Abends brummt der Laden: Nirgendwo sonst in der Stadt ist das Programm so vielfältig wie im Theaterhaus. Foto: Achim Zweygarth

Mit einem Brandbrief bittet der Theaterhaus-Verein um zusätzliche öffentliche Zuschüsse von Stadt und Land. Vom drohenden Konkurs ist die Rede. Sitz das Geld auf dem Pragsattel zu locker?

Stuttgart - Vier Hallen für insgesamt rund 2000 Zuschauer, ein großzügiges Foyer mit langen Bar­theken, ein „Glashaus“ für kleine Empfänge, dazu noch ein cooles Restaurant und eine Sporthalle – seit der Eröffnung der sanierten Rheinstahlhallen im Winter 2003 bietet der Pragsattel einen Kulturort mit vielen Möglichkeiten. Hauptakteur: das von Werner Schretzmeier geleitete Theaterhaus, das seit kurzem offenbar in akuten Geldnöten ist. 600 000 Euro sollen Stadt und Land in diesem Jahr zusätzlich geben, um den Betrieb am Laufen zu halten. Doch wofür? Was bietet das Theaterhaus der Landeshauptstadt überhaupt?

Das Programm Nehmen wir als Beispiel den kommenden Monat April. Das Theaterhaus-Programmheft führt für das Publikum 90 Veranstaltungen auf; es gibt Tage mit vier Terminen an einem Abend. Den Löwenanteil daran haben Vorstellungen im Schauspiel: An 15 Abenden steht das eigene Theaterhaus-Ensemble auf der Bühne, unter anderem mit Erfolgsproduktionen wie „Dirty Dishes“, „Die Känguru-Chroniken“ oder „Die deutsche Ayse“. Ganz neu im Repertoire: „Furor“, das jüngste Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz“. Dazu kommen an elf Tagen noch Theater-Gastspiele, zum Beispiel von der freien Gruppe Lokstoff.

An zweiter Position: Kabarett und Comedy. Özcan Cosar, Patrizia Moresco, Maxi Gstettenbauer oder Matze Knop decken ein großes Humor-Spektrum ab und locken an insgesamt 21 Abenden. Weitere Schwerpunkte des Programms sind Konzerte von Pop bis Klassik (das SWR Symphonieorchester spielt zweimal „Peter und der Wolf“), Shows („Havana Nights“ aus Kuba), Lesungen (Jakob Augstein und Nikolaus Blome) und Diskussionen. Und über Ostern steht das Theaterhaus ganz im Zeichen der Theaterhaus-Jazztage: insgesamt 16 Konzerte von Swing-Reminiszenzen bis hin zur aktuellen Szene.

Nicht alle diese Angebote liefert das Theaterhaus originär, zuweilen bietet es auch nur den Raum zum Beispiel für einen privaten Konzertveranstalter. Für das Publikum aber ergibt sich ein Veranstaltungsprogramm, wie es so vielfältig quer durch alle Genres an keinem anderen Kulturort Stuttgarts zu finden ist. Auf Gauthier Dance müssen die Tanzfans allerdings im Monat April verzichten: Die Kompanie ist unterwegs auf Gastspielen in Chicago, Berlin und St. Petersburg.

Ist das Haus chronisch unterfinanziert?

Die Besucher Knapp 300 000 Zuschauer pro Jahr kommen im Schnitt ins Theaterhaus; 2018 waren es nur rund 275 000, was das Haus unter anderem mit dem langen heißen Sommer erklärt. Die Besucher kommen natürlich nicht nur aus Stuttgart, sondern aus der ganzen Region – und bieten aufgrund des breit gefächerten Programmangebots eine Mischung von Altersgruppen und sozialer Herkunft, wie man es sich andernorts nur wünschen kann. Die Finanzen Laut Haushaltsplan 2018 lag der Gesamtetat des Theaterhauses bei rund 9,8 Millionen Euro. Rund 4,5 Millionen Euro machen davon allein die Personalkosten aus für 107 Festangestellte und weitere 45 Mitarbeiter.

Rund 70 Prozent des Budgets erwirtschaftet das Theaterhaus selbst – aus den Verkäufen an den Eintrittskassen, aus Vermietungen, aus Beiträgen der Sponsoren. Die restlichen rund 30 Prozent sind öffentliche Zuschüsse, knapp 2,9 Millionen Euro von Stadt und Land für die Institution, oben drauf weitere 63 000 Euro für einzelne Projekte wie zum Beispiel das alle zwei Jahre im Sommer veranstaltete Tanzfestival Colours.

Wenn für einen ausgeglichenen Jahresabschluss 2018 jetzt weitere 600 000 Euro an öffentlichen Zuschüssen fehlen, liegt das nach Angaben des Theaterhauses auch an drei Sponsoren, die kurzfristig aus der Finanzierung ausgestiegen sind: Das Theaterhaus braucht die Zuschüsse von privater Seite offenbar nicht nur, um besondere Projekte zu finanzieren, die man notfalls auch wieder streichen könnte, sondern für den normalen, laufenden Betrieb. Vielen Kultureinrichtungen in der Stadt geht es so; Kulturpolitiker sprechen in solchen Fällen von „Unterfinanzierung“.

Gauthier Dance ist ein Lieblingskind des OB

Die Kritik Entstanden ist das Theaterhaus aus der alternativen Kulturszene von Stadt und Region. Der freien Szene ist das Programm auf dem Pragsattel allerdings inzwischen zu sehr vom Mainstream geprägt. Tatsächlich sind manche Akteure, die einst im alten Theaterhaus in Stuttgart-Wangen noch aufgetreten waren, nach dem Umzug auf den Pragsattel heimatlos geworden. Der Theaterhauschef Werner Schretzmeier weist allerdings auf die Notwendigkeit einer Mischfinanzierung des Programms hin: Mit Comedy, Shows und Musicals finanziert er andere Sparten wie etwa das Schauspiel, das nicht kostendeckend arbeiten kann. Mit anderen Worten: Ohne Mainstream gäbe es auch keine Spitzenkunst.

Nicht nur Lob, sondern auch Kritik erntet der eindrucksvolle Ausbau der Tanzsparte am Theaterhaus seit 2007, ein Lieblingskind auch von OB Kuhn. Der Plan Wenn sich an diesem Donnerstag im Rathaus die Spitzen von Verwaltung und Politik mit Vertretern des Theaterhauses treffen, haben letztere ein großes Ziel: Sie wollen nicht nur über einen einmaligen Sonderzuschuss von 600 000 Euro reden, sondern über eine mittelfristige Anhebung der jährlichen Zuschüsse um 1,5 Millionen Euro, aufgeteilt zwischen Stadt (1 Million Euro) und Land (500 000 Euro). „Das würde uns nach vielen Jahren endlich die Basis verschaffen, im Tagesgeschäft nicht mehr abhängig zu sein vom Wohlwollen einzelner Sponsoren“, sagt Werner Schretzmeier. Damit wäre die Kulturdebatte vor den Gemeinderatswahlen Ende Mai um ein strittiges Thema reicher.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: