Schauspieler Walter Sittler beobachtet mit Sorge die politische Situation in seinem Geburtsland USA und wünscht sich mehr ehrenamtliches Engagement in Deutschland.
Der Deutsch-Amerikaner Walter Sittler (71) ist seit Jahrzehnten ein Liebling des Fernsehpublikums, sozial engagiert, Dokumentarfilmer und mit verschiedenen Bühnenprogrammen ständig auf Tournee. Am Tisch seiner Wohnküche in Stuttgart sprechen wir über den Zustand der Gesellschaft, ehrenamtliches Engagement und die US-Wahlen im November.
Herr Sittler, Sie waren jahrelang das Gesicht des Widerstands gegen den Bahnhof Stuttgart 21 – es hat alles nichts genutzt. Deprimiert Sie das?
In der Politik kann man gewinnen und verlieren, und das Verlieren muss man akzeptieren, so schmerzhaft es sein mag. Und das ist es. Weil diejenigen, die gewonnen haben und den Bahnhof fertigstellen, jetzt feststellen, dass alles, was wir damals an Einwänden hatten, eingetroffen ist. Jetzt müssen sie mit diesem Unsinn umgehen und versuchen, einen Bahnhof hinzustellen, der wenigstens halb so gut ist wie der, den wir vorher hatten.
Was sagen Sie zur Stärke der AfD?
Auch die Stärke der AfD deprimiert mich nicht, weil ich sonst nicht handeln könnte. Dass es einen bestimmten Anteil an Rechten und Rechtsradikalen gibt, war schon immer so, sie waren nur nicht so sichtbar. Es waren seit Ende des Zweiten Weltkriegs sicher immer 15 Prozent, anfangs auch mehr. Deshalb muss man umso mehr Demokratiebildung machen, und das ist mehr als nur zur Wahl zu gehen. Demokratie ist ein unerfülltes Gerechtigkeitsversprechen. Das heißt, dass die Demokratie ständig auf der Suche nach Gerechtigkeit ist und sie nie vollkommen erreichen kann. Dafür haben wir zu viele Gruppierungen, die eigene Interessen haben. Wir sind viele Minderheiten, die wir unter einen Hut bekommen müssen.
Was funktioniert nicht bei uns?
Wenn in einer Gesellschaft Millionen Menschen wegbleiben von der Demokratie, weil sie vernachlässigt worden sind und ihre Familie nicht ernähren können, obwohl sie voll und viel arbeiten, dann läuft im demokratischen System etwas schief. Genügend Geld ist ja da, es ist nur nicht gerecht verteilt.
Ist das in Ihren Augen der Grund für diesen Rechtsruck?
Das ist einer der wesentlichen Gründe. In allen Ländern, in denen die Ungerechtigkeit groß ist, sehen wir den Ruck nach rechts. Selbst in Russland, was ehemals ja versucht hat, kommunistisch zu sein, haben wir ein autoritäres Regime, das behauptet, es wisse, wie es geht. Und jeder, der widerspricht, muss die Schnauze halten. Das Schöne an einer Demokratie aber ist, dass man sagen und schreiben kann, was man denkt, und niemand zur Gewalt aufruft, wie das in den USA der Fall ist. Die haben zwar noch eine Demokratie, aber die derzeitigen Leute an der Spitze bei den Republikanern haben überhaupt kein Interesse daran.
Apropos USA: Was kommt nach den US-Wahlen auf uns zu?
Wenn Trump gewinnt, haben wir ein großes Problem – klimamäßig, diplomatisch und bündnistechnisch. Wenn Trump nicht gewinnt, gibt es in den USA einen Riesenaufstand. Ich glaube nicht, dass es einen Bürgerkrieg geben wird, wohl aber unsagbar hässliche Szenen. Große Teile der Republikaner sind davon überzeugt, dass es gelogen und die Wahl gefälscht ist, sollte Trump nicht gewinnen. Da nützen Fakten nichts und auch nicht die Tatsache, dass die Agenda von Biden in den letzten drei Jahren um ein Hundertfaches besser war als die von Trump. Es würde viel Gewalt geben in den USA, weil die Migranten dann Freiwild wären.
Was wäre passiert, wenn der Trump-Attentäter vollbracht hätte, was er vorhatte? Hätte das einen Bürgerkrieg entfacht?
Das glaube ich nicht. Trump selbst ist ja kein mutiger Mann, sondern ein unglaublicher Feigling. Er bläst sich auf, damit er gefährlich wirkt, aber wenn es darauf ankommt, dann kniet er vor Putin und kriecht sonst jemandem irgendwo rein. Seine Bewegung wäre auf das zusammengeschrumpft, was sie ist – eine kleine rechtsradikale Minderheit, die keinen Kandidaten mehr gehabt hätte. Neben Trump gibt es keinen, der die Leute einen könnte.
Corona, Krieg, Aufrüstung, Hass, Hetze, Rechtsruck – sind viele Menschen einfach überfordert?
Auch. Und dann flüchtet man sich in etwas, wo man sich sicher fühlt, in eine Gruppe, in der alle einer Meinung sind. Aber das ändert nichts daran, dass der Klimawandel das größte von allen Problemen ist und weiter voranschreitet.
Wie wichtig ist in solchen Zeiten gesellschaftliches Engagement?
Ich halte es für extrem wichtig, weil wir alle verantwortlich sind für den Zustand der Gesellschaft, in der wir leben, ganz egal, ob man Kanzler, Bürgermeister, Metzger oder Taxifahrer ist. Der Wunsch, das unerfüllte Gerechtigkeitsversprechen einzulösen, gilt überall. Speziell wenn man wie meine Frau und ich in diesem System gut zurande gekommen ist, ist die Verpflichtung noch größer. Wer viel Glück hatte, sollte einen größeren Anteil am Einsatz haben. Andere, die unter schwierigen Bedingungen leben, müssen schauen, wie sie ihr Leben überhaupt organisieren. Meine Überzeugung ist: Wir sind da, um es uns gegenseitig leichter zu machen. Und nicht, um es uns schwerer zu machen.
Sie sind oder waren auch Pate des SOS-Kinderdorfs in Sankt Petersburg. Was ist durch den russischen Angriff auf die Ukraine daraus geworden?
Wir haben es nach Kriegsbeginn erst mal weiter unterstützt, bis man vor etwa anderthalb Jahren die Geldflüsse nicht mehr kontrollieren konnte und wir keinen Einblick mehr bekamen. Wir wussten nicht mehr, ob das Geld überhaupt ankommt, deshalb wurde die Hilfe eingestellt. Das ist für die Einrichtung natürlich furchtbar, aber es wäre auch furchtbar, wenn das Geld nicht ankäme und bei irgendeinem korrupten Beamten landete. Jetzt geht es an ein SOS-Kinderdorf in Tadschikistan, wo ich allerdings noch nicht gewesen bin. Das Fass, das die SOS-Kinderdörfer füllen müssen, ist bodenlos, das ist einfach nicht zu schaffen.
Von Ihnen gibt es das Zitat „Verantwortung ist geil, es ist das Beste, was es gibt“. Was meinen Sie damit?
Wenn man Verantwortung übernimmt, kann man Umstände gestalten, vielleicht sogar verändern. Die Befriedigung, die aus einer gelungenen Veränderung hervorgeht, ist enorm. Die bleibt sehr viel länger als ein schönes Katzenvideo. Manchmal übernimmt man auch Verantwortung und es gelingt nicht – das ist dann frustrierend. Aber die Chance, dass es gelingt, wenn man sich wirklich einsetzt, ist sehr viel größer. Die Befriedigung bleibt ein Leben lang, und das ist schön.
Brauchen wir nicht schon sehr bald sehr viel mehr Engagement?
Wir brauchen sicher mehr Engagement und auch eine ganz andere Form der Anerkennung durch unsere gewählten Vertreter. Sie können das Ehrenamt nicht als selbstverständlich hinnehmen wie „unter ferner liefen“ und es womöglich auch noch besteuern. Hier in Stuttgart haben an einer Schule die Mütter mal Mittagessen gekocht, damit die Kinder etwas Gutes zu essen bekommen. Das war dann ein geldwerter Vorteil und musste besteuert werden. Also wurde es eingestellt.
Die Boomer-Generation geht nach und nach in Rente. Da wird ja ungeheuer viel Potenzial frei.
Ja, das machen ja schon viele und es können noch viel mehr werden. Ich kenne genügend Menschen in meinem Alter, die sagen: Ich bin in Rente, aber das reicht mir nicht und ich kann auch nicht dauernd in die Sonne fahren. Auch dafür ist es wichtig, das Ehrenamt attraktiver zu gestalten. Bei meinen Lesungen treffe ich haufenweise ältere Herrschaften, die in die Kindergärten gehen und vorlesen. Gar nichts mehr tun, nur noch in der Sonne liegen und sich alles bringen lassen – das ist doch total langweilig.