Kreisforstamtsleiterin Cordula Samuleit stellte zusammen mit Förster Benjamin Fischer im Kirchheimer Wald das „Waldwohlfühlprogramm 2022“ vor. Foto: Elke Hauptmann

Der Klimawandel setzt dem Wald im Kreis Esslingen zu. Die Frage, welche Anpassungsmaßnahmen notwendig sind, um das Ökosystem auf die Zukunft vorzubereiten, erläutern Fachleute bei Themen-Führungen.

Für die Fichte sieht es schlecht aus. Mit sorgenvollem Blick schaut Kreisforstamtsleiterin Cordula Samuleit auf die „Klima-Risiko-Karten“ für diese Baumart: Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg stellen darauf den Ist-Zustand des Jahres 2010 der Prognose für 2050 gegenüber. So wird der Klimawandel deutlich: Das einst von gelb über grün bis rot gefärbte Land ist in im Zukunftsszenario nur noch eine tiefrot gefärbte Fläche.

 

Die Fichte, die in den Wäldern des Landkreises Esslingen etwa elf Prozent ausmacht, könnte bald langfristig verschwinden, fürchtet Samuleit. „Nicht ganz, aber größere Bestände wird es wohl nicht mehr geben.“ Dem Nadelbaum sei es nämlich jetzt schon zu warm und zu trocken – Bedingungen, die sein Gegenspieler, der Borkenkäfer, hingegen liebe. Aber auch für andere Bäume werden die Lebensbedingungen schwieriger, erläutert Samuleit. So seien die Sommertemperaturen seit 1961 um 1,5 Grad auf durchschnittlich 18 bis 19 Grad angestiegen, gerechnet werde in naher Zukunft mit einem weiteren Anstieg um 1,5 Grad. Und die Dürrezeiten werden häufiger. „Die Bäume bekommen heiße Füße.“

Förster müssen regulierend eingreifen

Der Klimawandel hinterlasse bereits deutliche Spuren. Noch aber seien die Wälder im Landkreis Esslingen mit einem Anteil von rund 75 Prozent Laubbäumen und vielfältigen Mischungen sehr naturnah und strukturreich geprägt, betont die Chefin der Esslinger Forstverwaltung . „Sorgen machen wir uns dennoch. Trotz dieser guten Ausgangsbedingungen sind Anpassungen notwendig.“ Die Buche etwa, mit einem Anteil von 40 Prozent die häufigste Baumart im Kreis, fühle sich hier wohl. Sie dürfe aber nicht überhandnehmen, denn in ihrem Schatten habe es die Konkurrenz schwer. Nicht nur die Eiche benötige deshalb Unterstützung, sagt die Expertin. Die Forstleute müssten regulierend eingreifen, um den Artenreichtum nicht zu verlieren.

„Das Sonnenlicht beeinflusst Gestalt und Gedeihen unserer Wälder mehr als alles andere“, weiß Samuleit. Mit dem Licht zu spielen, sei „das wichtigste Werkzeug in der Kiste, das den Förstern zur Verfügung steht“, erläutert die Forstamtsleiterin. „Über Licht lässt sich die Baumartenzusammensetzung steuern.“ Welche Baumarten bleiben, welche gehen und welche kommen neu? „Die Mischung macht’s“, meint Samuleit. „Aktienfondsverwalter wissen es schon lange: Risikostreuung ist alles.“ Eine wichtige Rolle würden dabei die Zukunftsprognosen spielen, die von Seiten der Wissenschaft für die einzelnen Baumarten erstellt werden. „Es ist wichtig, trockenheitstolerante Arten zu erkennen, zu fördern und bei Bedarf gezielt zu pflanzen.“ Neue Baumarten bieten laut Samuleit die Chance, die Wälder klimastabiler zu machen. Oder sollte man doch lieber nichts tun und und auf die Selbstheilungskräfte der Natur hoffen? Das Kreisforstamt verfolgt eine andere Strategie: „Wir wollen die Waldentwicklung lenken und den Weg ein bisschen abkürzen.“

Den Wald fit zu machen für den Klimawandel, dafür gebe es leider keine einfachen Patentrezepte, räumt Samuleit ein. „Unsere Wälder sind sehr individuell, geprägt von der Geschichte, der Bewirtschaftung, den Naturgewalten.“ Deshalb gelte es, auf die örtlichen Gegebenheiten angepasste Maßnahmen umzusetzen. Welche das sind, darüber berichten die Fachleute gern – und zwar beim „Waldfühlprogamm“ das nach langer Pause in diesem Jahr wieder angeboten wird.

30 verschiedene Führungen

Das Kreisforstamt Esslingen mit seinen zehn Forstrevieren bietet unter der Überschrift „Gemeinsam für die Zukunft unserer Wälder“ zwischen dem 1. September und dem 14. Oktober insgesamt 30 verschiedene Waldführungen an. „Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, mit den Forstleuten über den Wald vor der eigenen Haustür und die Herausforderungen im Zuge des Klimawandels ins Gespräch zu kommen“, sagt Samuleit.

So vielfältig wie die Natur sind die Themen des „Waldfühlprogramms“. Die Experten erläutern, wie sie den Wald pflegen und naturnah bewirtschaften. „Esche ade, scheiden tut weh. Wer füllt die Lücke?“ Dieser Frage gehen beispielsweise die Revierleiter in Weilheim, Owen und Bempflingen bei ihren Führungen nach. Wozu Rückegassen gebraucht werden und warum es sinnvoll ist, Holz zu nutzen, darüber wird in Neuffen, Beuren, Frickenhausen und Kohlberg informiert. Alles Wissenswerte zur Buche erfährt man in Reichenbach, Nürtingen und Neckartailfingen. Um Waldbau geht es in Aichwald und Kirchheim, um neue Baumarten in Plochingen und Neidlingen, um Sonne und Licht in Erkenbrechtsweiler und Bissingen. In Ohmden, Lenningen, Holzmaden und Filderstadt-Plattenhardt werden artenreiche Mischwälder vorgestellt. Es gibt zudem Fahrradtouren durch den Wendlinger Wald und auf den Schurrwaldrücken, in Kirchheim wird Waldbaden angeboten.

Informationen enthält ein Flyer, der in vielen Kommunen ausliegt. Das Waldfühlprogramm steht auch auf www.landkreis-esslingen.de. Alle Führungen sind kostenlos, eine Anmeldung per E-Mail beim jeweiligen Veranstalter ist ab sofort möglich.

Wald im Landkreis Esslingen

Fläche
 Im Kreis sind rund 30 Prozent der Gesamtfläche bewaldet: 20 000 Hektar. Davon befinden sich allein 6500 Hektar im Besitz des Landes, zu den Eigentümern gehören aber auch Kommunen und Privatleute. Rund 1000 Hektar sind Waldschutzgebiet.

Baumarten
In den Wäldern gibt es überwiegend Laubbäume. Nadelbäume machen nur etwa ein Viertel der Baumarten aus. Am häufigsten zu finden sind Buchen (40 Prozent), Eichen (16 Prozent), Ahorn, Linden und Eschen (zusammen 22 Prozent), Fichten (10 Prozent), Kiefern (8 Prozent), Lärchen (3 Prozent) und Tannen (1 Prozent).