Das Fachgeschäft „Die Taucher“ war über beinahe vier Jahrzehnte eine Böblinger Institution. Zum Jahresende macht Waltraud Binanzer den Laden dicht – ganz aus dem Geschäft zurückziehen will sie sich aber nicht.
Sie gilt als Deutschlands beste Kindertauchlehrerin, leistete in einer Männerdomäne Pionierarbeit und hat Böblingen in den letzten vier Jahrzehnten zu einer Tauchsporthochburg gemacht. Jetzt, mit 70 Jahren, zieht Waltraud Binanzer einen Schlussstrich. Zum Jahresende schließt sie ihr Fachgeschäft „Die Taucher“ in der Herrenberger Straße samt der dort ansässigen Tauchschule. Mit zumindest einem in Neopren gehüllten Bein will sie aber weiterhin im Geschäft bleiben – schließlich war und ist das Tauchen für sie seit jeher mehr als nur ein Beruf. Es ist ihre Leidenschaft.
„Ich war schon immer ein Wassermensch“, sagt Waltraud Binanzer, die ihre Faszination für die Welt der Fische, Riffe und versunkenen Schätzen vor allem ihrem Vater, dem Fotografen Gerhard Binanzer, verdankt. „Er war selbst ein leidenschaftlicher Taucher und hat schon in den 50ern mit der Unterwasserfotografie angefangen“, erzählt sie. 1968 machte die damals 14-Jährige beim Familienurlaub auf Elba ihren ersten Tauchkurs. Fortan gab es nichts anderes mehr für sie.
Mit Wille und Ausdauer in einer Männerdomäne behauptet
Körperliche Fitness brachte sie bereits als Leistungssportlerin im Cannstatter Schwimmverein mit. „Damals fing das auch mit den Wettkämpfen an“, erzählt sie von Sportveranstaltungen, bei denen sie sich in exklusiver Gesellschaft befand. „Ende der 60er, Anfang der 70er gab es nicht viele weibliche Taucher in Deutschland“, lächelt sie.
Sich als Frau auf einem von Männern dominierten Gebiet mit Ausdauer und Willenskraft zu behaupten: Das sollte in Waltraud Binanzers Leben zum Leitthema werden – und ihr sogar einmal das Leben retten, als sie sich als 23-Jährige von der Strömung abgetrieben und ganz allein, achtzehneinhalb Stunden lang im Mittelmeer bei Korsika ans rettende Ufer kämpfen musste.
Den Wassersport machte sie sich zum Beruf. Die Inspiration dafür kam ebenfalls vom Vater. Der hatte anfangs Bilder und Texte für die vom Verband Deutscher Sporttaucher publizierte Fachzeitschrift „Delphin“ geliefert und dann 1973 ein eigenes Blatt namens „Die Taucher“ herausgebracht – mit der Tochter als rasender Unterwasserreporterin.
Nach dem Abitur und einem frühzeitig abgebrochenen Sport- und Englischstudium heuerte sie 1978 beim Jahr-Verlag in Hamburg an. Der habe damals für ein neues Tauchmagazin einen in Sachen Unterwassersport völlig unbeleckten Chefredakteur eingestellt. Also holte man sich Waltraud Binanzer an Bord, die sich dafür als Bedingung ausbat, nicht nur als Hilfskraft eingestellt zu werden. Bald war sie es, die als eine Art Themenchefin entschied, was ins Blatt kam.
Auszeichnung als Deutschlands beste Kindertauchlehrerin
„Dann wurde ich abgeworben“, erzählt sie, wie sie Anfang der 1980er Jahre in München stellvertretende Chefredakteurin eines Tauchermagazins wurde. Eine ihrer dort veröffentlichten Reportagen über versunkene Schätze im Salzkammergut sollte ihrem Leben eine neue Wendung geben. Bei einer ihrer Recherchereisen lernte sie den Böblinger Winfried Persinger kennen und lieben. Persinger hatte in der Wilhelmstraße einen Möbelladen und war Begründer des Böblinger Tauchclubs.
Als das Münchner Fachblatt nach nur einem dreiviertel Jahr wieder verkauft wurde, erhielt Binanzer eine stattliche Abfindung, mit der sie sich gemeinsam mit Persinger eine dreimonatige Weltreise zu den schönsten Tauchplätzen der Welt leistete. Außerdem machte sie bei der international anerkannten Professional Association of Diving Instructors (PADI) die Ausbildung zur Tauchlehrerin. „Das war 1983. Von 30 Leuten war ich eine von zwei Frauen“, erzählt Binanzer. Seitdem, hat sie unzählige Menschen – von jung bis alt – geschult. Für ihre besonderen Verdienste bei der oft herausfordernden Nachwuchsausbildung zeichnete die PADI-Organisation sie mit dem Titel „Deutschlands beste Kindertauchlehrerein“ aus.
Nach einer Ausbildung zur Webefachwirtin eröffnete sie 1986 in der Böblinger Wilhelmstraße ihr Fachgeschäft „Die Taucher“, über den sie auch nach dem Umzug in die Herrenbergerstraße vor 14 Jahren, neben der Tauchschule als Reiseveranstalterin auch Trips zu beliebten Tauchzielen anbietet. „Das hat sich aus meiner Redakteurstätigkeit entwickelt. Da habe ich auch schon Reisereportagen gemacht“, erzählt sie.
Zu Beginn und bis zum Ende der 90er sei der Laden noch sehr gut gelaufen. Dann habe unter anderem das Internet und schließlich die Pandemie ihr das Geschäft verdorben. Deshalb will die 70-Jähriger ihren Laden zum Jahresende schließen und die Tauchschule an Kollegen abgeben, die sie voraussichtlich im Raum Leonberg fortführen wollen. Waltraud Binanzer selbst will auf den einst vom Vater erworbenen und hergerichteten Hof in Schwäbisch Hall ziehen, von dort ihr Reisegeschäft fortführen und wohl auch private Tauchstunde anbieten.
Ganz abtauchen wird sie also nicht.
Faszination Tauchen
Leben
Waltraud Binanzer kommt am 2. März 1954 in Nürnberg zur Welt und wächst in Stuttgart auf. Ihr Vater, ein Fotograf und Sporttaucher, erweckt in ihr die Leidenschaft für das Tauchen. Sie arbeitet als Redakteurin für verschiedene Tauchmagazine, organisiert weltweite Tauchreisen und eröffnet in Böblingen ein Fachgeschäft. Seit 41 Jahren ist sie als Tauchlehrerin tätig.
Laden
1986 eröffnet in der Böblinger Wilhelmstraße 27 das Fachgeschäft „Die Taucher“. 2010 erfolgt der Umzug in die Herrenberger Straße 12. Zum Jahresende schließen Laden und Tauchschule, das Reisegeschäft will Binanzer fortführen.