Warum Tirtzah Bassel den Durchbruch schafft Die Stille vor dem Blick

Von Nikolai B. Forstbauer 

Die israelische Malerin Tirtzah Bassel wird sich mit ihren Bildern – jetzt in der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart zu sehen – die Kunstwelt erobern, glaubt „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - Ein Mann sitzt auf einem Stuhl, die Arme leicht auf der umlaufenden Lehne abgelegt, doch nur leicht. Das suggeriert Beweglichkeit, die Idee, jederzeit aufstehen zu können, ja, eigentlich gar nicht auf diesem Stuhl zu sitzen. Die Körperfülle spricht dagegen, der Ausdruck des gelebten Lebens auch, eine fast fühlbare Schwere der Vergeblichkeit.

Spektakulär unspektakulär

Tirtzah Bassel zeigt diesen Mann auf seinem Stuhl als eine Figur unter mehreren, zeigt ihn in einem Stuhllager, in einem Antiquitätengeschäft vielleicht, auch ein Museum wäre denkbar. Und doch ist dieser Mann voller Aufmerksamkeit. Nichts entgeht ihm, der doch weiß und zu erkennen gibt, dass ständige Aufmerksamkeit weder Garant für Erfolg noch für das Glück ist.

Malerei zeigt mehr als die Fotografie

„Ikea / Chairs“ heißt die Szene. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl, sitzt auf der Illusion einer individuell bestimmten Wahrnehmung, lässt sein Unwohlsein ebenso erkennen, wie er auch das Gefühl der Machtlosigkeit nicht verbergen kann. „Ich wollte zeigen“, sagt Tirtzah Bassel, „dass die Welt von Ikea unabhängig von Kontinenten und Staaten ein in sich geschlossenes System ist, eine Welt, die unsere Wahrnehmung zugleich wesentlich beeinflusst.“

Bassel unterstützt künstlerische Sozialprojekte in New York

Bassel lebt in New York, arbeitet dort unter anderem in künstlerischen Sozialprojekten mit. „Ich male, was ich sehe“, sagt sie. Etwa auch die Stewardess im Flugzeug bei den Sicherheitshinweisen. „Man nimmt diese Vorgänge um die Atemmasken und all das ja kaum wahr“, sagt Bassel – „aber die Art und Weise, wie die jeweiligen Personen diese Instruktionen geben und mit den Hilfsmitteln hantieren, speichern wir doch sehr wohl und genau ab.“

Fulminanter Auftritt

Erstmals kann die Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart (Reinsburgstraße 68, Di–Fr 13–19, Sa 11–16 Uhr) Bassels Bilder in einer Einzelausstellung zeigen. Es ist ein fulminanter Antritt, der etwa in „Ikea / Chair“ ­sofort deutlich macht, was Tirtzah Bassel ­etwa an den Werken des wesentlich über die Galerie Thomas Fuchs neu entdeckten US-Malers Patrick Angus fasziniert: die Würde der Beobachteten ­etwa. Vor Ort eilig skizziert, entwickeln sich die Szenen in der ­Malerei ständig weiter – spitzen sich zu. ­Beängstigend fast wie in dem Triptychon „Theater“. Die wenigen Besucher in den ­Kinostuhlreihen erscheinen als Zeugen einer vergessenen Welt, einer verlorenen Zeit. Und doch treten sie, unmerklich ­gelenkt von der Realität eines Filmtheaters, in ihrer größten Rolle auf.

Farbwelt der Zwischentöne

All dies fasst Bassel, 1979 geboren, in einer Farbwelt der Zwischentöne. Das ­Signal, dass es immer eine zweite Ebene gibt? Tirtzah Bassel lacht. Vielleicht, sagt sie, mache sie sich gar nicht so viele Gedanken. Und referiert im nächsten Moment über die Bedeutung der Wiederentdeckung des Realen im eigentlichen Sinn.

Auf dem Weg nach oben

Bassel ist auf dem Weg nach oben. Die Preise werden es auch bald sein. Bei Thomas Fuchs beginnen sie bei 2000 Euro, steigen für größere Formate zwar schnell, doch dafür sind diese wie „Ikea / Chairs“ oder „Theater“ von außergewöhnlicher Qualität.

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