Queere Menschen werden immer wieder benutzt, um die Gesellschaft zu polarisieren. Der CSD ist ein guter Anlass, um sich klar zu werden: Die Gemeinsamkeiten sind viel größer als die Unterschiede, meint unser Autor Florian Gann.
Zehntausende Menschen werden beim Christopher Street Day (CSD) an diesem Samstag wohl durch Stuttgarts Straßen tanzen, Hunderttausende werden am Straßenrand mitwippen, die ganze Innenstadt ist dann eine Party. Eine, die darauf bedacht ist, dass sich hier alle wohlfühlen, egal ob man im Glitzeroutfit, in Leder oder einfach in Jeans und Birkenstocks vorbeikommt, egal welchem Geschlecht man sich zuordnet und ob man auf Frauen, Männer oder alles zugleich steht. Was für ein wunderbares Fest, was für ein schönes Zeichen, dass die Vielfalt in unserer Gesellschaft anerkannt ist. Ist also alles gut? Alles erreicht, was queere Menschen erreichen wollten?
Queere Menschen als Trigger
Man braucht in sozialen Medien keine zehn Sekunden, um abfällige Äußerungen über den CSD oder die LGBTQ++-Community, also die Gemeinschaft der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, intergeschlechtlichen und queeren Menschen, zu finden. Die Zahl der Übergriffe auf queere Menschen steigt jedes Jahr an. Die Angriffe in sozialen Medien werden härter, wenn man sich als queer erkennbar gibt. Da fallen Sätze wie „früher hätte es das nicht gegeben“, eine Anspielung darauf, wie Nazis mit queeren Menschen umgegangen sind. So erzählen es Leute aus der Szene. Das alles zeigt: Einerseits ist Deutschland ein Land, das Vielfalt lebt. Das zeigen die gleichgeschlechtliche Ehe, das Selbstbestimmungsgesetz und die Menschen, die Events wie den CSD möglich machen. Andererseits lösen diese Themen Gefühle in Deutschland aus wie kaum zuvor.
Gerade radikal rechte Kräfte versuchen das zu befeuern. Diese Akteure nennt der Soziologe Steffen Mau Polarisierungsunternehmer: Sie versuchen eine scharfe Grenze zu ziehen, ein Denken in Gegensätzen zu verankern, ein „Wir“ und „Die“ zu etablieren. Und jetzt solle es bitteschön endlich mal wieder um uns gehen, so der Tenor. Hier wird ein Thema benutzt, um die Wut mancher Menschen auf eine bestimmte Personengruppe zu lenken. Es ist eine Stellvertreter-Diskussion, durch die kein Krieg endet, keine schmerzlich hohen Preise sinken, keine Klimakrise gelöst wird.
LGBTQ+, das heißt nicht automatisch links
In diesem Gedanken liegt ein grundsätzlicher Irrtum: Dass queere Menschen völlig anders seien als alle anderen. Wer sagt denn, dass queere Menschen in vielerlei Hinsicht nicht auch die einfachen, normalen Menschen sind, für die die Politik so oft dasein will? Die LGBTQ+-Community ist im Inneren auch vielfältig. Nicht alle verstehen die Anliegen der anderen, schwule Männer manchmal nicht die von trans Frauen, trans Frauen manchmal nicht die von non-binären Menschen. Wer queer ist, ist nicht auch automatisch links und progressiv. Es gibt unter ihnen Konservative, Reiche und Arme, Tolerantere und weniger Tolerante. Queere Menschen haben unterschiedliche Ansichten, ihre Widersprüche und Alltagsprobleme – wie alle anderen auch. So betrachtet gibt es nur ein „Wir“, kein „Die“. Wenn man nun politische Akteure unterstützt, die von den Rechten queerer Menschen nichts mehr wissen wollen: Wer garantiert, dass diese andere Interessen nicht auch ignorieren – etwa von Niedrigverdienern oder Alleinerziehenden?
Sich mit queeren Menschen auseinanderzusetzen heißt also auch, sich damit auseinanderzusetzen, was uns als Gesellschaft ausmacht. Man muss dabei nicht immer einer Meinung sein, aber man kann versuchen, einander zu verstehen. Der CSD ist ein guter Anlass, das auszuprobieren. Warum nicht hingehen, jemand ansprechen und nachfragen, was ein homosexuelles oder ein trans Leben eigentlich bedeutet, welchen Vorurteilen man begegnet, welche Widerstände man ertragen muss? Es trägt zu dem bei, was wir alle suchen: Als das anerkannt zu werden, was wir sind.