Im Alter ändern sich Menschen nicht mehr – so heißt es oft. Doch Psychologen halten das für Unsinn. Sie haben in Studien festgestellt, welche Ereignisse unsere Persönlichkeit prägen, und sind dabei auf Überraschendes gestoßen.
Berlin - Ich kann nun mal nicht raus aus meiner Haut, ich war schon als Kind so.“ Oder: „Meine Eltern haben mich halt so erzogen.“ So reden Menschen gerne, wenn sie ihren Charakter auf frühe Erfahrungen zurückführen wollen. Sie glauben, sie könnten sich nicht mehr verändern: Scheint die Kindheit doch eine so prägende Kraft auf unserem Lebensweg zu sein. Doch die Persönlichkeitspsychologin Jule Specht von der HU Berlin ist da ganz anderer Meinung. „Die Persönlichkeit ist hauptsächlich dadurch geprägt, was uns gerade passiert oder was uns in den letzten Jahren passiert ist.“ Wichtiger als lang zurückliegende Erlebnisse in der Kindheit ist also das Hier und Jetzt? Tatsächlich sei nach Meinung Specht für den Charakter viel entscheidender, in welcher Lebenssituation man sich befinde und wie das Umfeld aussehe. „Überschätzt die Kindheit nicht!“, sagt Jule Specht.
Nur bis zu 50 Prozent sind Gene für unsere Persönlichkeit zuständig
Doch wie entsteht überhaupt unsere Persönlichkeit? Forscher gehen davon aus, dass sich ungefähr 30 bis 50 Prozent davon, was Menschen voneinander unterscheidet, über die Genen erklären lässt. Den Rest bestimmen Lebenserfahrungen. Auch psychologische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich Menschen über die Kindheit und Jugend hinaus teilweise erheblich verändern.
Die erste Liebe ist für Menschen sehr prägend, ebenso der erste Job
Schwieriger für die Forschung ist aber die Frage, welche Lebensereignisse genau welche Veränderungen der Persönlichkeit hervorrufen, zu beantworten. Das bestätigt auch die Persönlichkeitspsychologin Wiebke Bleidorn von der University of California, Davis. In einer Übersichtsarbeit von 2018, in der sie Ergebnisse diverser Untersuchungen zusammengefasst hat, konnte sie dennoch einige Einflüsse ausmachen. Demnach sind es vor allem Ereignisse im jungen Erwachsenenalter, die Veränderungen auslösen: Die erste Liebe, so zeigte es sich, macht junge Erwachsene bispielsweise weniger emotional labil und dafür geselliger. Der Übergang von der Schule zur Universität oder die erste Berufserfahrung hat eine ähnlich prägende Wirkung: Man wird offener, gleichzeitig aber auch gewissenhafter. Die Wissenschaftlerin Bleidorn erklärt sich den Effekt damit, dass diese Ereignisse typischerweise in eine besonders sensible Phase der Persönlichkeitsentwicklung fallen: dem sehr frühen Erwachsenenalter. „In dieser Zeit sind Charaktereigenschaften besonders offen für Veränderungen“, sagt Bleidorn.
Wie prägt die Geburt eines Kindes den Menschen?
Doch was ist mit anderen einschneidenden Erlebnissen? Der Geburt eines Kindes beispielsweise? Nach der Theorie Bleidorns müsste dies doch Menschen reifer, etwa gewissenhafter, machen. Doch weit gefehlt: „Überraschend war für uns der Befund, dass Elternschaft wenig Einfluss auf breite Persönlichkeitseigenschaften hat“, sagt Wiebke Bleidorn und lacht. Tatsächlich gibt es Studien, die keinen Unterschied zwischen frischgebackenen Eltern und kinderlosen Menschen ausmachen konnten.
Überrascht war auch Jule Specht, die Berliner Persönlichkeitspsychologin. Sie kam zu einem noch viel extremeren Ergebnis: „In unseren Studien konnten wir zeigen, dass kinderlose Menschen sehr wohl reifen, frisch gebackene Eltern hingegen nicht.“ Specht wollte das erst gar nicht glauben. Nach der Auswertung von repräsentativen Daten für Deutschland hat sie sich dann auch noch Daten aus Australien vorgenommen und da kam das gleiche heraus. „Möglicherweise trügt uns unsere Intuition also doch.“
Doch warum macht die Geburt eines Kindes Menschen nicht gewissenhafter, der Einstieg ins Berufsleben aber schon? Specht hat eine mögliche Erklärung parat: „Vermutlich hängt es damit zusammen, dass wir im Beruf viel stärker, schneller und konkreter Feedback dazu bekommen, wie wir uns verhalten sollen.“ Im Beruf sollen wir etwa pünktlich sein und unsere To-Do-Liste zuverlässig abarbeiten. Wie man die Elternrolle erfolgreich bewältigt, sei hingegen offenbar nicht eindeutig an bestimmte Persönlichkeitseigenschaften gebunden. „Und ein Kind spiegelt mir nicht unbedingt so genau und schnell zurück, wie ich mich verhalten und wie meine Persönlichkeit aussehen soll“, sagt Specht.
Mit 60 ist man hinsichtlich seiner Persönlichkeit ähnlich instabil wie mit 20
Mag nun der Lebensabschnitt als junger Erwachsener in besonderem Maße eine Zeit der Veränderung sein, ist mit der Persönlichkeitsentwicklung an dieser Stelle keineswegs Schluss. Zwar gingen Forscher lange davon aus, dass die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stabiler wird – nach dem Motto: Was Fränzchen nicht lern, lernt Franz nimmermehr. Doch aktuellere Forschung hat diese Redensart auf den Kopf gestellt. „Mit 60 ist man hinsichtlich seiner Persönlichkeit ähnlich instabil wie mit 20“, sagt Jule Specht. Im Durchschnitt sind ältere Menschen verträglicher und weniger offen für Veränderungen als jüngere Menschen. „Das heißt, sie streiten sich weniger, sind nachsichtiger und hilfsbereiter, aber halten auch eher an Altbewährtem fest.“ Entgegen den Klischees werden ältere Menschen also nicht zu griesgrämigen Alten. Vielmehr entwickeln sie sich im Schnitt zu Personen, denen das soziale Miteinander wichtig ist und die eher an Bewährtem festhalten anstatt Neues auszuprobieren.
Anscheinend gibt es auch im höheren Alter noch einschneidende Umbrüche, die für solche Veränderungen verantwortlich sind. „Man geht in Rente, sortiert vielleicht sein Leben ganz neu“, erläutert Jule Specht. Man sei nicht mehr so sehr vom Alltag geprägt, man hinterfrage Werte und Ziele für den verbleibenden Teil seines Lebens, der ja häufig noch viele Jahre umfasst. „Und auch das verändert Menschen.“