In Heilbronn klafft die Schere zwischen arm und reich weit auseinander. Foto: dpa

Was Statistiken sagen, verschweigen oder auch verfälschen: Ein Milliardär bringt sie durcheinander und nirgends im Land geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf als in Heilbronn

Heilbronn - Glaubt man den jüngst veröffentlichten Rankings, dann ist Heilbronn die Stadt in Deutschland mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Die privaten Haushalte verfügen je Einwohner über ein Einkommen von mehr als 41 707 Euro im Jahr. Damit lässt die Stadt die Kreise Starnberg (34 915 Euro), München (29 954 Euro), Hochtaunus (29 288 Euro) und den Stadtkreis Baden-Baden (29 043 Euro) hinter sich. Allerdings lebt in Heilbronn mit dem Lidl-Eigentümer und Milliardär Dieter Schwarz einer der reichsten Deutschen. Unter den 120 000 Heilbronnern gibt es noch 38 andere, die jedes Jahr mehr als eine Million Euro einnehmen.

Berücksichtigt man das, zeigt sich beim Blick auf die Verteilung der einzelnen Größenklassen in der Lohn- und Einkommenssteuerstatistik ein anderes Bild. Dann ist Heilbronn die Stadt, in der der Schere zwischen Arm und Reich am weitesten auseinander klafft. Danach verfügen die genannten Einkommensmillionäre über 43,3 Prozent aller Einkünfte in der Stadt. In Baden-Württemberg insgesamt entfallen auf diese Gruppe lediglich 4,1 Prozent der verfügbaren Einnahmen.

Sieht man sich die sogenannten Primäreinkommen - die Einkünfte aus Erwerbstätigkeit und Vermögen - an, wird das noch deutlicher. Dann entfallen nach Angaben des Statistischen Landesamtes nur 36 Prozent der Primäreinkommen in Heilbronn auf das hohe durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in der Stadt. Die Statistiker schließen daraus, „dass in den Kreisen, in denen das Primäreinkommen je Einwohner wie in den Stadtkreisen Heilbronn und Baden-Baden im Spitzenfeld lag, offensichtlich die Ungleichheit am stärksten ausgeprägt war“.

Immer mehr Menschen brauchen im Alter Hilfe des Staates

Diese Daten werden gestützt von den Zahlen, die zu den Einkünften aus unselbstständiger Arbeit vorliegen. Der Stadtkreis Heilbronn lag 2010 mit rund 24 600 Euro deutlich unter dem Landesschnitt von Baden-Württemberg (27 600 Euro) und weit hinter dem Spitzenreiter Böblingen (31 100 Euro).

Auch andere Zahlen konterkarieren das Bild der reichen Stadt. Neben den im Fokus stehenden Hartz-IV-Empfängern gibt es noch diejenigen, die Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) auf der untersten Ebene der sozialen Sicherung erhalten. Deren Zahl ist von 2010 bis 2015 von 82 auf 115 gestiegen. Immer mehr Menschen könnten zudem ohne staatliche finanzielle Unterstützung im Alter zu Hause oder in Heimen nicht mehr ausreichend gepflegt und versorgt werden, weil ihre Rente dafür nicht reicht: 2010 haben 751 Heilbronner Hilfe zur Pflege bekommen. Im Jahr 2015 waren es bereits 787.

Ehrenamtliche sorgen für einen würdigen Abschied

Der in Heilbronn tätige Arbeitskreis Armenbegräbnis der Mitternachtsmission und der katholischen Augustinus-Gemeinde führt in jedem Jahr zwischen 38 und 40 Armenbestattungen durch, um auch diesen Menschen einen würdigen Abschied zu geben. Jedes Jahr findet auf dem Heilbronner Hauptfriedhof eine Gedenkfeier für sie statt. Dort liegen nicht nur die Ärmsten der Armen begraben. Im Umkreis von 200 Metern um den Hauptfriedhof herum wohnen auch viele der reichsten Heilbronner.

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