Der Markt für US-Staatsanleihen sendet beunruhigende Signale. Was das mit der Rückkehr von Donald Trump zu tun hat, und wie brenzlig die Situation für Börsianer ist.
Verkehrte Finanzwelt: Obwohl die Notenbank Fed die Zinsen in den vergangenen Monaten deutlich gesenkt hat, sind die US-Staatsanleiherenditen nicht gefallen, sondern gestiegen. „Das ist höchst ungewöhnlich“, meint Chefvolkswirt Torsten Slok von der New Yorker Investmentgesellschaft Apollo Global Management. Anleger blieben bislang recht gelassen, doch der Markt steuert auf Renditeniveaus zu, die in der Vergangenheit zu Turbulenzen führten. Was die Entwicklung mit der Rückkehr von Donald Trump als US-Präsident zu tun hat, und wie brenzlig die Situation für Börsianer ist.
2023 reagierte der Aktienmarkt höchst nervös
Seit September hat die Fed den Leitzins insgesamt um 100 Basispunkte reduziert. Im gleichen Zeitraum legte die Rendite der US-Staatsanleihe mit zehnjähriger Laufzeit, die für die weltweiten Kreditmärkte als Richtschnur gilt, um 100 Basispunkte zu. Zuletzt erreichte sie mit 4,7 Prozent das höchste Level seit fast neun Monaten. Das könnte eine Warnung sein: Die Rendite nähert sich der kritischen Marke von fünf Prozent, die Experten als eine Art Schmerzgrenze für Wirtschaft und Finanzmärkte betrachten.
Warum sind US-Anleiherenditen für Anleger und Verbraucher so wichtig? Die „Treasuries“ genannten Papiere sind in der Finanzwelt das Maß aller Dinge in Sachen Liquidität und Ausfallsicherheit, der Wert anderer Investitionen leitet sich aus der Differenz zu dieser vermeintlich risikolosen Alternative ab. Die Renditen sind nicht nur maßgeblich für die Finanzierungskosten der weltgrößten Volkswirtschaft, nach ihnen richten sich auch die Zinsen am Immobilienmarkt sowie etlicher anderer Kredite und Finanzkontrakte. Auch für die Attraktivität anderer Wertpapiere sind sie entscheidend.
Bereits 2023 reagierte der Aktienmarkt höchst nervös, als die zehnjährige US-Anleiherendite – damals zum ersten Mal seit der großen Weltfinanzkrise im Jahr 2007 – über die Hürde von fünf Prozent stieg. An den Optionsmärkten wird inzwischen eingepreist, dass es Ende Februar wieder soweit ist. Und das könnte erst der Anfang sein: Analysten wie Padhraic Garvey vom Bankkonzern ING oder Arif Husain vom Investmentmanager T. Rowe Price halten bis Jahresende einen Anstieg auf 5,5 bis 6,0 Prozent für möglich.
Für den künftigen US-Präsidenten Trump sind steigende Anleiherenditen problematisch. Wirtschaftliche Bremsspuren zeichnen sich bereits ab. So kletterten die durchschnittlichen Zinsen für dreißigjährige Hypotheken zuletzt – trotz gelockerter Geldpolitik – auf den höchsten Stand seit Juli. Das verringert die Erschwinglichkeit von Wohneigentum im Land weiter und würgt die Nachfrage von Kaufinteressenten ab. Noch mehr Sorgen als der Immobilienmarkt dürfte der neuen US-Regierung jedoch der Staatshaushalt bereiten. Denn Trump verspricht trotz hoher Verschuldung Steuersenkungen. Dabei ist der Refinanzierungsdruck groß – hohe Zinsen kommen äußerst ungelegen.
Trumps Wirtschaftsagenda macht Fed zu schaffen
Eigentlich hatte die US-Notenbank das Inflationsproblem gerade wieder halbwegs unter Kontrolle gebracht und die Weichen für ein Ende der Hochzinsphase gestellt. Doch mit seiner protektionistischen „America first“-Wirtschaftsagenda machte ausgerechnet Trump den Währungshütern einen Strich durch die Rechnung. Ökonomen gehen davon aus, dass seine geplanten Steuersenkungen das Budget weiter strapazieren und seine beabsichtigten Zollerhöhungen die Teuerung wieder anfachen, weil Unternehmen sie über höhere Preise auf Verbraucher abwälzen. Trumps angekündigte massenhafte Abschiebungen illegaler Einwanderer könnten zudem das ohnehin schon knappe Angebot an Jobsuchenden auf dem US-Arbeitsmarkt weiter verringern, und so die Arbeitskosten und den Druck auf Firmen erhöhen, die Löhne anzuheben.
Die US-Notenbank senkte die Zinsen bei ihrer letzten Sitzung im Dezember zwar abermals, dämpfte die Erwartungen weiterer Lockerungen in diesem Jahr allerdings deutlich. Hatten die Fed-Vertreter in ihren Projektionen im September noch vier Zinsschritte nach unten für 2025 in Aussicht gestellt, so waren es zuletzt nur noch zwei. Am Aktienmarkt, wo Anleger stets auf billiges Zentralbankgeld hinfiebern, hatte der angepasste Zinsausblick der Fed kurz vor Weihnachten bereits für große Ernüchterung gesorgt.
Anleiheinvestoren haben eine große Marktmacht und eine gewisse Wächterfunktion mit Blick auf die Staatsfinanzierung, da Regierungen bei einem Käuferstreik auf Schuldtiteln sitzen bleiben können. Finanzgeschichte schrieb die frühere britische Premierministerin Liz Truss, die im Herbst 2022 nach weniger als zwei Monaten im Amt ihren Hut nehmen musste, nachdem ihre Steuersenkungspläne zu einem starken Anstieg der Anleiherenditen geführt hatten. Seitdem ist vom „Liz-Truss-Moment“ die Rede, wenn Regierungen das Vertrauen der Kapitalmärkte zu verlieren drohen.
Mit Blick auf die USA – den weltweit mit Abstand größten Anleihemarkt – ist das derzeit noch nicht wahrscheinlich. Allerdings könnte die neue Regierung einlenken müssen. „Wir bezweifeln, dass Trump seine versprochenen Steuersenkungen liefern kann“, sagt Wirtschaftsforscher Hubert de Barochez vom Analysehaus Capital Economics.