Martin Schläpfer, scheidender Düsseldorfer Ballettchef, choreografiert auf Einladung von Tamas Detrich erstmals in Stuttgart. Foto: dpa

„Junge Choreografen haben in Stuttgart immer eine Chance bekommen, das will ich auch so machen“, sagt Ballettintendant Tamas Detrich bei der Vorstellung seiner zweiten Saison. Die bietet viel Neues.

Stuttgart - Sag einer, eine Spielzeit im Opernhaus sei immer von langer Hand geplant. Manches an Tamas Detrichs zweiter Saison als Intendant des Stuttgarter Balletts wirkt, als reagiere er unmittelbar auf das, was in der ersten nicht so ganz rund lief. Klar, einen Erstliga-Choreografen wie Martin Schläpfer, der im Februar 2020 erstmals fürs Stuttgarter Ballett arbeiten wird, verpflichtet man nicht von heute auf morgen. Andreas Heise jedoch, der im November mit den Stuttgarter Choreografen Fabio Adorisio und Roman Novitzky den Uraufführungsabend „Creations I-III“ im Schauspielhaus bestücken wird, kam eher spontan ins Spiel: Der norwegische Solist fiel dem Stuttgarter Intendanten beim letzten Noverre-Abend als Choreograf auf.

Zu wenig Neues und das zu spät in der Saison? Beim zweiten Anlauf macht’s Detrich besser und drückt von Beginn an aufs Gas. Fans ausstattungspraller Handlungsballette dürfen sich weiterhin an „Mayerling“ satt sehen und die Rückkehr von „Dornröschen“ feiern. Alle, die’s schlanker mögen, freuen sich, dass zwei Uraufführungsabend insgesamt sechs neue Stücke präsentieren. Die zweite Folge von „Creations“ stellt im Opernhaus im Februar Martin Schläpfer den Ex-Stuttgarter Douglas Lee sowie Louis Stiens zur Seite.

Dem Nachwuchs eine Chance

„Junge Choreografen haben in Stuttgart immer eine Chance bekommen, das will ich auch so machen“, sagt Detrich. Zu verfolgen, wie sie sich weiterentwickeln, ihnen Vorbilder zeigen: So könnte man den Uraufführungsreigen umreißen. Schläpfer habe sich sehr über seine Einladung gefreut, berichtet Detrich, und plane zu einer Sinfonie Schuberts ein Fest des Tanzes.

Dass er vermehrt Werke von Choreografen im Repertoire pflegen will, die er selbst als Tänzer schätzte, hat Detrich bereits bei seinem Antritt erklärt. Nun zeigt er mit „Hans + Ludwig +“ eine Hommage an Hans van Manen und erinnert im Juli im Schauspielhaus mit „Adagio Hammerklavier“, „Two Pieces for Het“, „Solo“ und „Große Fuge“ daran, welcher Schatz in Stuttgart schlummert.

„Höhepunkte“ steht über dem Abend, der sich im Mai vor Jirí Kylián mit „Falling Angels“ und der Erstaufführung von „Petite mort“ verbeugt, der Béjarts „Bolero“ zeigt und Roland Petits Meisterwerk „Le jeune homme et la mort“ erstmals nach Stuttgart holt.

Wo ist John Cranko?

Dass Tamas Detrich in seiner zweiten Saison kein internationales Trumpf-Ass wie Akram Khan aus dem Ärmel zaubert, enttäuscht nicht, im Gegenteil: Stuttgart ist an jungen und alten Choreografie-Stars reich, die wollen gefördert werden. Das gilt auch im Blick auf die Tänzer; schönste Beförderung im kaum veränderten Ensemble: Nachwuchsstar Gabriel Figueredo steigt direkt in die Gruppe ein, vier weitere Cranko-Schüler starten als Eleven.

Tamas Detrich bedauert selbst, dass in der nächsten Saison keine Frau unter seinen Choreografen sein wird. „Ich habe daran gearbeitet, Crystal Pite nach Stuttgart zu holen, es hat nicht geklappt – aber ich gebe nicht auf.“

Mit „Sieben Todsünden“ samt Peaches im März und „Tod in Venedig“ im Mai kehren zwei beim Publikum begehrte Ballett-Koproduktionen auf die Bühne zurück. Und wo ist John Cranko? Nur mit „Der Widerspenstigen Zähmung“ vertreten. Mehr vom Gründer des Stuttgarter Balletts gibt es 2021, wenn der 60. Geburtstag der Kompanie ansteht. Dann dürfte auch der Betrieb im Neubau der Cranko-Schule reibungslos laufen. Eingeweiht wird er, wenn alles nach Plan läuft, diesen Herbst – ein erster Höhepunkt der Ballettsaison.

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