Trauer und Sorge, Freude und Dank: Gebetswämnde spiegeln die Vielfalt menschlichen Lebens wieder. Foto: itsmejust/Fotolia

Warum beten Menschen? Warum schreiben sie kaum leserliche Sätze auf kleine Zettel und kleben sie an eine Wand? Gibt es überhaupt einen Gott, der ihnen zuhört? Oder reden sie nur mit sich selber? Das sagen Theologie und Neurowissenschaft.

Stuttgart - Im Chor von St. Michael, der imposanten Hauptkirche von Schwäbisch Hall, wo einst der württembergische Reformator Johannes Brenz (1499-1570) predigte, steht umgeben von sakralen Kostbarkeiten eine schlichte weiße Stellwand. Zwei Meter breit und ebenso hoch auf schwarzen Metallfüßen. Inmitten der erhabenen Atmosphäre des Kirchenraumes wirkt sie deplatziert und verloren, wie ein Fremdkörper, den jemand dort vergessen hat.

Die Gebetswand in St. Michael

Die Tafel ist übersät mit Dutzenden kleinen weißen Zetteln. Stumme Schreie, eilig und oft kaum leserlich hingekritzelt. Festgeklebt, wo gerade Platz ist. Mal ein paar Worte, mal ein längerer Satz. Die Bandbreite der nonverbalen Brocken reicht von komisch und amüsant („Lass alle reich werden Amen.“ / „Ich möchte 1 000 000 Euro.“), über bitterernst und traurig („Bitte hilf, dass unser Karlchen wieder ganz gesund wird und von ihren starken Schmerzen befreit wird.“ / „Lieber Gott ich bitte um Heilung“), fromm und gottesfürchtig („Sieh meine Tränen, und mach’ meine Seele gesund.“ / „Lasse mich niemals mehr Sünden begehen und Lucca soll mich lieben“) bis zu liebevoll und herzig („Lieber Gott hab dich lieb!“ / „Danke Gott, Lena!“)

Gott – eine Projektion?

Menschen tragen hier anonym ihr Leben vor Gott. Trauer und Verzweiflung, Freude und Dank, Bangen und Schmerz, Hoffnung und Sehnsucht. Eine Momentaufnahme, ein Augenblick des Innehaltens, der Zwiesprache mit Gott. Versunken in Gedanken, die um Partner, Kinder, Freunde oder Menschen in Not kreisen. Hin und hergerissen von Gefühlen, die an diesem numinosen Ort plötzlich übermächtig werden und sie diese Zeilen schreiben lassen.

„Das Gebet ist die Selbstteilung des Menschen in zwei Wesen – ein Gespräch des Menschen mit sich selbst, mit seinem Herzen“, schreibt der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) in seinem Buch „Das Wesen des Christentums“, eine der Fibeln moderner Religionskritik.

Der Mensch müsse erkennen, dass Gott lediglich eine Projektion seiner unerfüllten Wünsche und positiven Eigenschaften sei, lautet Feuerbachs zentrale These. Wenn der Mensch dies erkenne, könne er auch die Entzweiung aufheben, die ihn daran hindert zu sich selbst zu kommen und weiterhin nur das schlechte Abbild eines Gottes zu sein.

Glaube ist  . . .

Wenn Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Sigmund Freud, Richard Dawkins und all die anderen Gottesleugner Recht hätten und Gott nur eine Projektion, der Glaube nur eine Illusion ist, dann wären all jene, die ihre Zettel an diese Wand pinnen, nichts weiter als Narren und Toren.

Ja wenn . . .

Im neutestamentlichen Brief des Apostels Paulus an die Hebräer (11. Kapitel, Vers 1) liest man folgenden Satz: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

Wer hat nun Recht? Feuerbach oder Paulus? Ist das Gebet einsame Zwiesprache mit sich selbst oder lebendiger Dialog mit Gott? Beides – so viel hat der jahrhundertalte Streit zwischen der Theologie und ihren Skeptikern bewiesen – lässt sich nicht einfach empirisch beweisen wie der Aufgang der Sonne oder das Blühen der Blumen.

Wer betet, der sucht

Wer betet, glaubt an Gott, sucht nach ihm, ringt um ihn. Er spürt in sich eine mehr oder weniger dezidierte Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Wie in St. Michael schütten Beter überall auf der Welt in Kirchen und Kapellen, in realen und virtuellen Sphären ihr Herz aus.

Das kann im Stillen oder in einer Gemeinschaft geschehen, verbal oder nonverbal, rituell oder spontan. In Gebetsecken von Kirchen, in einem Buch, in dem man Fürbitten festhält – oder eben auf einer Gebetswand. All dies sind Ausdrucksformen gelebten Glaubens und praktizierter Religiosität.

Tag für Tag bringen Menschen ihre Anliegen – Bitten, Dank und Lob – vor Gott, beten für Menschen nah und fern. Manche besuchen Gebetswände regelmäßig und mit religiösem Ernst. Erzählen auf den Zetteln von ihrem Alltag und bitten Gott um Hilfe. Andere kommen nur einmal, schreiben spontan etwas auf, ohne vielleicht genau zu wissen, was das überhaupt bringen soll oder ob das Ganze nur Hokuspokus sei.

Im Zeitalter des Digitalen können Gebetswände auch virtuell sein. Ein Klick auf „Amen.de“, „Sacred Space.ie“, „@twomplet“, „App2Heaven.de“, „citychapel.de“ oder „Funcity.de“, und schon ist man im frommen Kosmos. Hier kann man alleine oder gemeinsam beten, Segenskerzen anzünden und Glockengeläut lauschen, Fürbitten twittern und Gebetsanliegen teilen.

Hört „da oben“ jemand zu?

Wo ist Gott? Antworten der Neurowissenschaft

Die spannende Frage ist: Hört „da oben“ jemand zu, wenn der Mensch betet? Wie alles Erleben hängen Glaubenserfahrung und Gebet mit komplexen Vorgängen im Gehirn zusammen. Seit einigen Jahren versuchen Hirnforscher dem Geheimnis des Glaubens auf die Spur zu kommen. Wenn bestimmte Hirnregionen bei Meditation und Gebet besonders aktiv sind, könnte dies ein Hinweis auf eine biologische Basis für die Glaubensfähigkeit des Menschen sein. Damit wäre die Gottesidee aber noch lange nicht belegt.

Dieses noch relativ neue Forschungsgebiet innerhalb der Neurowissenschaften nennt sich Neurotheologie. Ihre Vertreter – Philosophen, Neurologen, Psychologen und Radiologen – wollen Gott quasi dingfest machen und religiöse Empfindungen, Erscheinungen und Gefühle neurophysiologisch – das heißt als Vorgänge und Prozesse in den Nervenzellen – erklären.

Beten ist wie ein Gespräch mit einem guten Freund

Uffe Schjødt, Lektor am Institut für Religionswissenschaften an der dänischen Universität von Aarhus, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Hirnforschung und Religion. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat er die Hirnaktivitäten von Gläubigen und Nichtgläubigen untersucht.

In einem Experiment lagen jeweils 20 gläubige und nichtgläubige Probanden in einem Computertomografen. Die einen sollten ein freies Gebet an Gott richten, die anderen dem Weihnachtsmann ihre Weihnachtswünsche mitteilen. Der aber wurde vim Gegensatz zu Gott als reine Fiktion wahrgenommen.

Im freien Gebet entwickelten die Probanden die gleichen Gehirnströme, die im Gespräch mit einer realen Person auftreten. Die Betenden versuchten abzuschätzen, wie das Gegenüber auf das Gesagte reagieren würde und erinnerten sich an frühere Begegnungen mit Gott im Gebet.

Die Analyse der Gehirnströme mit Hilfe bildgebender Verfahren ergab, dass sich bei den gläubigen Versuchskaninchen die Hirnaktivitäten beim Beten markant von denen unterschieden, die mit dem Weihnachtsmann kommunizierten. Der rief dieselben Reaktionen hervor, die gegenüber unbelebten Objekten oder beim Computerspiel ausgelöst werden. Die Aktivitäten im emotionalen Zentrum des Gehirns nahmen bei den Gläubigen hingegen deutlich zu. Nichts dergleichen geschah bei den Nichtgläubigen.

„Die Aktivität, die im Gehirn auftritt, wenn Gläubige zu Gott beten, entspricht exakt den gleichen Mustern, die auftreten, wenn wir uns in einem sozialen Verhältnis mit einem Mitmenschen befinden“, bilanziert Schjödt. Beten sei vergleichbar mit ganz normalen sozialen Interaktionen. Sein Fazit: Beten ist wie ein Gespräch mit einem guten Freund.

Ist Gott im Gehirn?

Der amerikanische Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg hat die Neurotheologie Ende der 90er Jahre populär gemacht. „Wenn Gott tatsächlich existiert, so ist das Gewirr der neuronalen Leitungen und physiologischen Strukturen des Gehirns der einzige Ort, an dem er seine Existenz offenbaren kann“, schreibt Newberg in seinem Buch „Der gedachte Gott“.

Forscher wie Newberg und Schjødt versuchen die Spuren religiöser Praxis mittels Hightech zu messen. Bei Experimenten mit buddhistischen Mönchen und katholischen Nonnen stellte Newberg eine Abnahme der Aktivität in einem speziellen Hirnbereich fest, der für die räumliche Orientierung zuständig ist. Im Gebet hatten die Probanden das Gefühl, ihr Selbst zu verlieren und quasi in der Ewigkeit zu versinken.

Was die Neurowissenschaftler entdeckt haben, sind in gewisser Weise Nervenimpulse mit religiöser Sequenz. „Unsere eigene Gehirnforschung kann die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen“, betont Newberg. Dem pflichtet Schjødt bei: „Spekulationen über die spirituelle Dimension des Betens liegen jenseits dessen, was sich wissenschaftlich untersuchen lässt.“

Zeugnisse tiefen Glaubens

Beim Beten stößt der Mensch in eine Dimension jenseits des empirisch Messbaren und faktisch Beweisbaren vor. Gebetswände wie in St. Michael in Schwäbisch Hall sind Ausdruck einer tiefen Spiritualität und Zeugnis eines lebendigen Glaubens. Oftmals kommt in den Bitten eine innige Beziehung zu Gott zum Ausdruck, dann wieder Ratlosigkeit, Zweifel und Ungläubigkeit, ja Verbitterung. Doch immer sind die Beter auf der Suche nach einer transzendenten Macht, bei der sie Trost und Hilfe zu erfahren hoffen.

Dass Gebete etwas bewirken können, daran zweifelt selbst Ludwig Feuerbach nicht. „Nur der Glaube betet; nur das Gebet des Glaubens hat Kraft“, schreibt er. Für Atheisten ist es der Glaube des Menschen an sich selbst, für Gläubige der Glaube an Gott, der sie zu ihnen spricht und dem sie antworten.

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir“

Der Kirchenlehrer Augustinus (354-430) hat diesen Glauben in einer der berühmtesten Sentenzen der Theologie zum Ausdruck gebracht:

„Da will der Mensch dich preisen, dieser winzige Teil deiner Schöpfung. Du selbst regst ihn dazu an. Denn du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“

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