Die Kandelaberfichte auf dem Kniebis ist ein Vorbild für den früheren Förster Walter Trefz: Sie wurde vom Blitz gespalten und treibt dennoch wieder aus. Foto: Gottfried Stoppel

Der frühere Förster Walter Trefz aus Freudenstadt will das Beste für den Wald. Früher warnte er vor saurem Regen, heute vor zu viel Abholzung.

Freudenstadt - Unter den abgestorbenen Ästen geht es hindurch. Auf allen vieren, mit den Händen zwischen Farngestrüpp nach Halt tastend, krabbelt Walter Trefz zu seinem Wunderbaum. „Der ist halb tot, halb lebend“, sagt Trefz, waldgrün von den Stricksocken bis zum Pulli, und richtet sich wieder auf. Mit seinen 80 Jahren ist der frühere Förster, der bald jeden Baum im Schwarzwald kennt, erstaunlich flink. „Er hat nie aufgegeben, ein Mutmacher“, sagt er über die imposante Fichte und erzählt ihre Geschichte.

 

Von den drückenden Schneelasten, die dem Baum die Äste gebrochen haben, vom Blitz, der in den Stamm einschlug und ihn spaltete und krümmte, ihm zwei Gesichter gab. Hier das trockene Holz, zerborsten, am Boden liegend, dort die Zweige frisch grün treibend, mit neuen Wipfeln, die gierig in Richtung Herbstsonne streben.

Den Druck hat Walter Trefz auch gespürt, weitergemacht hat er trotzdem immer. Mit seinem weißen Bart und dem wallenden Schopf sieht er aus wie ein Double von Karl Marx, in ihrer Radikalität ähneln sich die beiden Philosophen und Querdenker. 1200 Seiten dick ist die Personalakte, die die Forstbehörden über den Ökorebellen auf dem Kniebis angelegt haben. Er wollte das Beste für den Wald, das war nicht immer das Beste für die Karriere. Auf die üblichen Beförderungen hat er vergeblich gewartet. Er habe die ausstehenden Gehaltserhöhungen irgendwann erfolgreich eingeklagt, sagt er auf dem Waldweg, der von der Wunderfichte zu seinem Haus mitten im Grünen führt. Hinten raus erstreckt sich ein wilder Garten mit etlichen Vogelfutterstellen, an der Fassade hängt ein Poster: „Das Klima gehört allen.“

Aufgebürdet hat er sich schon immer viel, kaum ein Gremium, in dem er nicht mitmischte: Trefz war der Mahner im Stadtrat von Freudenstadt, er ist bis heute als Grüner im Kreisrat der Unbequeme, und er war mehr als drei Jahrzehnte lang Förster am Kniebis.

Die Angst vor dem Waldsterben trieb Walter Trefz zu den Grünen

Seine Heimat ist der Wald. In den 80er Jahren glaubte er, dass der saure Regen seine Heimat zerstören würde. Die Angst vor dem Waldsterben ging in ganz Deutschland um, sie trieb Walter Trefz zu den Grünen und auf die Straße. Der Beamte demonstrierte zum Ärger seiner Vorgesetzten in Uniform für strengere Umweltauflagen, redete sich öffentlich in Rage, wenn er vor den giftigen Schwefeldioxiden warnte, die aus Fabrikschloten die Luft verpesteten und die Böden sauer machten. Der Wald sei nicht mehr zu retten, würde flächenhaft absterben, hieß es damals. „Wir haben uns geirrt“, sagt der Ökoaktivist heute, „es ist nicht so schlimm gekommen, wie wir dachten, aber auch deshalb, weil man auf uns gehört hat.“ Die Politik habe reagiert, die Grünen zogen 1983 in den Bundestag ein, es wurden Entschwefelungsanlagen für Kraftwerke vorgeschrieben und Katalysatoren für Autos. Die Bäume hielten durch, viele erholten sich wieder.

Eine Wespe ist auf der Goldrandbrille von Walter Trefz gelandet, er redet unbeirrt weiter, bis sie wieder davonfliegt. „Sehen Sie“, sagt er und zeigt von der Terrasse aus auf eine Fichte mit dichtem Nadelwerk. „Bei einem vollkommen gesunden Baum kann man nicht hindurchschauen.“ Ein Wipfel weiter sind die Äste lichter, der Baum kränkelt. Trockenheit, Hitze, Überdüngung, die Attacken des Borkenkäfers – all das setze heutzutage den Wäldern zu. War in den 90er Jahren etwa ein Fünftel des Baumbestandes geschädigt, sei es nun mindestens jeder dritte Baum, beklagt Trefz.

Der Umweltaktivist freut sich über Fliegenpilzkolonien und blühende Preiselbeeren

Der Wald ist ein Lebewesen, sagt einer, der ihn als Kind gefürchtet und später schätzen gelernt hat. Ein Organismus mit Lunge und Magen, ein Ort, wo Bäume miteinander kommunizierten und sich austauschten über Käferplagen oder andere Bedrohungen. „Man muss nur ein paar Stunden unterwegs sein im Wald, und das Blutbild wird schon besser“, versichert der Naturphilosoph und wundert sich kein bisschen darüber, dass das sogenannte Waldbaden in Japan als Medizin gilt.

Trefz, der schon immer mehr draußen als drinnen war, ist einer, der genau hinschaut. Er kann sich über eine vertrocknete Fliegenpilzkolonie genauso freuen wie über blühende Preiselbeeren. Was ihn ärgert, ist die massive Abholzung aus wirtschaftlichen Gründen. „Die Bestände müssen älter werden“, fordert er. Viel zu viel Holz werde aus den Wäldern herausgeholt, für den Landesbetrieb Forst Baden-Württemberg seien die Erträge wichtiger als die anderen Funktionen des Waldes. Der sei doch auch Erholungsgebiet, verbessere das Klima und schütze den Boden vor Erosion.

Von jedem Baum könne man etwas lernen, sagt Trefz. Er bewundert vor allem die Eibe – sie ist immergrün und giftig. Sie hat etwas, was andere nicht haben. Es gibt Weibchen und Männchen. 1000 Jahre alt und älter werden Eiben, und sie wachsen extrem langsam. Fast seien sie ausgerottet worden, sagt der Baumkenner. Ihr zähes Holz, aus dem sich langlebige Bögen schnitzen ließen, war äußerst begehrt. „In der Nähe von Klöstern hat sie überlebt.“ Für Abtreibungen wurde aus den Nadeln ein Sud gebraut. Wer genau hinschaut, so heißt es, sieht in den Wurzeln Gnome wohnen. „Das haben die meisten Menschen zwischenzeitlich verlernt“, sagt Trefz, „heute starren alle nur noch aufs Handy.“