Kersten Knödel und Henriette Trauer sind bekannte Gesichter aus dem ehemaligen Libero und haben jetzt im Leonhardsviertel neue Wurzeln geschlagen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das schmuddelige Leonhardsviertel mausert sich zur spannenden Ausgehmeile. Neue Kneipen wie das Immer Beer Herzen sorgen für den Wandel – doch eine zweite Theodor-Heuss-Straße soll hier nicht entstehen.

Stuttgart - Schon allein wegen des wohl ungewöhnlichsten Namens für einen Gastronomiebetrieb in Stuttgart fallen Henriette Trauer, Kersten Knödel und Stefan Arzt auf: Immer Beer Herzen heißt das neue Kleinod in der Hauptstätter Straße im Leonhardsviertel, das seit Mitte August geöffnet hat. Trauer hat früher die Fußball-Kultkneipe Libero in der Olgastraße betrieben und will jetzt im Rotlichtviertel, das hinter vorgehaltener Hand schon mal Klein-St. Pauli genannt wird, neue Wurzeln schlagen.

Aber zurück zum verrückten Namen: Immer Beer Herzen ist die verunglückte Übersetzung von etwas, das ungefähr „Ich mag Bier“ geheißen haben könnte. „In Südkorea sind deutsche Namen für Gastronomiebetriebe der letzte Schrei“, sagt Trauer. Das „Zeit-Magazin“ hatte sich die Mühe gemacht, kuriose Namensschilder aus fernöstlichen Gefilden zusammenzutragen – und so fiel die Wahl auf den kryptischen Deutsch-Englisch-Mix. „Das kann man auch super abkürzen“, fügt Trauer hinzu. „Gehen wir ins Herzen. Oder ins Bierherzen.“

Im Immer Beer Herzen wird gewissen Lastern gefrönt

Wer das Immer Beer Herzen betritt, wird optisch erst einmal fast von der monströsen Belüftungsanlage erschlagen. Bis zu einem halben Meter dicke Abluftrohre sorgen dafür, dass die Luft jede Stunde fünfmal komplett zirkuliert. Und das ist auch gut so. Wer sich an frühere Libero-Zeiten erinnert, weiß, dass die Luft dort oft stickig war. Trauers Libero-Stammgäste sind der Wirtin zwei Jahre nach der Schließung der Kneipe zum neuen Standort gefolgt. Und diese rauchen gerne und viel.

Dass gewissen Lastern gerne gefrönt werden darf, wird im Immer Beer Herzen ganz unverhohlen zur Schau gestellt. So wird der US-amerikanische Sänger und Schauspieler Dean Martin auf der Getränkekarte zitiert: „Man ist nicht betrunken, solange man noch am Boden liegen kann, ohne sich festhalten zu müssen.“ Essen gibt es keins im Immer Beer Herzen.

Und, Überraschung: auch keinen Fußball! Zumindest abgesehen vom Tischkicker und Länder- oder Pokalspielen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden. „Wir boykottieren Sky!“, sagt Trauer.

Die neue Kneipe ist nicht die einzige Wirtschaft, bei der der Privatsender, der die Rechte an den Bundesliga-Übertragungen hat, in Ungnade gefallen ist. Public Viewing gibt es abgesehen von Eckkneipen kaum noch in Stuttgart, da sich das Sky-Abo für die meisten größeren Kneipen nicht mehr lohnt, weil nach Quadratmetern abgerechnet wird. 2000 Euro im Monat sind Henriette Trauer zu viel.

Die Kneipe ist in direkter Nachbarschaft der schickste Laden

Also Bier, Zigaretten und Fußball light. Mitinhaber Kersten Knödel, der ebenfalls bereits im Libero hinterm Tresen stand, legt viel Wert darauf, dass es im Immer Beer Herzen frei von Chichi und Hipstern zugehen soll. „Wir wollen ein Jugendhaus für Erwachsene sein“, sagt er. Obwohl Stuttgarts Schickeria wahrscheinlich einen Bogen um die Kneipe machen wird, ist sie trotz betont lässiger Attitüde in der unmittelbaren Nachbarschaft dennoch mit Abstand der schickste Laden.

Trotzdem will das Immer Beer Herzen das Viertel nicht ändern: „Wir werden das Leonhardsviertel sicher nicht gentrifizieren“, sagt Trauer. Bevor sie das Immer Beer Herzen nach einigen Hürden, die ihr die städtischen Behörden gestellt hatten, eröffnen konnte, hat sie im Fou Fou und in der Uhu-Bar gekellnert. Um sich mit dem Rotlichtviertel „zu akklimatisieren“.

Das Fou Fou war die erste hochwertige Cocktailbar in der rauen Gegend, der das Paul & George im März mit ähnlichem Konzept folgte. Die Uhu-Bar ist ein Geheimtipp unter Nachtschwärmern. Die verspiegelte Tür öffnet sich nur nach Klopfzeichen, wenn der Wirt der Meinung ist, dass es sich bei dem Ankömmling um keinen verirrten Freier handelt. Auch Prostituierte trinken hier gerne mal privat ein Sektchen.

Das Viertel verliert seine Rauheit

Eine neue Theodor-Heuss-Straße soll das Leonhardsviertel nicht werden. Der Charme des Rotlichtviertels soll, wenn es nach Henriette Trauer geht, erhalten bleiben. Der Wochen­end-Partytourismus aus den Nachbarlandkreisen wird von vielen Szenegastronomen als Bedrohung urbaner Ausgehkultur betrachtet.

Die Stadt schließt ein Bordell nach dem anderen im Leonhardsviertel. Auch die Hells-Angels-Kneipe The Other Place hat kürzlich dichtgemacht – aus wirtschaftlichen Gründen. Ohne die wilden Rocker mit ihrem martialischen Auftreten wirkt die Hauptstätter Straße gleich eine Spur braver. Und der Vorkämpfer für vegane Lebensweise und Manager der Fantastischen Vier, Andreas „Bär“ Läsker, beerbt mit seinem Veggie-Restaurant Xond den Plattenladen Ratzer Records, der Anfang Oktober an den Marienplatz zieht.

Klein-St. Pauli oder doch Stuttgarts Prenzlauer Berg? Das Leonhardsviertel hat eine Menge Potenzial. Wenn es nach Henriette Trauer und Konsorten geht, darf es aber ruhig ein wenig rauer bleiben.

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