Insektensterben, weniger Tier- und Pflanzenarten, Rückgang vieler Lebensräume: Thomas Köhler möchte etwas dagegen tun. Er ist Mähwiesen-Botschafter des Landkreises Esslingen.
Austausch schwierig: Ein Fachsimpeln unter Kollegen dürfte für Thomas Köhler problematisch sein – mangels Kollegen. Denn der 31-Jährige ist Mähwiesen-Botschafter beim Landschaftserhaltungsverband (LEV) Kreis Esslingen. Er übt damit einen seltenen Orchideenjob aus, den es im Kreis nur ein einziges Mal gibt.
Kennen Sie weitere Mähwiesen-Botschafter?
In Baden-Württemberg haben die meisten Landkreise einen Mähwiesen-Botschafter. Die Stelle ist entweder bei den Landschaftserhaltungsverbänden angesiedelt oder Teil der unteren Naturschutzbehörde.
Andere wollen Astronaut oder Lokomotivführer werden. Ihr Traumberuf war Mähwiesen-Botschafter?
Früher nicht. Jetzt schon. Biologie war bereits in der Schule meine große Leidenschaft. Nach dem Realschulabschluss in Neuhausen habe ich das Agrarwissenschaftliche Gymnasium in Nürtingen besucht. Mit dem Fachabitur in der Tasche reiste ich mit Freunden durch Irland, habe dort in der Landwirtschaft gejobbt und Spaß daran gehabt. Die Liebe zur Biologie ist noch stärker geworden und ich habe Lehramt an Gymnasien für Biologie und Englisch in Stuttgart studiert.
Lehrer wäre jetzt kein so außergewöhnlicher Beruf gewesen...
Und auch kein Beruf, der zu mit gepasst hätte. Darum habe ich das Referendariat nicht gemacht. Während eines Auslandssemesters in Dänemark habe ich ökologische Seminare besucht. Das war mein Ding. Darum habe ich Landschaftsökologie in Hohenheim studiert. Seit drei Jahren arbeite ich als Projektmanager beim Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL) in Ansbach. Der Job hat mir viel Spaß gemacht, doch manchmal wäre ich gerne öfter draußen gewesen.
Manche Menschen wissen gar nicht, was ein Mähwiesen-Botschafter ist
Und das können Sie als Mähwiesen-Botschafter?
Ja, das war ein Volltreffer. Ich habe mich auf die Ausschreibung des Landschaftspflegeverbands im Kreis Esslingen beworben und die Stelle im Juli angetreten. Nun habe ich zwei halbe Stellen. Für den DVL arbeite ich weiterhin. Da kann ich sehr viel im Homeoffice erledigen.
Wenn Sie die Frage nach Ihrem Beruf wahrheitsgemäß beantworten, wie fallen die Reaktionen aus?
Die meisten Menschen wissen erst einmal nichts damit anzufangen. Aber dann erkläre ich, wie wichtig die Tätigkeit ist.
Und warum genau ist Ihre Tätigkeit wichtig?
Jeder liebt die klassische Blumenwiese, weil sie schön aussieht und die Landschaft aufwertet. Aber sie ist auch ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Sie dient damit dem Erhalt der Artenvielfalt und bietet Tieren wie Wildbienen, Schmetterlingen oder Heuschrecken Nahrung und Unterschlupf. Viele intakte Mähwiesen können dann Populationen miteinander vernetzen – Stichwort Biotopverbund.
Stimmt es, dass auch Wildbienen gefährdet sind?
Laut der Krefeld-Studie von 2017 gab es innerhalb von 27 Jahren einen drastischen Rückgang der fliegenden Insekten. Forschende verzeichneten über 75 Prozent weniger wildlebende Insektenbiomasse in verschiedenen deutschen Schutzgebieten. Dieses Insektensterben kann negative Auswirkungen auf die Ökosysteme haben, wenn etwa die Insekten als Bestäuber und Vogelnahrung fehlen.
Und was ist nun Ihre Aufgabe?
Ich kümmere mich um Erhalt und Aufwertung der Mähwiesen. Sehr viele sind nicht in einem erwünschten ökologischen Zustand. Ich kontaktiere die Landwirte, um mit den Betrieben gemeinsam eine Verbesserung zu erreichen.
Reagiert ein gestandener, selbstbewusster Landwirt nicht ablehnend?
Nein, viele Landwirte stehen dem Thema grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, einige sind sogar stolz darauf, dass ihre Wiesen bunt und artenreich sind. Ich werbe in der Regel damit, dass die Mähwiesen Verbesserungspotenzial haben.
Und das funktioniert?
Ja. Sehr gut sogar. Es ist ja auch meine Aufgabe, für die Bedeutung der Mähwiesen zu sensibilisieren. Immerhin ist das ein Lebensraum, der durch verschiedene Gesetze und Richtlinien streng geschützt ist. Manche Landwirte reagieren zunächst etwas verhalten bei meinem Anruf, aber auf totale Ablehnung bin ich noch nie gestoßen. Dann mache ich mit dem Landwirt einen Termin aus. Wir treffen uns vor Ort und schauen, was gemacht werden kann.
Wie viele Mähwiesen gibt es denn und in welchem Zustand sind sie?
Für den Kreis Esslingen liegen mir keine Zahlen vor. Doch Mähwiesen gibt es im europaweiten Vergleich vor allem in kontinentalen Regionen Süddeutschlands. Rund 44 Prozent der Flachland-Mähwiesen und 19 Prozent der Berg-Mähwiesen in Deutschland befinden sich in Baden-Württemberg. In unserem Bundesland sind aktuell etwa 40 Prozent dieser Mähwiesen nicht in dem qualitativ guten Zustand der Wertstufe A oder B, sondern nur im durchschnittlichen oder beschränkten Zustand der Kategorie C.
Mähen und Düngung: So steigen Mähwiesen in die A-Klasse auf
Wie steigen Mähwiesen in die A-Klasse auf?
Indem sie zweimal im Jahr gemäht und nur alle zwei bis drei Jahre, bestenfalls mit Mist, gedüngt werden. Der erste Schnitt sollte dabei vergleichsweise spät Anfang bis Mitte Juni erfolgen. In manchen Fällen mähen Landwirte zu selten. Dann werden die lichtbedürftigen Kennarten der Mähwiesen, also Pflanzenarten, die für einen bestimmten Lebensraum charakteristisch sind und vorwiegend dort vorkommen, überwuchert – viele Pflanzenarten haben dann keine Chance mehr. In anderen Fällen werden die Flächen häufig gemäht und zu intensiv gedüngt. Dann muss die Bewirtschaftung runtergefahren werden. Ich erkläre Landwirten, wie sie ihre Mähwiesen aufwerten können, berate über Fördermöglichkeiten und unterstütze bei der Antragstellung. Ich begleite Landwirte beim Prozess der Qualitätsverbesserung ihrer Mähwiesen und halte den Kontakt aufrecht.
Wie finden Sie die Mähwiesen?
Es gibt offizielle und unabhängige Kartierungen, in denen die Flächen mit Erhaltungszuständen und detaillierter Beschreibung eingetragen sind.
Wie entscheiden Sie, um welche Mähwiese Sie sich kümmern?
Hier entscheidet die Größe. Die Flächen im Landkreis sind zum überwiegenden Teil deutlich kleiner als ein Hektar. Das erhöht den Beratungsaufwand. Durchschnittlich umfassen die Mähwiesen etwa 0,5 Hektar. Meist suche ich mir die größeren heraus, weil damit mehr erreicht werden kann. Trotzdem kümmere ich mich auch um kleinere Flächen, insbesondere dann, wenn sie ohnehin im selben Gebiet wie die großen Flächen liegen. Gerne können sich interessierte Landwirte für ein Beratungsgespräch an mich wenden.
Der Botschafter und seine Mission
Person
Thomas Köhler wuchs in Neuhausen auf den Fildern auf. Während seines Studiums der Landschaftsökologie in Stuttgart-Hohenheim lernte er die Beziehungen zwischen Klima, Boden, Biodiversität, Landnutzung und Naturschutz kennen. Seit Juli 2025 ist er Mähwiesen-Botschafter beim Landschaftserhaltungsverband Landkreis Esslingen.
Verband
Der im Oktober 2016 gegründete Landschaftserhaltungsverband (LEV) ist für die Erhaltung und Weiterentwicklung von Kulturlandschaften zuständig. Mitglieder in dem gemeinnützigen Verein sind der Landkreis Esslingen, 40 der 44 Kreiskommunen, drei Privatpersonen sowie 14 Mitgliedsverbände und –vereine. Für den LEV arbeiten ein Geschäftsführer, seine beiden Stellvertreterinnen , eine Biotopverbund-Botschafterin und der Mähwiesen-Botschafter. Solche Verbände gibt es in 33 von 35 baden-württembergischen Landkreisen.