Mit einem offenen Brief schlagen 153 Intellektuelle und Künstler Alarm: Sie sehen Grundwerte freier Gesellschaften in Gefahr. Der aktuelle Fall der Schauspielerin Halle Berry zeigt, was sie meinen: Anprangerung und Einschüchterung ersetzen den Diskurs
Stuttgart - Schon vor der abrupten Stilllegung der Film- und Fernsehindustrie durch Corona, als noch auf Hochtouren produziert wurde, waren fertige Filme und Serien die Ausnahme. Die meiste Hektik bis hin zu pompösen öffentlichen Ankündigungen entsprang Projekten, die nie verwirklicht wurden, die Lunch-Gespräche oder in letzter Minute abgeblasene Dreharbeit blieben.
Dass eine Schauspielerin verkündet, sie werde eine Rolle nicht übernehmen, ist also eigentlich nichts Besonderes. Trotzdem hat so ein Tweet von Halle Berry vor einigen Tagen viel Aufmerksamkeit erregt. Das liegt an der Begründung und am Ton dieses Rückzugs. Die Oscar-Preisträgerin hatte sich nämlich für die Rolle eines transsexuellen Menschen ins Gespräch gebracht. Dafür tut Berry nun zerknirscht Buße. „Ich begreife jetzt“, tweetet sie, „dass ich als ,Cisgender-Frau‘ diese Rolle nicht hätte in Erwägung ziehen sollen und dass die Transgender-Gemeinde das unbestreitbare Recht haben sollte, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“
Ein Prozess der Einschüchterung
So gemischt hier das Bedenkliche und das Bedenkenswerte sind, man könnte das vielleicht als persönliche Entscheidung abbuchen und gleich wieder vergessen. Schriebe Berry nicht noch weiter – im scheußlich vertrauten Ton öffentlicher Selbstanklagesitzungen in Sekten und totalitären Regimen. „Ich bin dankbar“, heißt es da, „für die Anleitung und die kritischen Gespräche der vergangenen paar Tage und werde auch künftig zuhören, mich weiterentwickeln, Lehren ziehen und aus diesem Fehler lernen. Ich gelobe, eine Verbündete zu sein, indem ich meine Stimme erhebe, um eine bessere Repräsentanz auf der Leinwand, sowohl vor der Kamera wie dahinter, zu befördern.“
Das klingt weniger nach einem Prozess der Einsicht als nach einem der Einschüchterung. Berry ist nach kritischen Bemerkungen aus der Transgender-Community klar geworden, dass eine seit dem Weinstein-Skandal und der Metoo-Bewegung stark veränderte Medienindustrie sie eher fallen lassen würde, als im Zeitalter des Lärmpotenzials sozialer Medien auf die Möglichkeiten und die Zulässigkeit kontroverser Debatten zu vertrauen.
Halle Berrys Entscheidung, drohendem öffentlichem Druck auszuweichen, steht nicht alleine da. Sie folgt auf die Attacken- und Lossagungswelle, die über die Autorin Joanne K. Rowling hereinbrach, als die – nicht einmal scharf, eher gutmütig – darauf hinwies, dass sie nicht als „menstruierender Mensch“, sondern als Frau bezeichnet werden möchte und dass sie biologische Geschlechter für ein Faktum halte.
Aushalten von Differenzen muss sein
Die Empörung war so groß, als habe Rowling Transgender-Menschen mindestens die sozialen Rechte ab- und ihnen stattdessen Geisteskrankheit zugesprochen, was nicht im Ansatz in ihren Äußerungen enthalten ist. Emma Watson und Daniel Radcliffe, einst die Stars der „Harry Potter“-Verfilmungen, gingen so öffentlichkeitswirksam auf Distanz wie manche Vorsitzenden von Harry-Potter-Fanclubs: als habe Rowling Verrat an jener Liberalität begangen, für die ihre Bücher einprägsam Zeugnis ablegen.
Der Fall Berry und der Fall Rowling zeigen, wie nötig und richtig jener Weckruf gegen Dogmatismus ist, den jetzt 153 Intellektuelle und Künstler in einem gemeinsamen offenen Brief erschallen lassen – darunter Margaret Atwood, Anne Applebaum, Gloria Steinem, Joanne K. Rowling, Salman Rushdie, Louis Begley, Noam Chomsky und Michael Ignatieff.
„Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einer Prüfung“, heißt es in dem Brief, der in „Harper’s Magazine“, „Le Monde“, La Repubblica“ und der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen ist. „Heftige Proteste gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit haben zu Forderungen nach einer Polizeireform und nach mehr gesellschaftlicher Gleichberechtigung geführt – an Hochschulen, im Journalismus, in den Künsten. Diese notwendige und überfällige Abrechnung stärkt aber auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse, die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen.“
Intoleranz von oben und von unten
Ganz richtig wird erkannt, dass die Intoleranz von unten auf eine Intoleranz von oben reagiert. In den USA treibt Donald Trump mit seiner Missachtung von Minderheiten, seiner Lust am Spalten, Denunzieren und Lügen, seiner offenen Verachtung des Rechtsstaats und seinem „triumphalischen“ Nepotismus eine gezielte Entwertung zivilgesellschaftlicher Diskursformen. Die Folge fasst der offene Brief in Worte, die so klar und unmissverständlich sind wie der Ruf „Feuer“ in der Strohdachsiedlung: „Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird von Tag zu Tag mehr eingeengt. Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus: Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen.“
Der aktuelle Fall Halle Berry zeigt, dass es nicht um die Pole „fraglos richtig“ und „fraglos falsch“ geht. Transgender-Schauspieler können – wie manche andere Minderheit auch – darauf verweisen, dass Personen aus ihrer Gruppe in Filmen und Serien kaum vorkommen. Gibt es dann doch einmal solch einen prominenteren Charakter, wird er gern Mainstream-Stars angeboten. Da einmal auf eine Rolle zu verzichten, könnte durchaus eine noble Geste sein. Andererseits hat Hollywood das Desinteresse des großen Publikums an Minderheiten im Auge – und wagt sich an bestimmte Themen und Figuren nachvollziehbarerweise dann, wenn ein etablierter Mainstream-Star Interesse weckt. Wer also Druck macht, dass nur noch Minderheiten Minderheiten darstellen dürfen, könnte lernen müssen, dass es Siege gibt, die Niederlagen sind – für alle Seiten.