen propagiert, die Armen wieder ausreichenden Zugang zu günstiger Energie geben sollen. Nach derzeitigem Stand der politischen Diskussion werden sie aber keine Chance haben, verwirklicht zu werden.

Für alle, die ihre Energierechnung nicht durch den Wechsel zu einem Billiganbieter senken können, bleibt derweil nur ein Weg. Er ist allerdings so schlecht auch nicht: Energie sparen.

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