Die Waldorfschule Uhlandshöhe Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im Interview erklärt Christoph Kühl von der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, weshalb die Pädagogik von Schulgründer Rudolf Steiner auch zum 100. Jubiläum der weltweit ersten Waldorfschule noch funktioniert. Und weshalb auch für Achtklässler ein generelles Handyverbot gilt.

Stuttgart - An der Haußmannstraße in Stuttgart wurde am 7. September 1919 die weltweit erste Waldorfschule gegründet. Der Mathelehrer Christoph Kühl erklärt, wie der Unterricht in einer Waldorfschule aussieht..

 

Herr Kühl, Waldorfschüler können ihren Namen tanzen, dürfen aber auf dem Schulgelände nicht Fußball spielen. Was unterscheidet die Waldorfschule im Kern von staatlichen Schulen?

Der größte Unterschied ist, dass Waldorfschule versucht, ihren ganzen Lehrplan und Unterricht auf den jeweiligen Entwicklungsschritt des jungen Menschen abzustimmen. Unser Ziel ist nicht, dass der Schüler am Ende dies und jenes weiß, sondern dass er sich so, wie es für ihn richtig ist, entwickelt.

Wie schafft man das bei so großen Klassen?

Es geht gar nicht immer um jeden Einzelnen. Viele Entwicklungsschritte macht ein Mensch in einem bestimmten Alter einfach durch. Der Lehrer muss den Stoff so aufbereiten, dass jeder Schüler sich daraus das nimmt, was ihn interessiert, was er braucht. Wir haben im Durchschnitt 36 Schüler – aber nur von 8 bis 10 Uhr. Danach wird ab der fünften Klasse der Unterricht geteilt, in künstlerisch-handwerklichen Fächern oft sogar gedrittelt. Das war früher nicht so.

Weshalb ist das notwendig geworden?

Weil die Schüler viel mehr das Bedürfnis haben, dass man sie als Einzelmenschen wahrnimmt, als das früher der Fall war. Aber die Schüler lernen und können heute viel mehr als vor hundert Jahren. Unsere Anforderungen sind ungeheuer gestiegen.

Wie groß ist die Nachfrage nach einem Platz auf der Waldorfschule?

Bei uns durchlaufen ungefähr 150 Kinder das Anmeldeverfahren für die ersten Klassen, und wir nehmen 72 auf. Aber durch Doppelbewerbungen und die Nähe zur Waldorfschule Silberwald müssen wir nicht mehr so viele Kinder abweisen wie früher – jetzt noch so rund zehn.

Gegründet wurde diese Waldorfschule vor 100 Jahren für die Arbeiterkinder der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. Welche Aufnahmekriterien haben Sie heute?

Wir versuchen, Klassen zusammenzustellen, die möglichst vielfältig sind. Die finanzielle Seite der Eltern spielt keine Rolle. Die Menschen, die das Aufnahmeverfahren machen, haben da keinen Einblick. Erst wenn die Kinder aufgenommen worden sind, wird mit den Eltern über die Höhe des Schulgelds gesprochen. Im Schnitt sind es 160 Euro – manche zahlen mehr, manche weniger. Natürlich können wir nicht nur Eltern haben, die gar nichts zahlen können. Aber das mussten wir bisher noch nie steuern. Wir haben aber eher akademikerlastige Elternhäuser.

Gibt es Kinder, die aus Ihrer Sicht für die Waldorfschule gar nicht geeignet sind?

Es gibt Kinder, für die die großen Klassen eine Überforderung sind. Und es gibt Kinder, die von ihrer Entwicklung her einer besonderen Betreuung bedürfen. Die können wir nicht immer liefern.

Wie halten Sie es mit der Inklusion?

Wir haben in einigen Klassen Kinder mit besonderem Förderbedarf. Solche Kinder können hier viel lernen und sich entwickeln. Das hängt bei uns sehr von der Kraft und den Fähigkeiten des Lehrers ab. Solche Situationen würde man aber sicher eher als Integration bezeichnen. Wir sind keine inklusive Schule.

Eine Waldorfschule in Berlin hat es abgelehnt, das Kind eines AfD-Politikers aufzunehmen. Wie wäre das hier?

Wir würden auf keinen Fall gleich sagen: Das machen wir nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ein Kind wegen der politischen Zugehörigkeit der Eltern ablehnen. Aber: Ich möchte als Schule der AfD keine Plattform bieten, ihre politischen Ziele zu vertreten, das macht man mit anderen Parteien auch nicht.

Auf der Uhlandshöhe sind Handys für Schüler von der ersten bis zur achten Klasse generell verboten. Wie kommen die Kinder und vor allem die Eltern damit klar?

Wir haben dieses Verbot erst vor einem halben Jahr auf Klasse acht ausgeweitet. Die Eltern haben das ausdrücklich begrüßt. Sie haben gemerkt, dass der exzessive Umgang mit dem Handy schwer einzudämmen ist. Es geht ja nicht ums Telefonieren, es geht um Pornos, Gewaltdarstellungen. Auch für uns ist die Regelung ein Schutz. Sonst fangen die Kinder an, den Unterricht aufzunehmen.

Wie hält es die Waldorfschule denn mit der Digitalisierung. Gibt es bei Ihnen überall internetfähige Klassenzimmer? Tablets?

Für Schüler ab der zehnten Klasse haben wir Laptops. Im Neubau werden wir neue Computerarbeitsplätze einrichten. Tablets nicht. In der Schule ist der persönliche Kontakt mit dem Lehrer wichtiger.

Gibt es bei Ihnen Lehrermangel?

Ein Waldorflehrer verdient weniger als ein Kollege an der Staatsschule. Natürlich haben wir ein Problem, Lehrer zu finden.

Waldorfschulen verwalten sich selbst, also Lehrer und Eltern, ohne Direktor. Wie gut funktioniert Konfliktlösung?

Ohne einen Entscheider erfordert die Lösung solcher Konflikte viel mehr Zeit und Energie. Wir haben ja einen gewählten Schulführungskreis: sechs Menschen, die auch mal sagen: So wird’s jetzt gemacht. An den wendet man sich, wenn’s mal hart auf hart kommt. Und es gibt einen Vertrauenskreis, der moderiert. Aber das ist manchmal nicht so einfach.

Weshalb sollen Waldorfkinder nicht Fußball spielen?

Steiner hat gesagt: Das wollen wir nicht. Es geht darum, ob etwas einen pädagogischen Wert hat oder nicht. Beim Fußballspielen könnte eine Grundaggressivität eher gefördert als gebremst werden. Aber man kann drüber diskutieren.

Der Schulgründer Rudolf Steiner ist nicht unumstritten. Ist seine Ideologie auch Thema im Unterricht?

Die sogenannten esoterischen Inhalte der Anthroposophie sind keine Inhalte des Unterrichts, es sei denn, die Schüler fragen explizit danach. Waldorfpädagogik zeichnet sich durch eine besondere Methodik aus, nicht durch das Vermitteln von Anthroposophie.

Welches Steinersche Credo halten Sie für unverzichtbar für die Schule?

Dass der Mensch dreigliedrig ist: gedanklich-reflektierend, tätig, fühlend. Das spiegeln auch unsere Schulfächer wider. Das ist für mich das Essential der Waldorfschule.