Bücher gehen oft tiefer als ein Erklärvideo. Foto: Adobe Stock//Claudia Paulsen

Seit Generationen lesen Kinder die Was-ist-was-Bücher – und lernen aus ihnen. Doch wie zeitgemäß ist so ein analoges Medium neben Internet und Smartphone heute noch?

Stuttgart - Wie sieht die Landschaft in Europa aus? Was ist die Europäische Union? Wer macht die Gesetze? Antworten darauf findet man in Band 113 der „Was ist was“-Sachbuchreihe über Europa. Kinder erfahren spielerisch, etwa mit Hilfe abgebildeter Postkarten oder in absurde Fakten verpacktem Angeberwissen, was beim Thema Europa wichtig und selbst für Erwachsene oft kompliziert ist. Aber schlagen Kinder ein solches Buch heute noch auf?

 

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„Ja“, sagt Andrea Weller-Essers, die den Band geschrieben hat und als freie Redakteurin für Kinder- und Jugendmedien arbeitet. „Ein Buch ist etwas Handfestes, bietet tiefer gehende Infos als etwa Erklärvideos. Und: es ist verlässlich.“ Das sei in Zeiten des Internets und der ständigen Verfügbarkeit von Informationen wichtig. Suchen Kinder im Netz nämlich zum Beispiel nach dem Begriff Europa, werden sie mit Ergebnissen überschüttet. Da gebe es auch viel Falsches, sagt Andrea Weller-Essers. Trotzdem seien digitale Medien nicht schlecht, eher eine Ergänzung, schließlich lerne man mit allen Sinnen.

Kinder lernen mit Kopf, Herz und Hand

Das sieht Thomas Irion, Professor für Grundschulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, ähnlich. „Kinder lernen mit Kopf, Herz und Hand“, sagt er und zitiert damit den Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746– 827). Dessen erzieherische Ideen ordnet man heute dem ganzheitlichen Ansatz zu. Der geht davon aus, dass Kinder nicht nur mit dem Kopf lernen, sondern auch emotional und körperlich angesprochen werden müssen. „Kinder sind aktive Lerner, wollen raus, Dinge anfassen, brauchen Interaktion“, so Irion. Einige Experten kritisieren, dass digitale Medien nicht alle drei genannten Bereiche ansprechen.

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Müssen sie das? Laut Irion sollen sie das Lernen ergänzen, keineswegs Erfahrungen wie etwa einen Waldbesuch ersetzen. Aber ohne digitale Medien arbeiten könne man auch nicht mehr, sagt er. Schließlich seien sie aus dem Privatleben von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Das bestätigen Untersuchungen wie etwa die des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Demnach sehen sich zwar knapp 70 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen täglich ein Buch an, bei den Sechs- bis 13-Jährigen sind es aber nur noch 16 Prozent. Dafür ist Fernsehen in dieser Altersklasse die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Die Hälfte sieht sich dort auch Wissenssendungen an. Und: 71 Prozent nutzen das Internet, etwa für Whatsapp, Suchmaschinen und YouTube.

Kinder lernen multimedial

Digitale Medien müssen also auch beim Thema Lernen berücksichtigt werden. Kinder brauchen dabei nicht nur Schriftsprache, auch visuelle und auditive Elemente spielen eine Rolle, so der Pädagoge Irion. Aber, die Mischung macht’s. Stichwort: multimediales Lernen. Deswegen gibt es von der „Was ist was“-Marke neben den klassischen Büchern auch Hörspiele, einen Podcast, ein Alexa-Skill und den BOOKii. Der sei ein digitaler Hörstift, der zum Beispiel Buchtexte vorlesen und Geräusche abspielen könne, so Nicole Hummel, Pressesprecherin des Tessloff-Verlags, bei dem die „Was ist was“-Bücher erscheinen. Laut ihr sei die Nachfrage nach diesen gestiegen. Trotzdem habe sich der Verlag den technischen Möglichkeiten und den veränderten Seh- und Lesegewohnheiten der Kinder angepasst.

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Die „Was ist was“-Bücher haben heute mehr Bilder und kürzere Texte. Laut Manfred Baur, Wissenschaftsjournalist und Autor mehrerer „Was ist was“-Hör- und Sachbücher, sei der Text dafür strukturierter. Außerdem verankere man Fakten oft in Bildinfos. Unverändert bleibe allerdings, worauf es bei der Wissensvermittlung für Kinder ankomme. „Man muss die Themen immer auf deren Lebenswelt übertragen. Sie sollen beim Lesen Spaß und ein gutes Gefühl haben, dann lernt es sich am besten.“ Wie das gehen kann? Etwa mithilfe eines fiktiven Interviews zweier Fossilien, die sich darüber streiten, wer das bessere von beiden ist, erklärt er.

Medienkompetenz wird in Zukunft noch wichtiger

Baur und seine Kollegin Weller-Essers glauben, dass Sachbücher weiter bestehen bleiben, etwa weil sie verlässlich sind und Kinder beim Lernen etwas Haptisches brauchen. Pädagoge Irion meint, analoge und digitale Medien würden weiter zusammenwachsen. Unter anderem deswegen müsse man die Medienkompetenz der Kinder stärken. Sie müssen entscheiden können, was eine gute Quelle ist oder was ihnen wie weiterhelfe, sagt er. Weiter müsse man sich fragen, wie man Kindern Informationen noch attraktiver nahebringen könne, so der Experte, schließlich brauchen die eine Grundausbildung, um sich die Welt zu erschließen – mit und ohne Medien. Angeberwissen, wie im „Was ist was“-Band über Europa könnte ein Weg sein. Welches Kind prahlt nicht gerne damit, dass die Landmassen von Europa und Asien auch Eurasien genannt werden?

Die „Was ist was“-Reihe

Heftform
 Der erste Band der „Was ist was“-Reihe mit dem Titel „Unsere Erde“ erschien 1961 im Tessloff Verlag. Damals noch in Heftform, gibt es die Sachbücher ab 1963 in der Hardcover-Version. Neben der klassischen Reihe, die sich an Acht- bis Zwölf-Jährige richtet, gibt es auch solche für Erstleser, Kindergarten- oder Vorschulkinder.

Jubiläum
Die klassischen Bände erklären auf nicht mehr als 48 Seiten Themen aus Wissenschaft, Technik, Biologie und Geschichte und werden immer wieder aktualisiert. Bis heute sind sie in mehr als 45 Sprachen und über 100 Ländern erschienen. In diesem Jahr feiert „Was ist was“ das 60-jährige Jubiläum.