Der Wechsel von Marc Kempf vom VfB Stuttgart zu Hertha BSC ist perfekt – der Transfer ist aus Stuttgarter Sicht Chance und Gefahr zugleich.
Stuttgart - Für solche Reisen hat wohl mal irgendwann irgendjemand den Begriff „Kurztrip“ erfunden. Am Sonntagmittag war der frühere VfB-Spielführer Marc Kempf (26) noch in Echterdingen in den Flieger gestiegen, um mit dem Stuttgarter Tross ins Trainingslager nach Marbella zu reisen. Am Dienstagmorgen nun ging es von Spanien aus wieder zurück für Kempf. Flugrolle rückwärts also, sozusagen – aber der Grund für diese Reiseplanung war zumindest ein triftiger: Der ehemalige VfB-Kapitän geht, um im Bild zu bleiben, von Bord. Denn der sich seit Monaten anbahnende Wechsel zum Liga-Konkurrenten Hertha BSC ist perfekt.
Der VfB kassiert von den Berlinern eine Ablöse von geschätzten 700 000 Euro für den Innenverteidiger, dessen Vertrag in Stuttgart im Sommer ausgelaufen und nach längst gescheiterten Verhandlungen nicht verlängert worden wäre. Rechnet man das geplante Gehalt für Kempf im nächsten halben Jahr dazu, erzielt der VfB mit dessen Abgang in Summe ein finanzielles Plus von insgesamt rund 1,5 Millionen Euro.
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Das ist viel Geld in Zeiten der Pandemie, in denen nicht nur den VfB Existenzängste plagen. Seinen Stammplatz in der VfB-Defensive hatte Kempf, der 2018 vom SC Freiburg gekommen war, längst verloren. In den vergangenen beiden Spielen stand er gar nicht mehr erst im Kader. Obendrein ist es ein offenes Geheimnis, dass es im Zuge der gescheiterten Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung zu Dissonanzen zwischen Beraterseite (Volker Struth) und Vereinsseite (Sportdirektor Sven Mislintat) gekommen war. Das Binnenklima war daher in den vergangenen Wochen zumindest vorbelastet. Man könnte also aufgrund all dieser Punkte zum Schluss kommen, dass der Wintertransfer aus Stuttgarter Sicht Sinn ergibt.
Man kann die Dinge aber auch anders interpretieren.
Denn was passiert, etwas drastisch formuliert, wenn in ein paar Wochen die komplette Innenverteidigung des VfB aufgrund von Corona-Infektionen oder Verletzungen ausfällt? Ausgeschlossen ist dieses Szenario, das lehrten die vergangenen Monate, nicht. Kempf wäre nicht mehr da. Unabhängig von möglichen Ausfällen fehlt dem VfB künftig ein Mann mit Erfahrung, von dem man weiß, dass man ihn wohl jederzeit hätte spielen lassen können. Sein Abgang befeuert obendrein die Debatte, ob der von Sven Mislintat mit Vehemenz verteidigte Jugendstil zum Klassenverbleib führen kann – oder ob dieses Risiko, vermehrt auf junge Kräfte zu setzen, nicht zum Scheitern verurteilt ist. Sportlich also geht der VfB ein großes Risiko ein mit dem Weggang von Kempf.
Brisante Note
Dass der sich mit der Hertha einem Club anschließt, der mit dem VfB um den Klassenverbleib kämpft, verleiht dem Wechsel eine noch brisantere Note.
Im Berliner Westend jedenfalls freuen sie sich auf ihren neuen Innenverteidiger – dessen Verpflichtung wohl eine Art Vorgriff auf den offenbar spätestens im Sommer anstehenden Abgang von Nationalspieler Niklas Stark ist. Dessen auslaufender Vertrag wird so gut wie sicher nicht verlängert, sein Verbleib über diesen Winter hinaus ist zudem nicht sicher. Pikanterie am Rande: Stark hat in Struth denselben Berater wie Kempf.
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Der Hertha-Coach Tayfun Korkut kennt Kempf aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten von Juli bis Oktober 2018, Geschäftsführer Fredi Bobic wiederum fahndet gerne nach sogenannten Mentalitätsspielern – in Kempf, der bis 2026 unterschreiben soll, hat er nach eigener Beurteilung einen gefunden. Es ist also davon auszugehen, dass der Neue sofort ran darf in Herthas Innenverteidigung. Kempfs Mission ist klar: Er soll angesichts von bisher 42 Gegentoren Stabilität in die Berliner Abwehr bringen.