Am Sonntag konnte wieder der Kultklassiker „Wein, Wandern und Genuss“ in der reizvollen Wein- und Literaturregion des Bottwartals entdeckt werden.
Vier Wengerter, deren Betriebe an den ausgelobten Strecken liegen, verwöhnten zwischen 11 und 18 Uhr ihre Gäste, die mal mit dem Rad, mal zu Fuß oder auch mit dem Auto die „Genuss-Stationen“ erreicht hatten. Denn bei dem genussbetonten Wander-Event mit Weinen und kulinarischen Spezialitäten wird nicht nachgeprüft, ob das Ziel „auf Schusters Rappen“ oder anderweitig angepeilt wurde. Die Hauptfaktoren sind vor allem Geselligkeit, der individuelle Charme der Stationen und auch die Wein-Lese-Zeiten, die rund um Rebsaft und das Leben, die Gäste unterhalten sollen.
„Für mich bedeutet der Duft der Sommerlinde Lebensfreude pur“
Die Kräuterpädagogin Claudia Nafzger aber hatte bei der Brennerei Gemmrich nicht die Weinrebe, sondern die Heilpflanze des Jahres – „die Linde, die uns gut versorgt“ – im Fokus ihrer Ausführungen. „Für mich bedeutet der Duft der Sommerlinde Lebensfreude pur“, ließ Nafzger die im Schatten sitzenden Zuhörenden wissen, die gleich darauf erfuhren, dass es auch eine Winter- und eine Silberlinde gibt. „Letztere ist sehr selten“, so die in Höpfigheim lebende Kräuterexpertin, die dort nur ein einziges Exemplar kenne. „Das Recht der Ernte hat man sich früher mit drei, vier weiteren Familien teilen müssen.“
Für den Sommer hat sie einen klaren Favoriten: den kalten Linden-Eistee. Nafzger erörterte nicht allein die Zubereitung des erfrischenden Getränks mit Heilwirkung, sondern erklärte auch, auf was beim Trocknen der Blüten zu achten sei.
Kulinarische Besonderheiten gab es in der Küche der Winzerfamilie: dort köchelte etwa das Tresterfleisch im herzhaften Sud, der mit Tresterbrand, Wein, Fleischbrühe, Gewürzen und Wurzelgemüse angesetzt wird. „Einmal hatten wir das Gericht, dessen Rezept ich von der Mosel habe, weggelassen. Es kamen damals so viele Nachfragen, dass wir es seither wieder regelmäßig anbieten“, erinnerte sich Petra Gemmrich schmunzelnd.
Anette und Dietmar Fischer aus Stuttgart-Vaihingen, ließen sich das Gericht ebenfalls schmecken. Das Paar war von der Burg Beilstein aus unterwegs und beabsichtigte noch die komplette Runde zu gehen. Doch zuvor genoss es das Essen und Wein. So wie viele andere auch, die es sich an den Biertischen oder in den Liegestühlen gut ergehen ließen.
Achim Reißer und seine Frau beispielsweise wohnen in Lübeck, besuchten aber seine Eltern in Beilstein, mit denen sie sich – nach getaner Wanderarbeit - abends noch zum Essen treffen wollten. Ein Glas spritzig-kühler Rosé sollte deshalb für die Motivation an dem schwül-heißen Tag genügen, um drei weitere Genuss-Stationen anzulaufen.
Waltraud Bromberg hatte auch ein bestimmtes Ziel vor Augen: nämlich das Bauernhofeis beim Schlossgut Hohenbeilstein, das mit dem Eiswagen die Veranstaltung bereicherte. Das Ambiente hoch droben über der Stadt lockte viele Gäste an. Nicht allein wegen des „legendär leckeren Flammkuchens“, wie eine Konsumentin meinte, sondern vermutlich auch wegen der Weine. „Der Renner“ am Sonntag war dort der Weißburgunder, wie Paul Kurz am Ausschank beschied. Tim Weippert hätte vermutlich zu einem Gläschen des kühlen Getränks nicht Nein gesagt. Er aber musste sich auf die Flammkuchen konzentrieren, die er rechtzeitig aus der Gluthitze des steinernen Backofens rettete.
„Alles Familie: Tanten, Cousinen und so weiter“
Zu den Gästen kam das duftende Gebäck mithilfe zahlreicher junger Servicekräfte. „Alles Familie: Tanten, Cousinen und so weiter“, wie Edi Egle-Illg, die Tante von Silke Dippon erklärte. Nicht nur für die jungen Zuhörer, sondern auch für Erwachsene gab es obendrein anregende Kost für die Ohren. Und zwar durch die Märchenerzählerin Stefanie Keller.
Sie brachte besonders ausdrucksvoll Mimik und Gestik zum Einsatz, wenn es um kulinarische Feinheiten ging, wie etwa bei dem Grimmschen Märchen „Das kluge Gretel“ und ließ bei all dem ihr Publikum fasziniert an ihren Lippen hängen.
Die Rielingshäuserin Christiane Scheuing-Bartelmess war mit fünf Freunden unterwegs. Gestartet waren sie beim Weingut Kircher mit einer „überaus leckeren Erdbeerbowle“. Außerdem steche auch die Wildbratwurst absolut positiv hervor, meinten einige Mitglieder der Gruppe wie aus einem Mund. Als letztes Ziel hatten die Freunde das Weingut Gemmrich Schmidhausen auf dem Plan. Zuvor aber entdeckten sie die Weinprinzessin Zoe Schmid, die jeder Genuss-Station einen Besuch abstattete. Das Weingut Sankt Annagarten hatte zwar mit Jonathan Springer und dessen „schwarz-romantischen Lösungsansätzen vom Grund des Glases“ Hochprozentiges im Angebot; manch einer ließ sich aber auch die alkoholfreie Sekt-Variante des Bio-Weinguts schmecken. Ein Beleg dafür: „Man muss nicht immer trunken sein“, wie es das Motto der Lesung augenzwinkernd vorgegeben hatte.