Mann hält sich beim Gähnen die Hand vor den Mund. Foto: Friso Gentsch/Archiv Foto: dpa

Es passiert, wenn wir müde sind oder uns langweilig ist: Wir gähnen. Manchmal werden wir aber auch angesteckt, wenn jemand in unserer Nähe gähnt – Freunde, Familienmitglieder, sogar Fremde. Wieso gähnen wir überhaupt und warum ist das Gähnen so ansteckend, dass manch einer bereits gähnt, wenn er nur darüber liest?

Warum wir gähnen

Normalerweise gähnen wir unfreiwillig. Der Drang kommt reflexartig über uns und wir können ihn dann nur schwer unterdrücken. Doch was führt überhaupt dazu, dass wir gähnen müssen? Dieses Phänomen ist bis heute nicht ganz eindeutig geklärt – und das obwohl jeder von uns fünf bis zehn Mal pro Tag gähnen muss.

Lange Zeit hielt sich die Theorie, Gähnen wäre ein Zeichen für niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut. Das wurde längst widerlegt. Weder mangelnder Sauerstoff, noch „schlechte Luft“ in der Lunge ist der Grund für das beherzte Einatmen. Heutzutage gehen einige Forscher davon aus, dass Gähnen dazu dient, die Temperatur des Gehirns zu regulieren. Wird der Kopf zu warm, setzt der Körper Kühlmechanismen in Gang, um zur optimalen Temperatur zurückzukehren. Beim Gähnen atmen wir kühle Luft ein, die unser Blut und somit auch unser Gehirn abkühlen soll. Dadurch können wir uns besser konzentrieren.

Wissenschaftler haben beobachtet, dass Leistungssportler und Fallschirmspringer kurz vor einem Wettkampf bzw. einem Sprung überdurchschnittlich oft gähnen. Das unterstützt die These, dass Gähnen der Temperaturregulierung dient, um die Konzentration zu fördern.

Allerdings funktioniert Gähnen nicht mit geschlossenem Mund durch die Nase, was zeigt, dass es sich dabei um mehr als bloß tiefes Luftholen handelt. Daher ist es wahrscheinlich, dass das Gähnen auch eine soziale bzw. emotionale Komponente hat. Bei Langeweile oder Müdigkeit gähnen Menschen häufiger, im Tierreich ist Gähnen außerdem oft ein Ausdruck starker Emotionen. Auch Menschen gähnen oder imitieren Gähnen als Zeichen von Ablehnung.

Zum Gähnen gehört darüber hinaus nicht nur das tiefe Einatmen durch den Mund, sondern oft auch ein Zusammenkneifen der Augen, erhöhter Tränenfluss und häufig auch Strecken. Forscher haben beispielsweise beobachtet, dass halbseitig gelähmte Menschen zum Teil beim Gähnen auch den gelähmten Arm strecken können. Auch Menschen mit Locked-in-Syndrom, die zwar fast vollständig gelähmt sind und nicht sprechen können, können normal gähnen. Das zeigt, dass Gähnen eine reflexartige Handlung ist, die im Gehirn auf mehreren Ebenen koordiniert wird. Vor langer Zeit, bevor der Mensch eine Sprache entwickelte, diente das Gähnen vermutlich als Kommunikationssignal, beispielsweise um die Wachsamkeit innerhalb einer Gruppe zu fördern bzw. aufrechtzuhalten.

Die ansteckende Wirkung des Gähnens

Nicht jeder, der gähnt, muss seine Temperatur regulieren, sich konzentrieren oder ist gelangweilt: Sehr häufig passiert es nämlich, dass wir von Menschen in unserer Umgebung angesteckt werden. Wir sehen jemanden, der gähnt – ob im Büro, im Zug oder nur in einem Film – und schon gähnen wir mit.

Wann genau in der Evolution das Gähnen entstanden ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Fest steht bloß: Auch einige Tiere gähnen – darunter sogar Fische und Schlangen! Beim Menschen (und auch bei Affen) spielen die sogenannten Spiegelneuronen eine wichtige Rolle, wenn wir uns vom Gähnen anstecken lassen. Das sind Nervenzellen im Gehirn, die uns helfen, das Verhalten unseres Gegenübers zu verstehen und zu imitieren – es also zu „spiegeln“. Sie wurden in den 1990er Jahren an der Universität Parma von Giacomo Rizzolatti entdeckt.

Spiegelneuronen könnten auch dafür verantwortlich sein, dass wir mitfühlen, wenn anderen Menschen etwas passiert, dass wir uns also mit anderen freuen, zurücklächeln oder auch Mitleid empfinden. Diese Fähigkeit ist angeboren, denn bereits Säuglinge imitieren Gesten und Mimik ihrer Bezugspersonen, lachen, wenn sie angelacht werden oder gähnen, wenn jemand vor ihnen gähnt.

Das passt zu weiteren Forschungsergebnissen, die belegen, dass sich besonders mitfühlende Menschen vom Gähnen anstecken lassen. Außerdem lassen wir uns eher anstecken, wenn wir zum Gähnenden eine enge bzw. positive Beziehung haben. Zwar kann uns auch der Fremde im Zug mit seinem Gähnen anstecken, die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber geringer als bei Freunden oder Familienmitgliedern. Menschen mit Autismus, die Schwierigkeiten mit Empathie haben, reagieren beispielsweise nicht oder seltener auf das Gähnen anderer Menschen. Personen mit Schizophrenie haben eine niedrigere Gähnfrequenz als gesunde Menschen.

Die Spiegelneuronen und die Fähigkeit zur Empathie bewirken also, dass Gähnen ansteckend ist. Warum aber ausgerechnet gegähnt wird oder warum beispielsweise Schluckauf nicht ansteckend ist – das lässt sich vermutlich erst klären, wenn auch der Grund des Gähnens klar ist.

Hand vor den Mund – sonst kommt der Teufel

Warum halten wir uns beim Gähnen eigentlich die Hand vor den Mund? Diese Verhaltensweise scheint bereits mehrere hundert Jahre alt zu sein. Im europäischen Mittelalter, aber auch schon in der griechischen Mythologie und bei den Maya, bestanden verschiedene Aberglauben darüber, was passiert, wenn man den Mund beim Gähnen aufreißt. Einerseits glaubten die Menschen, die Seele könne beim Gähnen aus dem Körper ausbrechen, andererseits fürchteten sie, durch den offenen Mund könnten Dämonen und Teufel in den Körper eindringen. Dadurch wurde es üblich, sich beim Gähnen die Hand vor den Mund zu halten. Ein anderer Grund für das Bedecken des Munds könnte gewesen sein, dass früher die Zähne in einem schlechten Zustand waren. So wollte man diese nicht entblößen und eventuellen Mundgeruch verbergen.

Weil Gähnen häufig mit Langeweile oder Desinteresse verbunden wird, gilt es heutzutage als unhöflich beispielsweise in einem Meeting oder bei einer Feier zu gähnen. Kann man das Gähnen nicht verhindern, sollte man daher versuchen, es zu verbergen, indem man die Hand vor den Mund hält.

Wie kann man Gähnen verhindern?

Möchte man das Gähnen vermeiden und somit eine unangenehme Situation umgehen, gibt es ein paar Tricks, die helfen können:

  • Die Zungenspitze kurz mit dem Finger antippen – so soll der Drang sofort verschwinden.
  • Tiefes Einatmen durch die Nase kann ebenfalls helfen, das Gähnen zu verhindern.
  • Kühlung mindert nachweislich den Drang zu gähnen. Halten Sie sich also beispielsweise eine kalte Flasche an den Kopf, verwenden Sie ein kühles Wasserspray oder tupfen Sie sich etwas kaltes Wasser auf die Stirn. Je nach Außentemperatur können Sie auch das Fenster öffnen. Ebenfalls hilfreich: Ein kaltes Getränk trinken.

Das Gähnen zu unterdrücken gilt übrigens als unbedenklich. Sollten Sie jedoch an längeren oder besonders häufigen Gähn-Attacken leiden oder beim Gähnen Atemnot verspüren, suchen Sie einen Arzt auf.

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