Überraschend verlässt Martin Kurrle das Collegium Wirtemberg. Der Uhlbacher hat mehr als 30 Jahre lang die Genossenschaft zum Erfolg geführt. Der 57-Jährige soll jetzt die Remstalkellerei aufbauen.
Der Brief löste wohl bei den meisten Mitgliedern einen Schock aus. „Unser langjähriger geschäftsführender Vorstand Martin Kurrle verlässt aus persönlichen Gründen und auf eigenen Wunsch das Collegium Wirtemberg“, teilten Vorstand und Aufsichtsrat der Weingärtnergenossenschaft vor wenigen Tagen mit. Der 57-Jährige hatte dem Betrieb immerhin seit mehr als 30 Jahren angehört und maßgeblich dessen Erfolgsgeschichte geschrieben. Er selbst befindet sich im Urlaub und reagiert nicht auf Anrufe. „Er war absolut prägend“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Rainer Bubeck, der den Verlust als enorm bezeichnet. Für die Remstalkellerei ist es allerdings ein Gewinn: Dort tritt Martin Kurrle spätestens im Februar eine neue Stelle als leitender Önologe und technischer Betriebsleiter an.
Martin Kurrle hatte im Betrieb die Oberhand
Der Uhlbacher war der Kopf der größten Stuttgarter Genossenschaft und nicht nur lange Zeit Kellermeister, sondern auch Vertriebs- und Marketingverantwortlicher. Geschäftsführender Vorstand ist er seit 2016. Damals wurde die Kellertätigkeit an Thomas Eckard übertragen, Martin Kurrle behielt aber die Oberhand. Anfang der 1990er Jahre übernahm er die Geschicke des damals noch kleinen Kollektivs – mit einem Abschluss der Hochschule in Geisenheim, als ein Önologie-Studium in Württemberg noch selten war. Er gilt als Perfektionist und die Rotenberger tauchten denn auch früh neben der Weinmanufaktur Untertürkheim in renommierten Weinführern als einzige empfehlenswerte Genossenschaft auf. Durch die Fusion mit den Uhlbachern wuchs der Betrieb auf 150 Hektar an.
„Nach 30 Jahren intensiver Zusammenarbeit möchte sich Herr Kurrle neuen beruflichen Herausforderungen stellen“, heißt es im Brief an die Mitglieder. Der Aufsichtsratsvorsitzende Rainer Bubeck betont, dass man sich nicht im Streit trenne. Aber Martin Kurrle sei in den vergangenen Monaten erkrankt gewesen, möglicherweise reifte dabei der Entschluss, etwas Neues anzufangen. Dass er wieder näher ans Produkt wolle, habe er dem Vorstand erklärt. Für die Collegen, wie sich die Mitglieder nennen, kam der Schritt überraschend. Sie hatten erst kürzlich Pläne für eine neue Strategie mit ihm erarbeitet. Das Collegium Wirtemberg will künftig Naturschutz und Nachhaltigkeit noch mehr in den Vordergrund stellen. „Die Erfolgsgeschichte des Collegium Wirtemberg ist sein Verdienst“, sagt Bubeck. Einen Nachfolger zu finden werde nicht einfach.
Ein starkes Duo für die Remstalkellerei
Bei der Remstalkellerei erwarte Martin Kurrle „eine sehr reizvolle Aufgabe“, sagt deren geschäftsführender Vorstand Peter Jung. Als „starkes Duo“ wollen die beiden den Neuaufbau der zuletzt sehr gebeutelten Genossenschaft leiten. Sie machte weniger mit gutem Wein sondern mehr wegen ihrer schlechten Finanzlage, Austritten von Ortsgenossenschaften und vielen Rücktritten in der Führungsriege von sich reden. Aber seit der Fusion der Weingärtner Remstal mit den Genossen von Schnait und Remshalden-Schorndorf im September geht es aufwärts. Zum „umfassenden Transformationsprozess“ gehört auch der Neubau einer Kellerei. „Wenn man sich etwas Neues zutraut, ist es die ideale Herausforderung und man muss zuschlagen“, findet der 34-Jährige, der seit August 2018 im Remstal tätig ist. Martin Kurrle stehe wie kein Zweiter für genossenschaftlichen, qualitätsorientierten Weinbau. In seinem neuen Job sei er „absolute Führungskraft“ und Teil der Geschäftsleitung.
Der Abschied vom Collegium Wirtemberg wirkt endgültig: Martin Kurrles Sohn Daniel hat vor zwei Jahren mit Frederike Schmidt das Naturweingut „Kleines Gut“ gegründet, und Ende 2021 sind sie mit ihren Weinbergen auch aus der Genossenschaft ausgetreten.