Empfindet den Wald als Wohltat: Stuttgarts Waldpädagoge Benjamin Schuldt. Foto: Lg/Piechowski

Der Forstwirt Benjamin Schuldt will Kindern den Wald mit all seinen Facetten näherbringen. Denn nicht immer herrscht Ruh’ unter den Wipfeln.

Stuttgart - Benjamin Schuldt liebt die Gerüche des Waldes. Er rupft Nadeln von einer Douglasie, zerreibt sie zwischen den Händen, schnuppert daran und sagt: „Die riecht wie Piña Colada. Nach Kokos und Ananas.“ Seine gesunde Farbe lässt darauf schließen, dass der große, schlaksige Kerl nicht gefährdet ist, an Cocktails zugrunde zu gehen. Feste Goretex-Schuhe, Funktionshose, ärmellose Fleece-Jacke: Benjamin Schuldt ist der erste und bisher einzige Waldpädagoge in Diensten der Stadt Stuttgart.

26 Jahre alt ist der gebürtige Korntaler, hat in Rottenburg am Neckar Forstwirtschaft studiert, bekam zwei Monate nach Studienabschluss bereits ein Revier und war damit für 1500 Hektar Wald im Zollernalbkreis zuständig für Holzernte, Jagd, Aufforstung, Privatwälder. Dort habe er mit der Waldpädagogik für Flüchtlingskinder aus der Landeserstaufnahmestelle in Messstetten und für Mountainbiker Schwerpunkte gesetzt. Ich komme aus einer Familie mit sechs Geschwistern, mir macht diese Arbeit Spaß“, sagt er. Als die Stadt Stuttgart einen Förster suchte, war sein Waldpädagogik-Zertifikat Gold wert.

Ein Förster über das „Schlachthausparadoxon“

Seit Oktober 2016 ist er hier nun Pionier. Die Waldpädagogik lag bisher vor allem in Händen der Mitarbeiter im Haus des Waldes, einer Landeseinrichtung. „Im Zollernalbkreis gab es längst nicht so viel Abstimmungsbedarf“, sagt er, nach seinen ersten Erfahrungen befragt, „95 Prozent meiner Zeit verbringe ich momentan am Schreibtisch, um Absprachen zu treffen.“ Verkehrssicherheit, Beschwerdemanagement, zeitliche Abläufe bei der Bewirtschaftung des Waldes sind zeitraubend, aber zwingend.

Und so genießt er den Spaziergang im Grünen, zeigt ganz en passant auf eine Maus, die sich im hohen Gras am Wegrand tummelt, und redet vom „Schlachthausparadoxon“: „Viele finden Ferkel süß, viele essen gern Schnitzel, aber der Metzger ist böse. Analog gilt: Bäume sind schön, Holzmöbel sind schön, aber der Holzfäller ist böse. Wir werden oft gefragt, warum wir gesundes Holz absägen. Aber es ist nunmal so, dass man nur aus gesundem Holz langlebige Möbel bauen kann, während das tote Holz ein tolles Refugium für Vögel und Insekten ist.“

Pritschen voller Unrat

Viele suchen das Unberührte auf der 5000 Hektar großen Waldfläche um Stuttgart, andere nutzen sie als Sportparcours, für Dritte ist sie ein Lernort. Rund ums Feuer am Waldspielplatz am Königsträßle haben sich an diesem Morgen Viertklässler der Grundschule Riedenberg zum Würstchengrillen niedergelassen. Ein unangeleinter Hund sprengt plötzlich die Kinderschar, die Hierher-Rufe seines Besitzers ignorierend. Jogger laufen im Minutenrhythmus vorbei. Ein Forstmitarbeiter muss mit seinem Fahrzeug vorbei; auf der Ladefläche der eingesammelte Unrat von anderen Waldspielplätzen, die jeden Freitag gesäubert werden.

Er will „den Wald als Lern- und Erholungsort verankern“, die Kinder für Nachhaltigkeit sensibilisieren. „Wir wollen der Entfremdung entgegenwirken, den Kindern das vorausschauende Denken mitgeben und sie motivieren, Verantwortung übernehmen. Dazu brauchen sie authentische Vorbilder.“ Einerseits, damit sie lernen, im Wald nicht ihren Müll liegenzulassen oder Pflanzen auszureißen. Andererseits ihnen beizubringen, wozu Holz nützlich ist. Er habe einer siebten Klasse im Wald die Frage gestellt: Wie viele Buchen wären wohl nötig, um eure Schule für ein Jahr zu beheizen? Die Kinder erfuhren viel über Raummaße, den Brennwert von Buchenholz und lernten, wie viele Bäume sie hätten fällen müssen.

Es soll nicht nur einer Bescheid wissen

Schuldt blickt vor allem auf Defizite: „Wir wollen Leute erreichen, die nicht wissen, wo es Informationen gibt und was man im Wald alles machen kann.“ Er nimmt mit Jugendfarmen, Waldheimen, Jugendhäusern, Kitas und Ganztagsschulen Kontakt auf, zumal die Bildung für nachhaltige Entwicklung Teil der Bildungspläneist. Er baut mit Ämtern und Kinderbeauftragten sowie freiberuflichen, zertifizierten Waldpädagogen an einem Netzwerk, denn nicht nur er, sondern ganz viele sollen künftig Ansprechpartner sein. „Dann“, so hofft er, „könnte ich selbst wieder mehr Veranstaltungen im Wald machen.“ Bis auf weiteres muss halt die tägliche Radtour von Bad Cannstatt zur Arbeitsstelle beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt auf dem Killesberg reichen. „Auch das macht Spaß“, sagt er.

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