Claus Weselsky zeigt sich von öffentlicher Kritik – wie seit Jahren gewohnt – eher unbeirrt. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Die Lokführergewerkschaft GDL von Claus Weselsky schlägt mit ihrem frühen Warnstreik bei der Deutschen Bahn einen aggressiven Kurs ein. Dies kommt der Arbeitgeberseite gar nicht so ungelegen, meint Matthias Schiermeyer.

Dass die Lokführergewerkschaft mit ihrem Warnstreik in einer frühen Verhandlungsphase und nach einer sehr kurzen Ankündigungsfrist jede Menge Unmut auf sich zieht, ist verständlich. Doch das stört ihren Chef Claus Weselsky nicht im Geringsten. Öffentliche Empörung ist für ihn generell kein entscheidendes Kriterium, solange er nur seine eigenen Truppen hinter sich weiß. Und daran kann angesichts der weitreichenden Forderungen kein Zweifel bestehen. Denn auch bei der GDL zieht die Basis mit einer immer radikaleren Haltung in die Kontroverse.

 

Geschickter Ruf nach Arbeitszeitverkürzung

Weselsky sieht mal wieder die Zeit gekommen, mit einer besonders kämpferischen Tarifrunde der Konkurrenz EVG ein Signal der Stärke zu senden – was keine gute Botschaft für die Bahnkunden ist, weil die EVG (mit Schlichterhilfe) schon ein stattliches Ergebnis herausgeholt hat. Dies gilt es aus GDL-Sicht zu übertrumpfen. Die 35-Stunden-Woche für Schichtarbeiter zu beanspruchen, ist da ein geschickter Schachzug; Arbeitszeitverkürzung gilt als ein zeitgemäßes Thema.

Auch der Appell von Wirtschaft und Fahrgastverband an die GDL, mit Augenmaß vorzugehen, dürfte ins Leere gehen. Denn deren Ziel ist die zügige Zuspitzung, sodass noch etliche Streiktage folgen werden. Zumal die Arbeitgebervertreter genau dies als strategischen Vorteil sehen: Je aggressiver die Gewerkschaft auftritt, desto leichter können sie der Gegenseite den Schwarzen Peter rüberschieben, weil man sich davon einen Vorteil in der öffentlichen Meinung erhofft.

Schwarze-Peter-Spiel statt Lösungssuche

Diese Logik ist eine Verkehrung von Tarifrunden, die letztlich durch Verhandlungen statt Schuldzuweisungen gelöst werden müssen. Die zweite Gesprächsrunde am Donnerstag und Freitag wegen des Warnstreiks kurzfristig abzusagen, ist daher eine wenig hilfreiche Trotzhaltung der Bahn. Die Arbeitgeberseite trägt eine Mitverantwortung, sollte der Konflikt eskalieren.