Die traditionellen Tankstellen sind für Elektroautos eher ungeeignet. Doch Murat Bektasch verdient sein Geld in erster Linie in seinem Shop – und er glaubt, dass auch noch lange bei ihm getankt wird.
Fellbach - An der belebten Straßenkreuzung im Fellbacher Industriegebiet ist die gelbe Shell-Muschel kaum zu übersehen. Der Tankstellenbetreiber Murat Bektasch steht aber nicht an der Zapfsäule, sondern in seinem Shop. Dort bietet er Zeitungen, Zigaretten, Kaffee, Brötchen und allerhand Süßigkeiten an. Bektasch ist Chef einer kleinen Kette, immerhin drei Tankstellen betreibt er im Rems-Mur-Kreis. Schon seit zwölf Jahren ist er im Geschäft. „Shell hat als einzige Kette noch einen Tankwart, der Scheiben putzt, Service anbietet und für die Oma das Auto auch mal in die Waschanlage fährt“, erzählt er. Die anderen Ketten, wie etwa Aral, haben dies längst abgeschafft – bei Bektasch aber steht auch noch jemand an der Zapfsäule. „Das wird bei Shell auch so bleiben“, meint der Tankstellenbetreiber.
Die Handwerker holen sich einen kleinen Snack
Und dass sein Geschäft auch mit dem Wandel von Verbrennungsmotoren zur Elektromobilität nicht in Gefahr gerät – davon ist er ebenfalls überzeugt: „Auch wenn es immer mehr Elektroautos gibt oder Fahrzeuge, die mit Wasserstoff angetrieben werden, kommen die Kunden weiter in den Laden“, lautet seine Prognose. „Jeder kauft etwas, die Handwerker holen ihr Vesper, alle 14 Tage machen wir eine Aktion, bei der es bestimmte Angebote preiswerter gibt“, erzählt Bektasch aus seinem Alltag.
Bektasch ist einer von rund 14 500 Tankstellenbetreiber zwischen Kiel und Konstanz. Doch an den traditionellen Tankstellen gibt es kaum Platz für zusätzlicher Elektroladesäulen. „Die Zukunft der Elektromobilität wird wohl nicht an den heutigen Tankstellen stattfinden,“, meint denn auch Jürgen Ziegner, der Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes in Bonn. „An großen Tankstellen haben wir täglich eine Frequenz von bis zu 1000 Fahrzeugen“, rechnet Ziegner vor. Schon weil das Tanken an den Ladesäulen länger dauert als wenn nur Sprit gezapft wird, könnten bei zehn Ladesäulen pro Tag nur 400 Fahrzeuge ihren Strom zapfen.
Der Laden trägt am meisten zum Gewinn bei
Die Tankstelle, mit der er und seine Mitarbeiter ihr Geld verdienen, gehört nicht Bektasch selbst – er ist Mieter beim Shell-Konzern. Dafür, dass er dessen Benzin verkauft, bekommt er eine Provision. Was die Autofahrer für Benzin und Diesel zahlen, wird nicht bei ihm zu Umsatz, sondern bei Shell. Was bei ihm direkt zu Umsatz und Gewinn wird, ist, was er im Shop verkauft – und eben die Provision. „Wenn eine Tankstelle rein rechnerisch einen Umsatz von zehn Millionen Euro macht, entfallen 8,5 Millionen auf den Verkauf von Kraftstoff“, erklärt Zieger. Doch da allein vom Umsatz niemand satt wird und der Kraftstofferlös in die Bilanz von Shell fließt, ist für den Tankstellenbetreiber eine andere Rechnung wichtig. Zum Deckungsbeitrag für den Betrieb der Tankstelle, aus dem nach dem Abzug der laufenden Kosten der Gewinn erwirtschaftet wird, trägt der Kraftstoffverkauf nach Angaben des Geschäftsführers des Tankstellengewerbes nur zehn bis 20 Prozent bei – der Shop aber bringt 55 bis 60 Prozent, der Rest wird beispielsweise mit Autowäsche erzielt.
Eine Paketstation rundet das Angebot ab
Die Sorge vor einem mögliche Siegeszug der Elektromobilität treibt Bektasch nicht so sonderlich um, wohl auch weil er glaubt, „dass dies nicht so schnell kommen wird.“ Damit, sein Geschäftsmodell zu verändern, hat er schon seit längerer Zeit angefangen: So stehen etwa Paketstationen von Amazon und Hermes vor seiner Tankstelle, außerdem können Kunden dort auch Geld abheben. „Wir möchten ein rund-um-sorglos-Paket anbieten“, erläutert der 38-Jährige. „Bei uns kann man auch ein Leberkäsweckle essen, während das Auto gewaschen wird“.
Die Gefahr, dass die Tankstellen durch die Umstellung auf die Elektromobilität weniger verdienen können, ist nach Meinung von Ziegner aber durchaus real. „Das Shopgeschäft wird zwar wichtiger, aber ein großer Teil dieses Geschäfts wird mit Autofahrern erzielt, die eben auch zum Tanken kommen“, meint der Geschäftsführer des Tankstellengewerbes. Doch jeder zweite Kunde kommt nach den Angaben von Shell, ohne dass er an die Zapfsäule will. So ist es auch an der Tankstelle in Fellbach: „Jeder zweite Kunde kauft etwas bei uns,“ berichtet Bektasch.“ Die Zahl der Kunden, die nur in den Shop gehen, steigt“, sagt Ziegner. Und was ebenfalls zunimmt, ist offenbar der Kaffeedurst: „Der Kaffeeumsatz steigt, es gibt immer mehr Kaffeetrinker“, so die Erfahrung von Bektasch. Und was nächtens möglicherweise auch einen Fahrer eines Elektroautos anlocken könnte, bietet er ebenfalls an: „Bei uns kann man auch Nachts um eins noch eine warme Brezel kaufen". Und tatsächlich sind Tankstellen für so manchen die letze Instanz, wenn Supermärkte ihre Pforten schon längst geschlossen haben.
Lob von den Kunden
„Wenn Kunden sagen, oh, ihr habt was neues im Backshop, dann macht das einfach Spaß,“ meint der Mann, der auch selbst hinter der Theke steht. „Ich arbeite hier gerne, weil ich hier einen Kontakt zu den Menschen habe“. Dies jedenfalls so lange, wie es noch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren gibt. Dies aber wird nach Meinung von Ziegner wohl noch lange der Fall sein. Am ehesten rechnet er damit, dass zunehmend Hybridfahrzeuge über die Straßen rollen, die neben Strom eben auch noch flüssigen Kraftstoff brauchen. Und solange überhaupt noch jemand kommt, gilt für Bektasch die Devise: „Bockwurst geht immer“.