Rund 5000 Demonstranten aus dem öffentlichen Dienst fordern auf dem Schlossplatz am Mittwoch mehr Gehalt. Foto: Leif Piechowski

Rund 10.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes haben am Mittwoch gestreikt, 5000 kamen zur Demonstration und zur zentralen Kundgebung nach Stuttgart.

Rund 10.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes haben am Mittwoch gestreikt, 5000 kamen zur Demonstration und zur zentralen Kundgebung nach Stuttgart.

Stuttgart - Die Streikenden

Fast alle Angestellten der Stuttgarter Straßenbahnen AG halten vom frühen Morgen an Betriebsversammlungen in Möhringen ab. Mehrere hundert Krankenschwestern, Pfleger und andere Beschäftigte aus den städtischen Kliniken sammeln sich vor Krankenhäusern und treffen später mit den 1571 Kolleginnen und Kollegen aus dem Jugendamt – vor allem Erzieherinnen –, aus dem Abfallwirtschaftsamt (269) und dem Garten- und Friedhofs- und Forstamt (153) zusammen. In Stuttgart sind außerdem 94 Angestellte des Kur- und Bäderamts, 61 aus dem Tiefbauamt, 49 aus dem Amt für öffentliche Ordnung und 38 aus dem Schulverwaltungsamt im Streik. Zu den 2337 streikenden Stuttgartern kommen Angestellte der Kommunen und Landkreise um Stuttgart hinzu.

Die Pendler

Weil Busse und Bahnen im Depot geblieben waren, haben sich viele Berufstätige hinters Steuer ihres Autos gesetzt. Auf den Haupteinfahrstraßen in die Innenstadt bildeten sich nach Beobachtung der Stadtverwaltung zwischen 7 und 10 Uhr Staus bis zu einer Gesamtlänge von etwa 30 Kilometern. Nach Beobachtungen der Polizei bewegten sich die Behinderungen aber im üblichen Rahmen. Es seien zwar mehr Autos als sonst auf den Straßen gewesen, aber größere Staus habe es nicht gegeben. „Wenn es in der Stadt einen Unfall gibt, trifft das die Fahrer normalerweise härter.“ Wahrscheinlich seien viele Pendler vorbereitet gewesen, früher zur Arbeit gefahren oder auf das Fahrrad umgestiegen, vermutet der Polizeisprecher.

Die Taxifahrer

In der Taxi-Auto-Zentrale Stuttgart ist man gut vorbereitet in den Streiktag gegangen. „Wir haben unser Personal in der Zentrale aufgerüstet“, sagt ein Sprecher. Man habe jeden Fahrer auf der Straße, der verfügbar sei. An solchen Tagen verzeichne man rund 80 Prozent mehr Fahrten als sonst und habe viele Vorbestellungen, weil die Leute sicher gehen wollten, dass auch ein Auto kommt. Doch eines ist klar: Auch Taxis können im Stau stehen. Und wenn viele Menschen fahren wollen, die das sonst nicht tun, sind auch mal Wartezeiten drin. „Wir tun unser Möglichstes“, heißt es in der Zentrale. Ein Taxifahrer vor dem Bahnhof ärgert sich über den Streik. „Ich stehe ständig im Stau“, schimpft er. Außerdem nehme er weniger als sonst ein, weil seine Fahrgäste nur kurze Strecken im Taxi zurücklegten: „Das sind heute pro Fahrt vier oder fünf Euro, weil die nur schnell um die Ecke zur Arbeit müssen.“

Die Leihwagenfahrer

Unter anderem mit Leihwagen haben Arbeitnehmer am Mittwoch ihr Mobilitätsproblem gelöst. „Wir hatten doppelt so viele Nutzungen wie an einem vergleichbaren Werktag im Frühjahr“, sagt der Pressesprecher des Carsharing-Anbieters Stadtmobil, Ulrich Stähle. 450 Fahrzeuge stünden an rund 200 Stationen in der Region zur Verfügung, doch nachgefragt waren zuletzt doch nur die Hälfte. Gleiches Bild bei „Car2Go“: „Wir hatten durch den Streik mehr Fahrten als sonst“, sagt ein Sprecher. Allerdings kam es nie zur Situation, dass alle der 500 Fahrzeuge gleichzeitig vergriffen waren.

Die Streikversammlung

Um die Mittagszeit sammeln sich die Streikenden in und um das Cinemaxx am Berliner Platz. Fahnen wehen, selbst gebastelte Schilder schweben über den Köpfen. Vor den Streiklisten der Gewerkschaften Verdi und Erziehung und Wissenschaft bilden sich lange Schlangen. In drei Kinosälen gleichzeitig schwören die Gewerkschaftsfunktionäre und Personalratsabgesandten die Leute auf ihre Forderungen ein. Es sind so viele dem Streikaufruf gefolgt, dass die Kinos nicht alle aufnehmen können. Markus Freitag, der Personalratsvorsitzende der Stadt Stuttgart, verweist darauf, dass Deutschland den billigsten öffentlichen Dienst in Europa habe: „Nur neun Prozent der deutschen Lohnempfänger sind im öffentlichen Dienst, in Norwegen sind es 30 Prozent!“

Die Mütter und Väter

Im Streiklokal holt sich ein 47-jähriger Angestellter, Vater zweier Kinder, einen Becher Cola. „Im Gebäudemanagement meiner Stadt habe ich eine 48-Stunden-Woche, bekomme aber nur 39 Stunden bezahlt“, sagt er. Abfeiern geht nicht, es gibt keine Vertretung. „Ich verdiene 1600 Euro netto, die meisten Qualifizierten bewerben sich bei diesem Einkommen erst gar nicht.“ Anita Braun (34), Erzieherin seit zwölf Jahren, hat ein vierjähriges Kind. Sie sagt: „Ich will, dass man arbeitet und nachher noch was in der Hand hat.“ Tomas Brause, (41), dreifacher Familienvater, ist Forstwirt und als Baumpfleger beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt der Stadt Stuttgart angestellt. „Wir sind bei Wind und Wetter draußen, das geht auf Dauer auf die Knochen“, sagt er. Er trage Verantwortung, „und doch bleiben netto nur 2300 Euro“. Würde seine Frau nicht arbeiten, würde das bei den hiesigen Mieten nicht klappen.

Die Kundgebung

Auf dem Schlossplatz wollen sich die 5000 Demonstranten „nicht länger mit kleinen Lutschern abspeisen lassen“. „Die Arbeitgeber müssen mehr investieren und bessere Gehälter zahlen, wenn sie mehr junge Menschen für die Arbeit mit den Jüngsten im Land gewinnen wollen, sagte Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Der Verdi-Bezirksgeschäftsführer Cuno Hägele verteidigt den geforderten Sockelbetrag als soziale Komponente: „Wer sich selber die Diäten um 900 Euro erhöht, sollte wegen 100 Euro den Mund nicht so weit aufreißen!“ Kommende Woche wird eventuell wieder gestreikt. Besänftigt scheint hier noch keiner.

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