Nicht um Selbstoptimierung geht es in der Selbsthilfe, sagt Hilde Rutsch. Sondern darum, besser mit sich klarzukommen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wenn gar nichts mehr geht, hilft manchmal der Kontakt zu Menschen, denen es ähnlich geht. Hilde Rutsch leitet KISS, die Selbsthilfekontaktstelle in Stuttgart. Ein Gespräch über die Kraft des Erzählens, Zuhörens und des Starkwerdens.

Das Spektrum ist groß. Es geht von A wie Absolute Beginners, also Menschen, die noch nie einen Sexualkontakt hatten, bis hin zu Z wie Zwillingseltern. Über 500 Selbsthilfegruppen gibt es in Stuttgart. Sie sind die niederschwelligste Form, um in persönlichen Krisen Unterstützung zu finden. Die Vorsätze für das neue Jahr sind nicht der schlechteste Grund, sich um sich selbst zu kümmern. Hilde Rutsch, Geschäftsführende Vorständin bei KISS, der Selbsthilfekontaktstelle Stuttgart, erklärt, wie das geht.

 

Frau Rutsch, die Welt ist gerade kompliziert. Erlebt die Selbsthilfe da ein Revival?

Wir hatten im November, Dezember viele Anfragen. Normalerweise kommt der Ansturm im Januar, weil die Menschen da offenbar ihre guten Vorsätze umsetzen wollen.

Sind Corona und die Folgen ein Grund für die große Nachfrage?

Es hat schon vorher angefangen mit Themen wie Ängste, Zwänge, Depressionen, doch Corona hat es noch einmal verstärkt. Vor anderthalb Jahren hat sich eine Gruppe zur Mediensucht gegründet. Insgesamt geht es in den letzten zwei Jahren bei telefonischen Anfragen vermehrt um diese Themen. Gerade gründet sich eine Gruppe für die Angehörigen von Depressionskranken. Eine Mutter, die einen depressionskranken Sohn hat, will wissen, wie andere damit umgehen.

Macht Selbsthilfe das Miteinander in der Familie leichter?

Nehmen wir zum Beispiel einen depressionskranken Menschen. Wenn die Menschen für die Veränderung bereit sind, dann ist das eine Chance für das ganze System Familie. Es geht nicht nur um die Depressionskranken. Für die Familie, auch die Angehörigen, kann eine Selbsthilfegruppe die Chance eröffnen, besser mit der Situation umgehen zu können und im Heilungsprozess unterstützend zu sein. Genauso ist das bei Eltern von drogenabhängigen Kindern. Es macht ja was mit mir, wenn mein Kind auf der Straße lebt. Das steckt man nicht so einfach weg.

Aber das muss man selbst entscheiden.

Ja, es bringt nichts, wenn eine Frau anruft und ihren Mann in eine Gruppe schicken will, weil er ein Suchtproblem hat. Das passiert öfters. Wir sagen dann immer, er soll selber anrufen, damit er für sich entscheiden kann, ob er Selbsthilfe wirklich ausprobieren möchte – und ihr erklären wir, dass es auch Gruppen für Angehörige gibt.

Ist das, was wir auf Neudeutsch Selbstoptimierung nenne, ein Ziel der Selbsthilfe?

Nein. Ich würde eher sagen: Hier werde ich glücklicher. Ich bleibe mir treu und schaue, wie ich damit besser umgehen kann. Es geht nicht drum, besser zu funktionieren. Es geht darum, sich besser im Leben zu bewegen und um die Befähigung, für seine Bedürfnisse einzutreten. Da kann eine Gruppe ein Übungsfeld sein.

Braucht es Mut, in eine Gruppe zu gehen?

Das ist auf alle Fälle ein mutiger Schritt. Ich muss mir erst mal eingestehen, dass etwas nicht in Ordnung ist in meinem Leben und ich es gerne anders hätte. Dann muss ich den Schritt machen, wirklich wohin zu gehen. Ich muss klopfen und die Tür aufmachen. Wir haben eine Gruppe, die heißt Absolute Beginners. Das sind Menschen, die noch keinen Sexualkontakt hatten. Wie mutig muss man sein, da in eine Gruppe zu gehen.

Und wenn man keine Gruppe findet, muss man womöglich sogar eine Gruppe gründen.

Dabei begleiten wir auch. Wir sammeln erst mal Adressen von Interessierten, laden ein, machen die Öffentlichkeitsarbeit. Bieten auch an, dass bei den ersten Treffen ehrenamtliche In-Gang-Setzer von uns dabei sind. Die haben keine Ahnung von dem Gruppenthema, wohl aber von Gruppenprozessen. Sie schauen am Anfang etwa auf die Zeit, und dass die Menschen sich gegenseitig ausreden lassen. Oder sie vereinbaren den Termin fürs nächste Treffen. Das Angebot wird auch gerne angenommen. Denn für alle steht im Mittelpunkt der Austausch mit anderen und nicht, eine Gruppe zu leiten. Alles soll niedrigschwellig sein. Das ist uns wichtig.

Ist eine Selbsthilfegruppe auf Dauer angelegt?

Von uns aus hat eine Selbsthilfegruppe kein Enddatum. Für die Menschen in der Gruppe gibt es das jedoch oft. Wenn sie merken, dass sie die Gruppe nicht mehr brauchen. Etwa beim Thema Trennung und Scheidung. Es kann ja sein, dass ich nach einem Jahr durch bin damit. Aber es kommen ja immer wieder neue Menschen in die Gruppe. Das ist das Gute. Man trifft Menschen, die schon drei Jahre getrennt sind, somit einen anderen Blick aufs Thema haben und andere so stärken. Es gab auch schon eine Gruppe, in der sich ein Paar kennengelernt hat. Fast kein Ende gibt es bei den Gruppen für Suchtkranke. Da gibt es viele Menschen, die 30, 35 Jahre in eine Gruppe gehen, weil sie sagen, suchtkrank seien sie ein ganzes Leben.

Was unterscheidet Selbsthilfe von Therapie?

Selbsthilfe kann keine Therapie ersetzen. Der große Unterschied ist, dass in der Selbsthilfe alle gleichberechtigt sind und keine Fachkraft die Gruppe lenkt und leitet und die Themen vorgibt. Eine Selbsthilfegruppe kann keine Aufarbeitung der Vergangenheit leisten. Es geht darum, sich im Moment zu entlasten und zu schauen, wie es andere machen. Es herrscht die gleiche Betroffenheit und Kompetenz. Ich weiß, dass die anderen mich verstehen, weil sie wissen, wovon ich spreche. Ich darf es auch fünfmal erzählen und niemand sagt, ich will das nicht mehr hören.

Ist das auch der Unterschied zum Kaffeeklatsch mit der Freundin?

Mit Freundinnen ist man emotional verwobener. Man hat vielleicht Angst, abgelehnt zu werden. In der Selbsthilfe sind meistens zwei Stunden das Setting. Es kann passieren, dass Freundschaften entstehen, doch dies ist nicht der Fokus. Aber man ist emotional nicht so abhängig wie von einer Freundin oder einem Partner. Und ich kann auch hingehen und erst mal gar nichts von mir erzählen. Denn ich bestimme, was mir guttut.

Lassen Sie mich raten: der typische Besucher ist weiblich, deutsch und ist nicht mehr ganz jung?

Genau.

Warum?

In der Selbsthilfe muss man die Sprache beherrschen. Man redet ja über Gefühle. Da muss man sich ausdrücken können. Deshalb gibt es z. B. eine spanisch- und ukrainisch-sprachige Gruppe. Die Selbsthilfe ist weiblich wie vieles im Therapiebereich. Frauen gehen eher Themen an. Männer lösen ihre Probleme anders, vielleicht über Sport. Ich glaube, bis man 35 Jahre alt ist, ist man eher noch mit der Familie beschäftigt. Aber wir haben jetzt auch eine Gruppe für junge Menschen mit Depressionen, weil sich deren Probleme von denen der älteren Menschen unterscheiden. Der einzige Bereich, wo man sagen kann, dass die Selbsthilfe eher männlich ist, ist bei der Sucht. Beim Alkohol.

Gibt es Gruppen, deren Gründung Sie untersagen? Hätten Impfgegner bei Ihnen eine Gruppe gründen können?

Es gibt keine Zensur bei uns, doch wir führen mit allen Gründer*innen ein Vorgespräch. Wir gründen jedoch keine Gruppe, die Menschen diskriminiert. Keine politischen und kirchlichen Gruppen, weil die andere Heimaten haben. Die Impfgegnergruppe hätten wir vermutlich gegründet, wenn sie unsere Vorgaben eingehalten hätten. Bei manchen Gruppen klären wir im Beratungsgespräch, ob die Anrufenden selbst betroffen sind. Damit etwa in der Gruppe für Betroffene von sexuellem Missbrauch nicht plötzlich ein Täter sitzt. Oder ein Therapeut versucht, Klient*innen anzuwerben.

Unter Umständen kann Selbsthilfe ja vielleicht auch politisieren. Also dazu befähigen, lauter und selbstbewusster für sein Anliegen einzutreten.

Das ist unterschiedlich. Manchen Gruppen wollen nur den Gesprächskreis. Andere wollen sich einmischen. Gerade im Bereich der psychisch Kranken ist da viel passiert. Wenn ich mich persönlich verändere, verändere ich mein Umfeld, kann vielleicht auch offener mit meiner Krankheit umgehen und darüber reden. Und vielleicht sagen die Menschen dann, dass sich etwas im System ändern muss.

Infos

Person
Hilde Rutsch (63) ist Geschäftsführende Vorständin bei KISS. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung, hat aber auch Soziale Arbeit studiert. Seit 25 Jahren arbeitet sie bei KISS.

Anlaufstelle
Die Geschichte der organisierten Selbsthilfe beginnt in Stuttgart im Jahr 1989. Selbsthilfekontaktstelle KISS Stuttgart, Tübinger Straße 15,70178 Stuttgart, Telefon 0711 640 6117, info@kiss-stuttgart.de. www.kiss-stuttgart.de