Kinder allein zuhaus: Was macht die Corona-Isolation mit den Kleinen? Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Die meisten Kita- und Grundschulkinder bleiben noch eine Weile zuhause – ohne Freunde und Spielplätze. Was macht das mit den Kindern? Und was können Eltern und Politik tun? Ein Interview mit der Psychologin Dominique Rauch.

Stuttgart - Die Last auf den Familien mit Kita- und Grundschulkindern ist derzeit enorm. Dominique Rauch, Psychologie-Professorin an der PH Ludwigsburg, erklärt im Interview, was es für Kindern bedeutet, wenn sie über lange Zeit isoliert sind. Und sie sagt, wie kritisch sie die Entwicklung sieht.

 

Frau Rauch, was macht das mit Kindern, wenn sie über Wochen, ja Monate keine Gleichaltrigen treffen können?

Kindern fehlt so viel. In Kita und Kindergarten gab es eine Struktur, einen Rhythmus. Und ganz wichtig: Sie treffen dort Kinder in ihrem Alter und können die Angebote der Erzieherinnen und Erzieher nutzen. Jetzt leben sie allein mit Eltern, die ganz unterschiedliche Aufgaben unter einen Hut bringen müssen. Aber da ist ein Zielkonflikt: Die Eltern müssen arbeiten, aber auch schauen, dass die Kinder sinnvoll beschäftigt sind. Kinder bis zu einem Alter von fünf Jahren können das nicht gut alleine. So erleben Kinder gestresste Eltern, die vielleicht noch ältere Geschwister im Home Schooling unterstützen müssen. Das heißt: Kinder sind zuhause mit überforderten Eltern. Das führt dazu, dass Kinder gestresst, traurig und wütend sind.

Was macht das aus entwicklungspsychologischer Perspektive mit den Kindern?

Jüngere Kinder lernen wichtige Dinge von anderen Kindern. Sie brauchen andere Kinder als Rollenvorbild. Aber auch alles, was die Erzieherinnen und Erzieher für sie vorbereiten – also das angeleitete Spiel, die räumlichen Möglichkeiten auch zur Bewegung – brauchen jüngere Kinder massiv. All das fällt weg. Kinder können das durch nichts ersetzen.

Lesen Sie hier: „Die Mehrheit der Kinder genießt die viele Zeit zu Hause“

Zum Beispiel der soziale Kontakt. Wir Erwachsene nutzen elektronische Medien, können so Sorgen und vielleicht auch Glück miteinander teilen. Kinder brauchen den unmittelbaren Kontakt, um soziale Wesen sein zu können. Das ist für die Entwicklung und für das Wohlbefinden ganz wichtig.

Was können Eltern da tun?

Die haben sehr wenig Möglichkeiten. Wenn die Institutionen geschlossen bleiben sollen, brauchen Eltern mehr Spielraum. So lange das nicht der Fall ist und die Kinder mit ihrer Kernfamilie zuhause sind, können Eltern zwei Dinge tun. Erstens Struktur in den Alltag bringen, sich einen Plan überlegen. Und, wenn es geht, sich gegenseitig entlasten, sodass man mit den Kindern spielen und toben kann. Zweitens ist es wichtig, positiv zu bleiben und die Ansprüche herunter zu schrauben. Es ist vielleicht gerade nicht die beste Zeit, dem Kind den Schnuller zu entwöhnen.

Bei älteren Kindern kommt das Home Schooling hinzu. Das ist auch nicht einfach.

Auch da helfen Struktur und Nachsichtigkeit. Natürlich werden die Ergebnisse nicht dieselben sein. Elternteile sind eben keine Lehrer. Das ist anspruchsvoll. Auch schon bei Grundschulkindern.

Und Kinder mit geringen Deutschkenntnissen werden über mehrere Monate kaum Kontakt zu deutschsprachigen Kindern und Erwachsenen haben.

Kinder mit einem mehrsprachigen Hintergrund lernen Deutsch häufig vor allem im Kindergarten. Wenn das nun Monate wegfällt, wird der Erwerb des Deutschen pausieren. Es geht nicht voran, Dinge werden vergessen, die Sprache friert ein und muss später wieder aktiviert werden. Darauf müssen sich alle Einrichtungen entlang des Bildungswegs einstellen. Das kann man im Moment auch gar nicht ändern. Für alle Kinder wird eines jetzt besonders deutlich: Die Schere zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien geht noch weiter auseinander. Das sehe ich sehr kritisch.

Was kann man überhaupt ändern? Dänemark beispielsweise hat als erstes die Kindertagesstätten geöffnet.

Familien haben hier, anders als in Dänemark, kein Sprachrohr. In Dänemark werden die Familien mitgedacht. Ob das mit der Öffnung der Kitas der richtige Weg ist, weiß keiner. Aber bei uns werden zuerst Geschäfte geöffnet. In der Politik wird hier anders gedacht. In der Schule wird vom Ergebnis her gedacht, also von den Abschlussprüfungen. Dass aber schon Kitas und Grundschulen in den Anfangsklassen einen Bildungsauftrag haben, wird weitgehend ignoriert.

Lesen Sie hier: Antworten auf acht Frage, die sich Eltern jetzt stellen

Zudem ist es schlichtweg sehr anstrengend, mit kleinen Kindern über Monate zuhause und beruflich tätig sein zu müssen. Das hat nichts mit persönlicher Entfaltung zu tun. Für die meisten Familien ist es schlicht ökonomisch notwendig. Es wird zudem stillschweigend vorausgesetzt, dass vor allem Frauen die Kinderbetreuung stemmen. In den politischen Diskussionen kommt aber nicht vor, was das für ihre Erwerbsbiografien bedeutet. Viele reduzieren nun weiter ihre Teilzeit-Prozente. Das ist ganz schwierig. In der Leopoldina-Stellungnahme stand dazu auch, dass die zusätzlichen Belastungen vor allem Frauen treffen. Es folgt aber kein Vorschlag, wie man damit anders umgehen könnte.

Wenn man über die Familienstruktur spricht, müsste man doch vor allem auf Alleinerziehende schauen.

Das ist die gefährdetste Gruppe. Die müssen ökonomisch häufig völlig selbstständig sein, sind die einzigen, die auf ihr Kind aufpassen können. Die müssen als erste wieder Angebote bekommen. Sie leiden häufig unter Ängsten, weil sie die einzige Bezugsperson für das Kind sind. Und sie haben große Angst, dass sie sich infizieren. Das ist eine ganz besondere Situation.

Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir sagen, dass uns das alle gleich trifft. Das tut es nicht. Es kommt immer auf die Familienstruktur und die äußeren Bedingungen an. Das Virus ist nicht der große Gleichmacher. Wie wohnt man? Hat man einen Garten? Sind die Kinder seit sechs Wochen auf 50 Quadratmetern eingesperrt? Das ist schon etwas Anderes.