Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Verhältnissen haben immer noch schlechtere Bildungschancen. Foto: dpa/Arno Burgi

Nach dem Haupt- und Realschulabschluss möchte die Hälfte einen Beruf erlernen oder strebt einen höheren Schulabschluss an. Schüler mit Migrationshintergrund oder Bonuscard sind in dieser Gruppe weniger häufig vertreten.

Stuttgart - Die amtliche Bildungsstatistik des Bundes ist eindeutig: Jugendliche aus Migrationsfamilien haben häufiger keinen Schulabschluss, und wenn, dann häufiger einen niedrigeren als andere Jugendliche. Das Gleiche gilt für Jugendliche aus finanziell schwachen Familien. Die Stadt Stuttgart hat diesen Befund überprüft – und bestätigt.

Erhebung der sozialen Unterschiede

Die Vergleichserhebung vom Ende des Schuljahrs 2018/19 an Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen erfasst sämtliche öffentlichen Schulen sowie fast alle Schulen in freier Trägerschaft und Daten zu insgesamt 2617 Schülerinnen und Schülern.

Unterschiede beim Bildungsgrad

Die Jugendlichen waren zum Zeitpunkt der Erhebung durchschnittlich 16,4 Jahre alt. Knapp 60 Prozent haben einen Migrationshintergrund gehabt, rund ein Viertel gehörte zu einer Familie mit Bonuscardberechtigung. Unterschiede zeigen sich bereits beim Bildungsabschluss: Von den Jugendlichen aus Familien mit Bonuscard haben 51,6 Prozent die Sekundarstufe I mit mittlerem Bildungsabschluss verlassen. Dieser Anteil liegt bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 59,9 Prozent, bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es 74,7 Prozent.

Durchschnittlich war auch das Leistungsniveau der Jugendlichen mit Bonuscard niedriger. Nach Einschätzung der Lehrkräfte haben mehr als ein Drittel (34,3 Prozent) nur ein ausreichendes oder gar ein schlechteres Leistungsniveau erreicht. Der Kontakt zwischen Eltern und Lehrkräften war im Abschlussjahr nicht flächendeckend möglich (71,8 Prozent).

Oftmals kein Zugang zu Eltern

Immerhin wollten aber drei Viertel der Schülerinnen und Schüler aus der Klassenstufe 9 einen höheren Bildungsabschluss anstreben, rund zehn Prozent eine Berufsausbildung. Nach Klasse zehn zeigten sich mehr als die Hälfte der Jugendlichen bereit, auf unterschiedliche Art zu einem höheren Bildungsabschluss zu kommen, mehr als ein Viertel steuerten eine Berufsausbildung an. Für das Sysem der vielfältigen Bildungswege in Baden-Württemberg sind das gute Nachrichten: die Übergangsentscheidung nach der Grundschule legt den weiteren Bildungsweg nicht abschließend fest. Am Ende des Schuljahrs 2018/19 wussten 193 Schülerinnen und Schüler (7,3 Prozent) nach Angaben ihrer Lehrkräfte selbst noch nicht, welchen Pfad sie einschlagen wollten. Mehr als ein Viertel von ihnen war älter als 18 Jahre alt und damit nicht mehr schulpflichtig. Das Risiko einer unsicheren Berufsbiografie wird bei ihnen als hoch eingeschätzt. Derzeit wertet die Abteilung Bildungspartnerschaft die zweite Verbleibserhebung aus dem Schuljahr 2019/20 aus. Die Befunde sollen verglichen und um die Frage erweitert werden, wie sich die Pandemie auf die Chancen der Schüler auswirkt, auch im Hinblick auf den Ausbildungsmarkt. Dazu werde es eine Studie Corona und Bildung geben, kündigt die Stadt an.

Der Wegfall der Schulpflicht birgt Risiken

„Der Bildungsbericht hat Spuren gelegt, worauf wir besonders schauen müssen“, sagt Kornelius Knapp, der Leiter der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft. Als „Daueraufgabe“ bleibe, den schulischen Erfolg von dem sozioökonomischen Status der Eltern zu entkoppeln, unter anderem durch außerschulische Bildung und Betreuung. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Sport, die Jugendhilfe, die konfessionellen Einrichtungen einen unglaublichen Einfluss auf die Bildungsbeteiligung der Jugendlichen haben. Nun müssen wir überlegen, wie wir an das Thema herangehen“, so Knapp.

Runder Tisch tritt zusammen

Unter anderem biete man Schulen die Diskussion darüber an, welche Handlungsmöglichkeiten dort bestehen, welche strukturellen Verbesserungen gebraucht würden. Entsprechend dem Wunsch aus dem Schulbeirat soll ein runder Tisch gebildet werden unter Beteiligung der Schulen. „Die Verwaltung will den Schulen nicht vorgeben, was geändert werden soll, dafür ist das Thema zu komplex“, sagt Kornelius Knapp. Wann der erstmals zusammentreten kann, hänge vom Pandemiegeschehen ab.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: