Experte für Künstliche Intelligenz und Stiftungschef: Bernd Bartolome Foto: Andreas Müller

Die Region punktet im Tourismus bundesweit mit digitalen Gästeführern. Wer ist der Mann hinter dem Erfolg, der Stiftungschef Bernd Bartolome?

Mit seiner „Remstal-Lisa“ und deren Kollegen ist Werner Bader rundum glücklich. Nicht nur von Gästen erhält der Geschäftsführer des Remstal-Tourismus viel Lob für die Avatare, die im Online-Dialog fast wie echte Menschen Ausflugs- oder Einkehrtipps geben. Auch bundesweit erntet er aus der Urlaubsbranche viel Interesse und Zuspruch für das Pilotprojekt mit Künstlicher Intelligenz (KI). „Hervorragend“ sei die Resonanz, bilanziert Bader nach einigen Monaten, „wir sind begeistert“.

 

Die Pionierrolle verdankt das Remstal einem Mann, der gar nicht aus dem Tourismus kommt – aber umso mehr von KI versteht. Bekannt war Bernd Bartolome – der Vorstand der als Technologiepartner ausgewiesenen Stiftung Infinite Sculpture mit Sitz in Fellbach – bis dahin vor allem in der Kunstszene. Schon als Künstliche Intelligenz noch nicht in aller Munde war, schuf er damit Kunstwerke. Bereits 2017 entstand die „weltweit erste KI-Skulptur“, bei der Algorithmen seinen künstlerischen Entwurf autonom fortführten, losgelöst vom Künstler.

Kunstwerke für die „digitale Ewigkeit“

Zwei Jahre darauf entwickelte sich sein Werk aus dem Digitalen in die reale Welt: mit einer kunstvoll verschlungenen Skulptur, die bei einer Biennale in Lindau-Bad Schachen Premiere feierte und noch heute dort steht. Später, für sein Projekt „8 seconds“ kooperierte er mit dem Ballett-Star Friedemann Vogel: Aus dem digitalisierten Tänzer wurde alle acht Sekunden eine neue Skulptur generiert und gleich wieder zerstört, mehr als eine Million Unikate. Als virtuelles Wesen, schwärmte Bartolome, könne Vogel unbegrenzt weitertanzen.

Hier die bodenständige Remstal-Lisa, da Kunst für die „digitale Ewigkeit“ – wie passt das zusammen? Es sind in der Tat zwei Welten, die der gebürtige Sindelfinger (Jahrgang 1966) in seiner Person vereint. Angelegt sind sie schon in seiner Vita: Er studierte in Stuttgart, Berlin und Paris nicht nur Bildende Kunst, sondern auch Mathematik. Später in Zürich konzentrierte er sich auf die Forschung zu computergestützten Sprachprozessen. Dann nutzte er sein Wissen zur Gründung eines Unternehmens, das individuelle Massenproduktion im Druckbereich ermöglichte. Die Technologie wurde nach einigen Jahren verkauft, das Geld steckte Bartolome in seine gemeinnützig arbeitende Stiftung.

Neue Form der Kulturvermittlung entwickelt

Auch dort finden sich die beiden Welten wieder: Eine Säule ist seinem künstlerischen Werk gewidmet, das archiviert und beständig fortgeschrieben wird, die andere einem ausgefeilten „KI-Ökosystem“. Mit seiner Technologie wollte der Stifter nämlich nicht nur Schönes schaffen, sondern auch praktischen Nutzen stiften. So entwickelte Bartolome neue Formen der Kulturvermittlung per Dialog: Aus dem statischen Buch wurde ein lebendiges Format, bei dem Leser mit literarischen Figuren interagieren können. Für ein Lern- und Leseportal wurden dazu Tausende klassische Werke digitalisiert und in KI-Strukturen überführt. Sein Ziel: kulturelles Erbe nicht nur zu bewahren, sondern neu zugänglich zu machen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Bartolome aktuell in einem Stiftungsprojekt zur Kulinarik: Mit einem Gourmet- und Kochportal („CookWithaFriend“) digitalisiert er nicht nur Rezepte, sondern ermöglicht den Dialog mit virtuellen Küchenchefs. Nutzer können ein Video verfolgen, aber auch nachfragen, Vorschläge abwandeln oder improvisieren. Bei der „neuen Form der Kochbegleitung“ kooperiert der KI-Experte mit Spitzenköchen aus der Region, deren persönliche Handschrift er ins Digitale übersetzt. Ergänzt wird das Portal durch eine Sommelière, die alle Fragen rund um die passenden Weine beantwortet.

Beim Tourismuspreis leer ausgegangen

Von der Top-Gastronomie war es nicht mehr weit zum Tourismus im Remstal, wo Bartolome wohnt. 21 Kommunen und rund 250 Unternehmen gewährte er dort den Zugriff auf seine KI-Technologie – günstig gegen Kostenersatz, weil die Stiftung nicht gewinnorientiert arbeitet. Für wenig Geld bekamen die Remstäler mit „Lisa“ und Kollegen so digitale Gästeführer, die ungleich besser funktionieren als die mit viel Steuermitteln geförderte „KI-Marie“ der Schwarzwald-Tourismus-Gesellschaft. Die wirbt nach wie vor um Verständnis, dass sie eben noch lerne.

Bartolomes System ließe sich auch auf andere Regionen ausweiten. Doch im Südwest-Tourismus mit seinen festgefügten Strukturen stößt der Fachfremde auf eine gewisse Reserviertheit. Warum die „Remstal-Lisa“ beim Innovationspreis des Tourismusverbandes leer ausging, versteht er ebenso wenig wie der Tourismus-Geschäftsführer Bader. Eine inhaltliche Begründung dafür gab es nie.