Trendsport in Corona-Zeiten: Stehpaddeln auf heimischen Gewässern. Foto: imago//A. Peacock

Wegen der Corona-bedingten Reisebeschränkungen haben viele die heimischen Gewässer für die hierzulande noch junge Sportart Standup-Paddling für sich entdeckt. Nachdem der Absatz von Stehpaddel-Brettern zuletzt stagniert hatte, waren die Anbieter auf die große Nachfrage nur bedingt vorbereitet.

München - Sportartikler waren mit unter den ersten, die in der Corona-Pandemie in die Knie gingen. Branchengrößen wie Adidas und Puma baten um Staatskredite, weil fast alle stationären Läden schließen mussten. „Auch bei uns ist das Geschäft kollabiert, aber nur kurzfristig“, sagt Till Eberle. Er ist Geschäftsführer und Miteigner der Firma Boards & More in Oberhaching bei München. Die Bayern sehen sich als Weltmarktführer für Bretter zum Kite- und Windsurfen. „Schon vier Wochen nach Ausbruch der Pandemie war dann aber eine unheimliche Nachfrage bei den Sups da“, sagt der Manager und meint damit Boards zum Stehpaddeln, dem dritten Standbein der Oberhachinger. Heimische Gewässer sind inzwischen voll von ihnen. Stehend übers Wasser paddeln ist zum Trendsport des Corona-Sommers geworden.

 

Eberle führt das auf die eingeschränkten Reisemöglichkeiten zurück. „Für Deutsche ist das die Möglichkeit, Beach-Feeling auf unsere Seen und Flüsse zu bringen“, sagt der frühere Profi-Snowboarder. Dazu kommt, dass das aus dem englischsprachigen Ausland nach Deutschland geschwappte Standup-Paddling (Sup) für fast jedermann geeignet ist. „Sogar mein 85-jähriger Vater supt“, sagt Eberle im Branchenjargon. Eigentlich brauche man nur Schwimmen können und etwas Gleichgewichtssinn mitbringen.

Schnell zu lernen

„In 15 Minuten kann es jeder ganz gut“, sagt auch Steven Bredow. Er ist Sup-Experte des Deutschen Kanu-Verbands und ermuntert Anfänger. „Wer regelmäßig paddelt, bekommt schnell ein Muskelgedächtnis“, sagt er. Der Körper lernt automatisch, heißt das. Zudem sei Stehpaddeln ein extrem gesunder Sport, bei dem der ganze Körper trainiert werde. Deshalb sei anfangs Muskelkater programmiert vor allem im Rumpfbereich und den Zehen, denn Anfänger stünden oft zu verkrampft auf dem Brett. Echte Verletzungen gebe es aber kaum. Die größte Gefahr beim Stehpaddeln sei wohl Sonnenbrand, ergänzt Eberle.

Beim Brett empfiehlt Bredow Markenware. „Das merkt man sofort, wenn man draufsteht“, sagt der Fachmann. Billigbretter vom Discounter seien oft zu kurz oder zu schmal und instabil. „Die machen oft die Banane und es fehlt der Service“, warnt er und meint damit, dass sie sich durchbiegen. Auch Paddel seien qualitativ sehr unterschiedlich. 1000 Euro müsse man für ein gutes Sup-Brett mit Zubehör schon investieren. Ausleihen sei aber auch eine Option, weil man da dann immer modernes Material bekäme.

Menschenschlangen vor Bretter-Verleihstationen

Aktuell seien die Menschenschlangen vor Verleihbrettern allerdings lang. „Es ist total verrückt geworden dieses Jahr“, sagt Bredow über den unverhofften Sup-Boom. Etwa eine halbe Million Stehpaddler gebe es jetzt in Deutschland, womit die Bewegung auf dem Wasser zum Breitensport geworden ist.

Voriges Jahr hat der Sup-Markt im Fachhandel noch stagniert. Für leichtes Wachstum insgesamt hat nur Lidl mit Sup-Boards für 300 Euro gesorgt, was den Discounter hierzulande auf einen Schlag zum Marktführer vor Boards & More gemacht hat. Im Fachhandel können die Bretter das Zehnfache kosten.

150 000 Stück wurden 2019 in Deutschland verkauft. Dieses Jahr dürften es rund 100 000 Boards mehr werden. „Der Markt ist leergeräumt“, stellt Eberle klar. Das gilt auch für Lidl. „Leider ist dieser Artikel gerade nicht verfügbar“, heißt es im Onlineshop des Discounters wie auch im Sportfachhandel.

Materialien können nicht rechtzeitig besorgt werden

Rechtzeitig nachproduziert werden kann nicht mehr. Die Bretter werden branchenweit in Asien gefertigt, bei Lieferzeiten von rund sechs Wochen. Bei den asiatischen Herstellern mangelt es derzeit aber auch Vormaterialien, die nicht kurzfristig besorgt werden können. Sup-Anfänger können damit derzeit nur auf Leihbretter ausweichen, was zumindest den Selbsttransport erspart. Denn speziell Bretter aus Holz und anderen festen Materialien sind bei bis zu vier Metern Länge auf dem Trockenen schwer und sperrig. Auch deshalb ist das Gros der hierzulande verkauften Boards aufblasbar. Etwa acht Kilogramm wiegt diese Variante. Sie ist zusammengefaltet nur noch so groß wie ein Koffer. Wer auf ein aufblasbares Board fällt, landet zudem weich.

Die Branche vertraut darauf, dass der Markt im kommenden Jahr nicht einbricht. „Reisen könnte auch nächstes Jahr noch eingeschränkt sein“, schätzt Eberle. Ein weiterer Urlaub im Inland könne den Verkauf der Bretter anhaltend fördern. Dieses Jahr habe der SUP-Boom jedenfalls wahnsinnig geholfen. Für Boards & More zeichne sich vor allem auch durch dieses unverhoffte Zusatzgeschäft ein Jahresumsatz von 76 Millionen Euro ab und damit ein fast stabiles Geschäft nach 81 Millionen Euro im Vorjahr. Von solchen Verhältnissen können Sportartikler wie Adidas und Puma derzeit nur träumen.