Das Volksfest in Cannstatt lockt jährlich hunderttausende Besucher an. (Archivbild) Foto: dpa/Christoph Schmidt

Vor mehr als 200 Jahren rief König Wilhelm I. von Württemberg nach Missernten und Hunger das Cannstatter Volksfest ins Leben. Schon damals strömten die Menschen zum Wasen - mittlerweile hat sich das Ereignis zu einem Millionen-Geschäft entwickelt.

Stuttgart - Ein riesiges Ereignis war das Volksfest schon vor gut 200 Jahren und ist es nach wie vor: Am Freitag wird auf dem Wasen in Stuttgart wieder eines der größten Volksfeste Deutschlands eröffnet und spült Geld in die Kassen. Mit dreieinhalb bis vier Millionen Besuchern rechnen die Veranstalter beim 174. Cannstatter Volksfest, wie der Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, Andreas Kroll, am Dienstag sagt.

Zum ersten Fest 1818 waren 30 000 Menschen in das seinerzeit noch eigenständige Cannstatt mit seinen 3000 Einwohnern gekommen, wie Volksfestexperte Wulf Wager erzählt. „Insofern war das schon damals ein Mega-Event.“ 1818, nach Missernten und Hungersnöten, hatte König Wilhelm I. von Württemberg das Landwirtschaftliche Hauptfest ins Leben gerufen - der Wasen war geboren. Geboten wurden Pferderennen, Preise für Viehzucht und eine Ausstellung. Aus allen Landesteilen kamen Menschen mit Pferd, Kutsche oder zu Fuß angereist, sagt Wager, der in Cannstatt unter anderem den Volksfestumzug organisiert.

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Heute kommen die Besucher auch von weiter weg: „Wir haben eine stetige Zunahme von auswärtigen Gästen - aus den angrenzenden Bundesländern, aber auch aus der Schweiz, Italien, Frankreich, den Benelux-Staaten und aus Übersee“, sagt ein Sprecher der Veranstalter. Geschätzt spült Volksfest rund eine halbe Milliarde Euro in die Kassen von Hoteliers, Wirten oder Handwerkern, rechnet ein Sprecher der Landeshauptstadt vor - beim Münchner Oktoberfest liegt der Wirtschaftsfaktor laut Stadt bei 1,2 Milliarden Euro.

Mehr als 2500 Arbeitsplätze

Auf dem Wasen-Gelände allein gibt es mehr als 2500 Arbeitsplätze, von Schaustellerbetrieben über Festzelte bis zu Markthändlern sowie Dienstleistern. Die Hotelbetten-Auslastung im Oktober 2018 lag laut dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga bei 56,9 Prozent und damit signifikant höher als im Jahresdurchschnitt (51,2 Prozent). Auch der Einzelhandel profitiere, sagt in.Stuttgart-Geschäftsführer Andreas Kroll, etwa mit dem Verkauf von Dirndl und Lederhose: „Als wir angefangen haben 2005, gab es kein einziges Geschäft in Stuttgart, in dem es Trachten gab. Mittlerweile gibts einige.“

Brauchtumsexperte Wager aber mahnt in Hinblick auf die Karo-Hemden: „Das ist keine Tracht, sondern Trachtenmode.“ Vor 200 Jahren seien die Besucher zwar vornehmlich in Tracht gekommen, „die bäuerliche Bevölkerung hatte ja gar nichts anderes. Das war ihr Alltagsgewand.“ Allerdings sah dies anders aus als das meiste, worin sich heute Besucher kleideten: „Wir haben keine kurzen Lederhosen hier in Württemberg, sondern wir haben Kniebundlederhosen.“ Statt ausladender Dekolletés herrschten hochgeschlossene Kleider vor - und außerdem „gibt es keine Tracht ohne Kopfbedeckung“.

„Das ist noch nicht mal typisch bayerisch, was wir da sehen“, erklärt die Leiterin des Württembergischen Trachtenmuseum Pfullingen, Anke Niklas. „In Bayern entspricht die Tracht in vielen Regionen dem, was auch wir als eine traditionelle Tracht sehen: Zum Beispiel lange Röcke.“ Die heutige Trachtenmode greift laut Niklas nur einige frühere Stilelemente auf - „was ja völlig ok ist, das ist ja das, was Mode macht. Womit ich mich schwer tue, ist aber, das Ganze als Tracht und traditionell zu bezeichnen.“ Eine handgefertigte Tracht im Wert von mehreren Tausend Euro sei vielleicht auch nicht unbedingt das richtige Outfit fürs XXL-Volksfest, so Niklas: „Bei der Art und Weise, wie heute gefeiert wird.“

Spucktüten in Taxis

Für diese Art des Feierns sind Taxis in Stuttgart gerüstet: Die Taxi-Auto-Zentrale stelle seit Jahren Tüten für Fahrgäste bereit, denen auf der Fahrt übel wird, erzählt die Assistenz der Geschäftsführung, Nathalie Junker. Stark betrunkene Fahrgäste sollen die Fahrer trotz der Tüten nicht mitnehmen. „Wenn das Taxi verschmutzt ist, kann der Fahrer nicht mehr weiterfahren. Das ist ein Komplett-Ausfall und das geht dann wirklich ins Geld.“ Es seien zu der Zeit fast alle Fahrzeuge im Einsatz, mehr als 700. Zum Umsatz in der Volksfestzeit machte sie keine Angaben. Im Umgang mit lauten, aggressiven Gästen werden Callcenter-Mitarbeiter und Fahrgäste geschult.

Auch für die Stuttgarter Gaststätten hat das Fest nicht allein Vorteile. In Richtung Volksfest und Innenstadt könnten Betriebe auf zusätzliche Gäste hoffen, so der Dehoga-Sprecher. „Betriebe in Randbereichen der Stadt profitieren dagegen erfahrungsgemäß weniger und können unter Umständen sogar Gäste und Umsatz wegen der Verlagerung in Richtung Volksfest verlieren.“

Für den Rausch auf dem Wasen müssen die Gäste tiefer denn je in die Tasche greifen. Im Dinkelacker Festzelt wird die Maß Bier 11,20 Euro kosten - Rekord. Das kündigte dessen Festwirt Werner Klauss wenige Tage vor der Eröffnung am Freitag (15.00) an. In den übrigen sechs großen Festzelten müssen für die Maß nach Angaben des Veranstalters zwischen 10,80 Euro und 10,90 Euro gezahlt werden. Klauss, der auch Sprecher der Festwirte ist, rechtfertigt die Preiserhöhung unter anderem mit stetig steigenden Kosten. Zum Umsatz äußerte er sich nicht, nur so viel: Rund 200 000 Maß Bier würden in den 17 Tagen Volksfest in dem Zelt ausgeschenkt.

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