Ein Bild, das bald der Vergangenheit angehört: Eric Gauthier, hier in Marco Goeckes Solo „I found a fox“, gibt seinen Abschied als Tänzer. Foto: Regina Brocke

Die Theaterhaus-Kompanie Gauthier Dance ist international auf der Erfolgsspur unterwegs. Mehr Unterstützung für diese Botschaftertätigkeit wünscht sich Eric Gauthier, der für die anstehenden Heimspiele auch Neues von Marco Goecke ankündigt.

Stuttgart - Zwei Karten für „Bullshit“? Solche Bestellungen bekommt man derzeit an der Theaterhaus-Kasse zu hören. „Keine Kompanie würde ein Stück so nennen, weil es das Publikum zu sehr erschrecken würde“, sagt Eric Gauthier. Doch bei Gauthier Dance ist gerade alles möglich - und der Titel der nächsten Uraufführung am Pragsattel Ausdruck der Coolness, für die Eric Gauthiers Kompanie im Moment auch international steht. „,Bullshit’ ist das erste abendfüllende Stück des israelischen Choreografen Nadav Zelner“, sagt Eric Gauthier, „da nimmt der Titel ein wenig Druck aus der Sache.“

Ungewöhnlich an Zelners Stück ist nicht nur der Name: Getanzt werden wird in einem komplett pinkfarbenen Raum zu afrikanischer Gospelmusik. In der kleineren Theaterhaushalle rückt der Tanz vom 20. Februar dem Publikum nicht nur farblich auf die Pelle. Näher ran will Eric Gauthier an seine Zuschauer, die gerne auch jünger sein dürfen als sonst üblich. „Es war immer mein Traum, ein neues Publikum zu erfinden“, sagt Eric Gauthier. Er hofft, dass der Titel neugierig auf den Tanz dahinter macht und lässt „Bullshit“ in einer Extra-Show speziell für junge Zuschauer am Vormittag tanzen.

Werbebotschafter für die Region

Über diese neue Nähe wird sich das Stuttgarter Publikum freuen, denn oft ist Gauthier Dance nicht nur in der großen Theaterhaus-Halle ziemlich weit weg. Als Eric Gauthier in den Proberäumen der Kompanie am Löwentor Auskunft über kommende Projekte gibt, sind seine Tänzer in Turin; Kanada, USA, Israel und Russland standen zu Beginn der Saison auf dem Tourplan. Im Bolschoi-Drama-Theater in Moskau gab’s von 1200 Zuschauern Standing Ovations für Marco Goeckes „Nijinsky“, und auch im City Center in New York war beim „Fall for Dance Festival“, bei dem Gauthier Dance zu Gast war, jeder der 2200 Plätze belegt. „Unser Potenzial strahlt von Stuttgart in die Welt hinaus“, sagt Eric Gauthier, „das ist ein Signal für die Kreativität und Dynamik dieser Region.“ Als kultureller Werbebotschafter für Stadt und Land wünscht sich der Kompaniechef mehr Unterstützung für seine Arbeit an einem positiven Imagetransfer. „Toll wäre eine Gastspielförderung, um die sich alle Kompanien bewerben können“, regt er eine Maßnahme auch auf Bundesebene an. Bislang gibt es zwar Hilfestellung vom Goethe-Institut - aber nur große Produktionen wie die von Pina Bausch oder von Sasha Waltz kommen in deren Genuss.

Direktorenkollegen nennen Gauthier Dance das deutsche NDT

Obwohl: Groß fühlen darf sich die Theaterhaus-Kompanie. International würden Direktorenkollegen sein Ensemble mit dem Nederlands Dans Theater vergleichen und Gauthier Dance als das deutsche NDT bezeichnen, erzählt Eric Gauthier stolz. Begleitet wird das wachsende Renommee der Stuttgarter von einer steigenden Zahl von Gastspielanfragen. Doch nicht immer sind solche Angebote finanziell so attraktiv wie das des Schweizer Steps-Festivals, für das Gauthier Dance im Mai in 14 verschiedenen Städten auftreten darf.

Beweis dafür, dass er vieles richtig macht, ist für Eric Gauthier auch die Tatsache, dass renommierte Kompanien Stücke übernehmen, die ursprünglich für Gauthier Dance entstanden sind. So wird das Zürcher Ballett Marco Goeckes „Nijinsky“ einstudieren, Mauro Bigonzettis „Alice“ tanzt demnächst in Dortmund - versehen mit dem Uraufführungsvermerk „Gauthier Dance, Stuttgart“.

Eric Gauthier genießt die große Aufmerksamkeit für seine Kompanie - und hat unter diesen Bedingungen auch seinen klammheimlichen Abschied als Tänzer überdacht. Als er vor drei Jahren mit Diana Vishneva bei deren „Context“-Festival in Moskau Hans van Manens „The Old Man and Me“ getanzt habe, sei er mit dem Gefühl ins Flugzeug gestiegen: „Diesen Moment werde ich nie mehr toppen“, sagt Gauthier, der seither nicht mehr als Performer auf der Bühne zu erleben war. Doch als Tänzer hat Eric Gauthier beim Stuttgarter Ballett und dann bei der eigenen Kompanie eine erstaunliche Karriere erlebt - und fühlt sich Freunden, Weggefährten und seinem Publikum so verbunden, dass er allen mit einer Abschiedsvorstellung im März seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen will.

Zum Abschied reist Eric Gauthier durch sein Leben

„The Gift“ heißt der Solo-Abend, für den Itzik Galili verantwortlich zeichnet. „Wir wollen die Reise eines Menschen nachzeichnen, der mit den Gaben des Lebens klarkommen muss, egal ob das Tanz, Gesang oder etwas ganz anderes ist“, sagt Eric Gauthier, für den Begabung auch Last sein kann. „Das ist ein spannendes Thema, das wir mit Tiefgang, nachdenklich und eher dunkel ausleuchten wollen“, sagt der scheidende Tänzer, der auch als Sänger im Mittelpunkt stehen wird. Ein Lügendetektor macht den Abend zur Selbstbefragung, die offen für viele Interpretationen sein soll. „Alle kennen mich als Gute-Laune-Menschen, aber hinter der Fassade gibt es auch Zweifel“, sagt Eric Gauthier.

Keinen Zweifel wird es am Saisonabschluss von Gauthier Dance geben. „Grandes Dames“ heißt der Abend, der Mitte Juli Premiere feiert und sich vor den großen Damen des Tanzes verbeugt. Zum Beispiel vor Gauthiers berühmter Landsmännin Louise Lecavalier, deren spektakuläre Horizontalpirouetten im Theaterhaus von jungen Tänzern neu belebt werden. Oder vor Pina Bausch. Marco Goecke, der wie die Grande Dame des Tanztheaters aus Wuppertal stammt, widmet ihr eine Hommage. Mit von der Partie sind auch Virginie Brunelle aus Gauthiers Heimatstadt Montréal und die deutsche Tanzregisseurin Helena Waldmann, beide behaupten sich als Choreografinnen in einer absoluten Männerdomäne.

Was Gauthier Dance in Stuttgart plant

Von diesem Mittwoch an zeigt Gauthier Dance im Theaterhaus zum letzten Mal Marco Goeckes „Nijinsky“, für alle vier Vorstellungen gibt es noch Karten. Danach ist der Blick auf die Tanzlegende nur noch auf Gastspielen zu erleben. Zusatzvorstellungen gibt es von „Mega-Israel“, der Abend ist am 11., 12., 13. und 14. Januar zu sehen.

Nadav Zelners abendfüllendes Ballett „Bullshit“ kommt am 20. Februar zur Uraufführung. Am 21. März folgt „The Gift“, Itzik Galilis Blick auf Eric Gauthiers Leben und Begabungen; der facettenreiche Solo-Abend ist zugleich Gauthiers Abschiedsvorstellung als Tänzer. Für beide Premieren hat der Vorverkauf bereits begonnen.

„Grandes Dames“, Eric Gauthiers Referenz an die großen Frauen im Tanz, hat am 12. Juli Premiere. Von Louise Lecavalier bis Helena Waldmann geht die Reise, zu der Marco Goecke eine Hommage an Pina Bausch beisteuert.

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