Autos ohne Unterlass: Am Neckartor ist die Belastung mit Feinstaub die größte in ganz Deutschland. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Feinstaub? Das Wort dominiert eine Stadt, viele wissen aber gar nicht, wie er zustande kommt, wie er sich auswirkt, wie ihm beizukommen ist. Sieben Fakten, die Sie unbedingt wissen sollten.

Stuttgart - Wie sehr stauben die Autos und wie schlimm verpesten sie die Luft? Welche Schritte braucht es gegen Feinstaub und Stickoxide? Diese Fragen treiben Stuttgart um. Wir greifen sie auf und stellen dar, wie die Probleme gelagert sind. Wir zeigen auf, was bisher geschehen ist und wie es in den nächsten Jahren weitergehen könnte.

b>Staub macht krank

Wenn die Partikel in die Atemwege eindringen, können sie diese Organe auf vielfältige Weise direkt schädigen. Die Schleimhäute werden gereizt, es kommt zu lokalen Entzündungen und Abwehrreaktionen des Körpers. Lungenentzündungen und andere Lungenkrankheiten bis zu Lungenkrebs sind die Folge. Sehr kleine Feinstaubpartikel schaffen es bis in die Blutgefäße.

Sowohl die staubförmigen Fremdkörper selbst als auch die daran angelagerten Substanzen aller Art – die oft ziemlich giftig sein können – führen zu Immunreaktionen des Körpers und in der Folge zu vielfältigen Erkrankungsmöglichkeiten. Besonders betroffen ist das Herz-Kreislauf-System, wodurch das Risiko beispielsweise von Herzinfarkten und Schlaganfällen wächst. Erst kürzlich haben Forscher herausgefunden, dass winzige Partikel aus Verbrennungsmotoren zudem Viren aktivieren können, die in Lungengewebszellen „ruhen“.

So belastet der Feinstaub die Atemwege

Die Abgase

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, das wusste schon Bundeskanzler Helmut Kohl. Beim Auto ist das entscheidend. Aus dem Auspuff dringen beim Diesel, aber auch bei neueren Benzinern, Feinstaub und vor allem beim Diesel Stickstoffdioxid. Von den Herstellern wurde der Selbstzünder gepusht, weil mit ihm die Vorgaben für den Kohlendioxid-Ausstoß besser eingehalten werden können, der Diesel punktet beim Verbrauch.

Zum Stickstoffdioxid-Aufkommen trägt der Verkehr am Neckartor samt Hintergrundbelastung rund 70 Prozent bei. Der hohe Anteil macht deutlich, dass ein Diesel-Verbot oder eine funktionierende Abgasreinigung mit Harnstoffeinsatz durchschlagende Wirkung hätte. Beim Feinstaub ist dank der inzwischen vorgeschriebenen Filtertechnik der Anteil aus dem Auspuff mit sechs Prozent gering. Wegen der Direkteinspritzung emittieren auch Benziner Feinstaub. Auch für sie sollen Filter verbindlich werden.

So setzen sich die Schadstoffe am Neckartor zusammen:

Die Kaminöfen

Das vom Land verhängte Verbot der Benutzung von Komfortkaminen soll in Stuttgart vom 1. März an kontrolliert werden. Das Verbot gilt im gesamten Stadtgebiet von Stuttgart im Winterhalbjahr vom 15. Oktober bis 15. April an Feinstaubalarmtagen. Betroffen sind Einzelraumfeuerungen für Festbrennstoffe, die zusätzlich zu anderen Heizungen betrieben werden, also nicht der Grundversorgung dienen. Allerdings gibt es Ausnahmen für Anlagen, die verschärfte Anforderungen erfüllen, nach dem 31. Dezember 2014 errichtet oder nachträglich mit Partikelabscheidern ausgestattet wurden. Momentan arbeitet die Stadt an einem Konzept, wie über das Verbot informiert und wie es kontrolliert werden soll. Nur wer wiederholt das Verbot missachtet, muss mit einem Bußgeld rechnen. Für die Kontrollen schafft die Stadt drei Personalstellen. Das Betriebsverbot soll über das Internet bekannt gemacht werden. Dafür muss eine Satzung aus dem Jahr 1969 angepasst werden, worüber der Gemeinderat am 16. Februar entscheidet. (dud)

Heizungen

Nach Angaben der Landesanstalt für Umwelt haben kleine und mittlere ­Feuerungsanlagen einen Anteil von 20 Prozent an der PM-10-Belastung, bei den gefährlicheren und kleineren PM-2,5-Teilchen sind es sogar 38 Prozent. Diese Werte beziehen sich auf Baden-Württemberg. Diese Belastung resultiert zu 94,5 Prozent aus der Verbrennung von Holz. Andere Brennstoffe spielen eine untergeordnete Rolle: Heizöl 4,1 Prozent, Kohle 1,3 Prozent und Brenngase 0,1 Prozent. Allerdings sind die Kohlekraftwerke und Industrieanlagen an der ­Hintergrundbelastung beteiligt. Ins ­Visier der Politik sind nun die Holz­feuerungsanlagen gekommen, die nicht in erster Linie zum Heizen genutzt werden – diese Komfortkamine dienen vor allem einer heimelige Atmosphäre im Wohnzimmer. Die etwa 20 000 mit Holz befeuerten Kamine in Stuttgart tragen nach Angaben des Landes als zweitgrößter Verursacher zur Feinstaubbelastung am Neckartor bei. Nach einer LUBW- Untersuchung kann der Anteil der ­Holzfeuerung an der Feinstaubbelastung an einzelnen Messstellen im Land bis zu 32 Prozent betragen, am Neckartor wird ihr Anteil mit fünf bis neun Prozent angegeben. Allerdings, so die LUBW, hebe dieser Anteil an rund einem Fünftel der Überschreitungstage den Wert über den EU-Grenzwert. Die Feinstaub-Emission bei einer Stunde Betrieb liegt bei Kaminöfen im schlechtesten Fall bei mehr als 3000 Milligramm pro Stunde, entsprechen die Anlagen dem Stand der Technik sind es maximal 1000 Milligramm pro Stunde, Pelletkessel nach dem Stand der Technik haben die Hälfte. Bei Ölheizungen liegt die Feinstaub-Emission pro Stunde zwischen 180 und 80 Milligramm, bei Steinkohleheizungen zwischen 1025 und 450 Milligramm.

Es rollt und reibt

Nicht nur die Emission aus der Verbrennung von Kraftstoff, auch andere Komponenten am Auto tragen zur Feinstaubbilanz bei. Dazu gehören Gummi-Teilchen, die durch Reifenabrieb zurückbleiben und Partikel von Bremsklötzen und -scheiben, die sich mit jedem Tritt auf das Bremspedal abreiben. Wer seine Felgen säubert, sieht die Rückstände deutlich.

Das Stopp and Go des Verkehrs trägt am Neckartor insgesamt zu 39 Prozent des Feinstaubes bei. Auch Elektroautos können es nicht besser, sagen die Kritiker. Natürlich hat ein Elektroauto auch Reifen und Bremsen, die Verzögerung erfolgt aber auch durch Rekuperation, also die Zurückgewinnung von Energie. Dabei wird der Motor zum Generator und es fließt Strom zurück in die Batterie. Wie stark diese Elektrobremse eingreift, lässt sich einstellen. Neuere E-Autos können damit komplett zum Stillstand gebracht werden. Man hat versucht, den Staub mit Bindemitteln oder Wasser zu bekämpfen, doch der Effekt von lang anhaltendem Regen lässt sich offenbar nicht künstlich nachahmen. Eine Sprinkleranlage an jeder Kreuzung, wie sie Thomas Bareiß, der energiepolitische Sprecher der ­CDU-Fraktion im Bund jüngst vorschlug, brächte wohl kaum Abhilfe gegen den Abrieb. Zumindest würden die Sprinkler bei starken Minusgraden das Geschäft der Karosseriebauer sichern.

Einiges ist getan

Mit teuren Abluftreinigungsanlagen im Müllheizwerk und in Fabriken wurde dem klassischen Smog in den 1990er-Jahren der Schrecken genommen. Der Kampf gegen Krankmacher aus dem Verkehr lief mit dem Luftreinhalteplan Stuttgart Ende 2005 richtig an. Im März 2008 wurde die Umweltzone Stuttgart eingerichtet. Fortan brauchten Autos Umweltplaketten. Zweimal wurden die Anforderungen verschärft. Die Stadt optimierte zudem den Verkehrsfluss und kassierte mehr Parkgebühren, um Pendlerautos fernzuhalten. Ein früher erprobtes Lkw-Durchfahrtsverbot wurde 2010 dauerhaft eingeführt. Zwei Überarbeitungen des Luftreinhalteplans brachten auch ein Tempo-50-Limit auf der B 14, Tempo-40-Limits auf Steigungsstrecken und das Jobticket mit stärkeren Anreizen zum Umsteigen auf Busse und Bahnen. Außerdem kamen Bemühungen um bessere Baumaschinen sowie um Elektroautos – und 2016 der Feinstaubalarm. Im Kampf gegen Feinstaub kam man voran, beim Stickstoffdioxid kaum. Man erkannte: Ohne Reduzierung des Autoverkehrs im Talkessel geht es nicht.

Weiteres ist nötig

Bis Ende August sollen die Landesbehörden mit der dritten „Fortschreibung“ des Luftreinhalteplans fertig werden. Dazu hat sich das Land gegenüber klagenden Bürgern verpflichtet. In dem Plan wird der Kurs für neue Maßnahmen abgesteckt, um die Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid stadtweit einzuhalten. Seit Donnerstag zeichnet sich ab, dass das Land den Autobestand auf den Straßen – trotz Widerstand der CSU im Bund – weiterhin mit einer neuen blauen Plakette umwelftfreundlicher gestalten will. Vor allem Diesel bis zur Euronorm 5 sollen so unschädlich gemacht werden. Andererseits will man so praxistauglich sicherstellen, dass modernere Diesel weiterhin fahren dürfen. Wechselnde Fahrverbote an kritischen Tagen für Autos mit gerader oder ungerader Ziffer im Kennzeichen möchte man vermeiden. Bisher wollten Stadt und Land die blaue Plakette erst 2020 kontrollieren, damit weniger Autohalter betroffen wären als heute. Durch Gerichtsklagen ist das Land aber unter Druck, schon 2018 die Luft wirksamer zu verbessern. Wann und was die Richter urteilen, ist ungewiss.

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