Großbritannien verlässt die EU – der erwartete Absturz der britischen Wirtschaft ist bis jetzt ausgeblieben. Foto: dpa

Die britische Wirtschaft boomt – trotz des bevorstehenden Austritts aus der Europäischen Union. Doch nicht alle Zeichen verheißen Gutes. Skeptiker warnen vor zu viel Optimismus. Die Wirtschaft zeige sich noch unbeeindruckt, weil es bisher kaum konkrete Schritte in Sachen Brexit gegeben habe, heißt es.

Stuttgart - Entwickelt sich der harte Brexit zu einer weichen Landung für Großbritannien? Allen Unkenrufen zum Trotz ist die britische Wirtschaft nach der Entscheidung im Juni 2016, die Europäische Union (EU) zu verlassen, nicht abgestürzt. Im Gegenteil: der Motor brummt. Die neusten Zahlen belegen, dass Großbritannien beim Wirtschaftswachstum sogar Deutschland hinter sich gelassen hat. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhte sich 2016 um zwei Prozent. Damit war das Wachstum einen Tick stärker als hierzulande, wo ein Plus von 1,9 Prozent erreicht wurde. Selbst zum Jahresende zeigten sich keine konjunkturellen Schwächen auf der Insel: Die Wirtschaft lief in den letzten drei Monaten ebenso stark wie im Sommer. Das BIP legte um 0,6 Prozent zu, wie das Statistikamt ONS in London mitteilte.

Das Brexit-Datum steht noch nicht fest

Die Experten sind erleichtert. Tatsache aber ist, dass das britische Wirtschaftswachstum zuletzt vor vier Jahren so schlechte Werte aufwies. Doch sind solche Vergleiche in der Brexit-Situation wenig aussagekräftig, denn die Ökonomen hatten deutlich schlechtere Zahlen erwartet. Inzwischen scheint bei vielen Experten auch der Tag seinen Schrecken verloren zu haben, an dem die Briten offiziell ihren Austrittswunsch bei der EU einreichen. Wann genau der Termin sein wird, steht noch nicht fest. Am Donnerstag hat die britische Regierung ihren Gesetzentwurf für den Antrag auf einen EU-Austritt vorgelegt. Der Entwurf werde nun im Parlament debattiert, um wie geplant bis Ende März nach Artikel 50 des EU-Vertrags den Austritt aus der EU zu beantragen, erklärte der für den Brexit zuständige Minister David Davis. „Das britische Volk hat die Entscheidung getroffen, die EU zu verlassen – daher haben wir heute ein Gesetz ins Parlament eingebracht, das uns erlaubt, formell den Artikel 50 bis Ende März auszulösen“, sagte Davis.

Skeptiker warnen vor zu viel Optimismus

Skeptiker warnen vor zu viel Optimismus. Die Wirtschaft zeige sich noch unbeeindruckt, weil es bisher kaum konkrete Schritte in Sachen Brexit gegeben habe, heißt es. Die Ankündigungen vieler Konzerne, sich im Fall des Brexit aus Großbritannien zurückzuziehen, sind bisher lediglich Ankündigungen geblieben.

Konkret zeigt sich dies in der Automobilbranche. Die Autoproduktion ist 2016 auf den höchsten Stand seit 17 Jahren gestiegen. Der Haken: die Investitionen gingen um ein Drittel auf 1,66 Milliarden Pfund zurück, wie der Branchenverband SMMT mitteilte. Autohersteller befürchten eine Schwächung der britschen Standorte durch den Brexit. Ökonom James Knightley von der Bank ING erwartet vor diesem Hintergrund, dass sich das BIP-Wachstum 2017 auf 1,4 Prozent abkühlen wird. „Die vom Brexit ausgelöste Unsicherheit zeigt sich bereits in der vorsichtigen Haltung der Firmen bei Investitionen und bei der Personalplanung“, sagt er.

Die Konsumlust der Verbraucher ist ungebrochen

Getrieben wird das aktuelle Wachstum unter anderem durch die ungebrochene Konsumlust der Verbraucher. Der Index, mit dem die Konsumlaune angeben wird, kletterte im Januar um zwei auf 110,3 Punkte und war damit so stark wie seit fast einem halben Jahr nicht mehr, wie die Institute YouGov und Cebr am Freitag mitteilten. Es erreichte damit den höchsten Wert seit September. Die Verbraucher schätzten die Aussichten für Immobilienpreise, Konjunktur und persönliche Finanzen besser ein als zuletzt. Doch auch hier bewegt sich die Wirtschaft auf dünnem Eis, denn steigende Verbraucherpreise könnten die Stimmung schnell trüben. „Die Inflation zieht an“, sagte Cebr-Direktor Scott Corfe. „Steigende Lebenshaltungskosten könnten das Verbrauchervertrauen belasten – besonders, wenn die Lohnzuwächse gedämpft bleiben.“ Vor allem die starke Abwertung des Pfund im Zuge des Brexit-Entscheids treibt die Preise nach oben, da Importe teurer werden.

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