Grandiose Aussicht auf die Berge in der Tiroler Zugspitz-Arena Foto: Tiroler Zugspitz-Arena

Zu Fuß auf die Zugspitze wäre für ein Wochenende zu viel verlangt. Doch in Lermoos im Ehrwalder Talkessel locken noch viele andere Möglichkeiten der Bewegung

Lermoos - Der Berg ist eine Diva. Dreimal täglich wechselt er seine Kleider. Abends trägt er Purpur, einen schmaler werdenden Kragen, der zum Schluss verglüht, tagsüber einen langen faltigen Rock, mit tiefen Schatten und hellen Kanten, darüber eine frisch gepuderte Nerzstola. Und am nächsten Morgen hat er sich ein zartes Wolkenband umgeworfen wie einen Chiffonschal.

Man könnte ununterbrochen auf der Terrasse des Hotels in Lermoos stehen und das Wetterstein-Gebirge anschauen, besser bekannt als Zugspitzmassiv, nach seinem berühmtesten Gipfel. Vor dem Hotel dehnt sich der weitläufige Ehrwalder Talkessel, auf tausend Meter Höhe gelegen. Selbst jetzt, im späten Herbst, ist er noch grün und einladend von Wegen durchzogen, ideal für Spaziergänge oder Walking-Runden, im Winter dann zum Langlaufen. Links zieht sich die Bahnstrecke entlang, ab und zu von einem Züglein befahren, das mangels Bahnschranken laut pfeift.

Von Hall in Tirol führte die frühere Salzstraße über den Fernpass nach Augsburg, und sie war so rege genutzt, dass schon im 16. Jahrhundert eine feste Poststation im Ort eingerichtet wurde. 1560 wurde der Grundstein der Alten Post gelegt, damals Poststation des kaiserlichen Posthalters von Füssen und Lermoos, heute ein Hotel, das vor fünf Jahren sein 450-jähriges Bestehen feierte. Das Haupthaus, 2006 neu aufgebaut, beherbergt jetzt ein modernes Wellnesshotel. Die alten Stuben, die Poststube und die Kaminstube wurden samt dem Gebäudeteil erhalten und unter strengem Denkmalschutz saniert.

Schon Mitte November trägt die Tanne in Lermoos Weihnachtskugeln

Die Gästeliste ist lang und führt nicht nur gekrönte Häupter, sondern auch einen Dichterfürsten: Johann Wolfgang von Goethe weilte auf seiner Reise nach Italien in der Post, 1790 war das, am 20. März, wie die Chronik vermeldet.

Direkt gegenüber dem Hotel steht eine Vitrine mit dem Modell eines alten Salzstadls. 1679 wurde er gebaut, damit die Salzfässer über Nacht trocken und vor Dieben geschützt lagern konnten. Die Vitrine beherbergt während der Adventszeit eine handgeschnitzte Krippe.

Schon Mitte November trägt die Tanne an der Barockkirche in Lermoos dicke rote Weihnachtskugeln. Wie fremde Boten einer fernen Zeit wirken sie an einem föhnigen Herbsttag, wenn die Sonne scheint und die Wärme Himmelsschlüssel und Walderdbeeren noch mal blühen lässt. Auf dem Programm steht eine „Wanderung mit Walter zur Gamsalm“. Diese liegt auf 1300 Metern, „in einer atemberaubenden Gebirgswelt auf der Sonnenseite der Zugspitze“. Zunächst geht es durch den Ort, über die Bahnlinie und dann ein steiles Stück Weg hinauf, das sich wie eine nimmer endende Treppe ausnimmt. Bereits werden Hochhausläufer imaginiert, die sich freiwillig in New York 102 Stockwerke hinaufschwingen, und das im Laufschritt. Die kleine Gruppe bleibt immer mal wieder stehen, zum Durchschnaufen und um die spannenden Erklärungen von Bergwanderführer Walter Stoll zu hören. Zur Baumbartflechte beispielsweise, einer Pflanze, die vor rund zwanzig Jahren so gut wie verschwunden war. 86 Prozent des Waldes seien im Zugspitzgebiet geschädigt gewesen, weiß Walter. „Das war damals der Dreck vom Kohlenpott, der mit der Hauptwindrichtung als saurer Regen niederging.“ Jetzt sei die Baumbartflechte wieder da, der Wald habe sich erholt.

Auf der Hütte wärmt der Kaminofen

Auf der Hütte angekommen, endlich, nach anderthalb Stunden des Aufstiegs, zeigt sich, dass die Tuftl-Alm – und nicht die Gamsalm – das Ziel war. Sie liegt allerdings auf 1500 Metern. Gemütlich ist es hier oben, der Kaminofen wärmt, und viele Einheimische haben sich eingefunden. Die drahtige Physiotherapeutin mit ihren drei Hunden war am frühen Morgen schon auf dem Gipfel des Daniel, 2343 Meter hoch. Leichtfüßig ist sie auf dem Rückweg, um noch eben einzukehren.

Nun, man wollte sich ja bewegen, und die Tiroler sind bekanntlich sportliche ­Gesellen. Das Bergtraining kann nicht schaden, denn die nächste Skisaison kommt bestimmt. Also wieder hinunter, die fünfhundert steilen Höhenmeter, betreut von Walter, der zugleich ein begeisterter Jäger ist und jede Menge Jägerlatein zu erklären weiß, Fährten lesen kann und an einer Losung erkennt, ob es ein männliches oder weibliches Rotwild war. Spannende Details, doch die Oberschenkel brennen: Wie gut, dass am Abend die ­warmen Bäder im Spa warten.

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