Im Kreis Böblingen sind derzeit viele Kinder, aber auch Erwachsene an Influenza erkrankt. Worauf Erkrankte achten sollten und wie man sich schützen kann.
Es ist mitten in der Nacht. Plötzlich heult ein klägliches „Mama“ durch die Wohnung. Es folgen Husten und Schniefen. Das Kind, das am Abend noch putzmunter schien, ist krank aufgewacht. Das Display des Thermometers leuchtet im Halbdunkel des Kinderzimmers rot auf: Fieber.
Aktuell erkranken nicht nur Erwachsene, sondern auch auffallend viele Kinder an Influenza, auch echte Grippe genannt. 20 bis 25 Kinder aller Altersgruppen, vom Neugeborenen bis zum 17-jährigen Jugendlichen, landen derzeit wöchentlich mit Grippe in der Kinderklinik Böblingen. Diese Zahlen nennt Tobias Jakob, Sprecher des Klinikverbunds Südwest. Mehrere niedergelassene Kinderärzte antworteten nicht auf die Anfrage unserer Zeitung.
Die hohen Zahlen an Influenza-Erkrankten bestätigt auch der wöchentliche Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI). Bei den grippeähnlichen Erkrankungen sei die Tendenz zwar leicht sinkend, die Zahl der Erkrankungen liege aber weiterhin auf einem auch für die Jahreszeit hohen Wert – besonders bei Menschen zwischen 14 und 34 Jahren.
Viele kranke Sportlerinnen
Sogar in Sportvereinen im Kreis spüren Trainer und Teams die Erkrankungswelle immens. Oliver Dostal, Trainer der Volleyballerinnen des VfL Sindelfingen, sprach in der vergangenen Woche gar von einer „Seuche“, die durch sein Team gegangen sei. Auch der Liga-Konkurrent SpVgg Holzgerlingen konnte in der vergangenen Woche nur mit reduziertem Personal trainieren, was auch bei den Handballerinnen der SG H2Ku Herrenberg der Fall war. Diese ständigen Ausfälle sorgen dafür, dass die Coaches zuletzt ständig improvisieren mussten. „Das ist eine herausfordernde Situation“, meint Alex Haas, Trainer der Volleyballer des VfL Sindelfingen.
„Nachdem der Beginn vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen war, merken wir auch jetzt einen sehr kräftigen Anstieg an Grippeerkrankungen bei Erwachsenen“, sagt Robin Maitra. Er ist hausärztlich tätiger Internist und betreibt mit zwei Kolleginnen eine Hausarztpraxis in Hemmingen (Kreis Ludwigsburg). „Wir gehen dazu von einer deutlichen Dunkelziffer aus, da bei den wenigsten Patientinnen und Patienten Tests zur Sicherung der Diagnose durchgeführt werden.“
Grippewelle nimmt an Fahrt auf
Begonnen hatte die saisonale Grippewelle laut RKI Ende Dezember – richtig Fahrt aufgenommen hat sie laut Maitra allerdings erst in den vergangenen zwei Wochen. Alleine in der vergangenen Woche seien in Baden-Württemberg mehr als 4000 Influenza-Erkrankungen gemeldet worden. „Das Aufkommen entspricht damit ungefähr dem des Vorjahrs. In den Corona-Jahren hatten wir durch die Hygiene- und Sicherheitsregeln ein geringeres Aufkommen“, sagt Maitra. „Allgemein beobachten wir in den hausärztlichen Praxen aber, dass die Grippewelle immer später zum Tragen kommt. Der jetzige Gipfel ab Mitte Januar bis über den Februar hinaus entspricht meinen Erfahrungen als Hausarzt.“
Grippe ernst nehmen
Wer krank ist, sollte sich in jedem Fall bei seinem Arzt oder seiner Ärztin melden, bevor die Praxis aufgesucht wird, sagt der Hausarzt. So könnten Hygienemaßnahmen getroffen werden, um das Praxispersonal und andere Patientinnen und Patienten zu schützen. „Die aus der Coronazeit bewährten Schutzmaßnahmen Maske, Abstand, Händedesinfektion helfen, um auch bei der Grippe und anderen Erkrankungen vor einer weiteren Verbreitung zu schützen“, sagt Maitra.
Gehe es nur um eine Krankmeldung, reiche oft ein Telefongespräch aus. „Ein Arztbesuch ist sinnvoll, wenn das Allgemeinbefinden schwer beeinträchtigt ist oder relevante Grunderkrankungen vorliegen. Hierzu gehören insbesondere Herz-Kreislauferkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems, bösartige Erkrankungen und weitere Erkrankungen mit einer relevanten Beeinträchtigung der Gesundheit und des normalen Abwehrvermögens“, sagt Maitra.
Insgesamt sollte man die Grippe nicht auf die leichte Schulter nehmen, erklärt der hausärztlich tätige Internist: „Vielfach wird nicht berücksichtigt, dass die Grippe eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung werden kann und wir in jedem Jahr in Deutschland Hunderte bis Tausende Grippetote zu beklagen haben.“
„Impfung auch in Grippewelle noch sinnvoll“
Der Sprecher des Klinikverbunds, Tobias Jakob, weist darauf hin, dass Eltern mit ihren kranken Kindern frühzeitig einen Arzt aufsuchen sollten: „Tagsüber ist der Kinderarzt die richtige Anlaufstelle, abends oder nachts, wenn die Kinderarztpraxen geschlossen haben, das Krankenhaus.“ Zudem sollten sie darauf achten, dass ihr Kind genug trinkt. Besonders kleine Kinder neigten bei einer Grippe zum Dehydrieren. Bei älteren Kindern würde sich häufig eine Lungenentzündung entwickeln.
Gegen die Grippe gibt es eine Impfung, die jährlich angepasst wird und daher auch jährlich verabreicht werden muss. Genaue Zahlen darüber, wie viele ihrer Patientinnen und Patienten geimpft sind, hat Maitra nicht. „Nach unserer Einschätzung ist es aber so, dass die geimpften Menschen offensichtlich sehr gut geschützt sind. Wir sehen nur ganz vereinzelt eine Erkrankung bei Menschen, die geimpft wurden“, sagt der Mediziner. Impfen lassen könne sich jeder.
Empfohlen wird die Impfung ab dem 60. Lebensjahr sowie für Menschen – auch Kinder – mit chronischen Erkrankungen oder Immunschwächen. Medizinisches Personal in den Einrichtungen des Gesundheitswesens und der Pflege sollte sich unbedingt gegen die Grippe impfen lassen, rät Maitra. „Auch jetzt ist die Impfung noch sinnvoll, da die Grippewelle erst im Anstieg begriffen ist und ein Impfschutz nach erfolgter Impfung vergleichsweise rasch einsetzt.“
Grippe oder Erkältung
Diagnose
Ob tatsächlich eine Influenza oder eine andere Atemwegserkrankung vorliegt, kann ein Arzt oder eine Ärztin feststellen. Sowohl die Beschreibung der Symptome als auch eventuell Schnelltests können dafür benutzt werden.
Grippe
Die Influenza beginnt in der Regel sehr plötzlich. Krankheitsgefühl, Schmerzen und Fieber bis über 40 Grad Celsius entwickeln sich oft innerhalb weniger Stunden zusätzlich zu Erkältungssymptomen. Bei der Grippe sind auch Kreislaufprobleme oder Lungenentzündung möglich. Ein besonderes Risiko für komplizierte Verläufe haben Menschen über 60 Jahren, mit chronischen Erkrankungen oder Immunschwäche.
Erkältung
Bei einer Erkältung oder einem grippalen Infekt entwickelt sich die Krankheit langsamer. Oft beginnt sie mit Schnupfen oder Halsschmerzen. Husten, Kopfschmerzen, Frösteln und schlechtes Allgemeinbefinden gehören meist dazu. Fieber ist selten.
Covid-19
Wie sich die durch das Coronavirus (Sars-CoV-2) ausgelöste Erkrankung präsentiert, hängt unter anderem von der Variante ab. Häufig sind immer noch Husten, Schnupfen und Veränderungen beim Geruchs- und Geschmackssinn. Auch Magen- oder Darmbeschwerden können aktuell hinzu kommen. Um Covid-19 von einer Erkältung oder Grippe zu unterscheiden, können Schnelltests helfen, wie es sie in der Apotheke gibt.