Die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe Stuttgart bekommt mit Stefan Behnischs Entwurf einen Neubau, der die Schule 100 Jahre nach ihrer Gründung in der Stadt weithin sichtbar macht. Ein Rundgang mit dem Architekten und ehemaligen Waldorfschüler.
Das rote Ausrufezeichen auf der Stuttgarter Halbhöhe leuchtet schon länger hinunter in die Stadt; am 16. Juni findet auch die offizielle Eröffnungsfeier des farbstarken Neubaus statt. Wer wenige Tage vorher in der Haußmannstraße 44 den Oberstufen-Neubau der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe aus der Nähe anschaut, steht aber erst mal vor einem Bauzaun, sieht Arbeitern beim Sägen und Hämmern zu.
Als „etwas zäh“, so formuliert es der Architekt Stefan Behnisch, habe sich das Vorhaben gestaltet, drei Jahre länger als gedacht hat der Bau gedauert, mit gut 22,5 Millionen einige Millionen teurer als geplant. „Die Stadt war überhaupt nicht hilfreich“, das ist Stefan Behnischs Kommentar, nicht nur darüber, was die verzögerte Bewilligung des Bauantrags betrifft, was wiederum steigende Kosten bei den Handwerkern verursachte, Verzögerungen wegen Corona kamen dadurch obendrauf.
Tempi passati. Jetzt stehen zwei Neuzugänge auf dem an Architekturjuwelen reichen Campus: der seit 2022 im Betrieb befindliche Oberstufen-Bau und der seit 2020 fertige Verwaltungsneubau. Das Schulhaus findet seinen Platz da, wo sich zuvor das alte Verwaltungsgebäude befand. CO2-freundlich im Bestand umzubauen und zu erweitern sei nach Machbarkeitsstudien 2014 keine Option gewesen, um dringend benötigte Klassenzimmer und dem aktuellsten Stand der Technik entsprechende Fachräume und einen neuen Speisesaal zu schaffen.
Wie die gebaute Umwelt dem Menschen dienen kann
Neben Stefan Behnisch, der selbst Schüler an der Waldorfschule war, ist bei der Planung einer involviert gewesen, der nicht da ist, aber über allem schwebt, der Anthroposoph und Waldorfschulbegründer Rudolf Steiner (1861–1925). Und mit ihm die anthroposophische Architektur. „Die Anthroposophie, wie ich sie kenne, ist eher ein Gesamtkonzept“, schrieb Stefan Behnisch in einem Essay über das Thema. „Sie folgt einem ganzheitlichen Gedankenansatz. Und sie setzt sich eben auch damit auseinander, wie unsere gebaute Umwelt entwickelt werden sollte und vor allem jedoch, wie sie den Menschen dienen könnte.“
Zu fragen sei immer auch: „Wie wirkt der Raum auf uns? Schützend, eher heimelig oder eher rational? Also werden weitere Kategorien durchaus freier interpretiert und über die ,normale’ Funktion hinaus weiterentwickelt.“
Steiners Ansicht, ein Haus solle als organisches Gebilde aus den individuellen Anforderungen des Menschen und des Ortes, der Funktion und des Zwecks er-„wachsen“, lässt freilich einige Interpretationen zu. Es gibt ja keinen Regelkanon, aber einige Prinzipien schon, Gebäude als Möglichkeitsräume, Entfaltungsräume zu gestalten, wo Menschen sich finden, nachdem sie mit anderen zusammengekommen sind.
Monolithische Form
Anthroposophische Architektur will nicht nur betonen, was für den Raum und wie er genutzt wird, charakteristisch ist, sie ist auch vom Expressionismus beeinflusst, und der wirkt mitunter finster. So mag mancher die trutzige Fassade mit Villenanmutung aus unregelmäßig angeordneten roten Platten nicht als einladend empfinden. Die monolithische Form lässt sich als emanzipatorisches Signal verstehen, weithin sichtbar zu sein als erste Waldorfschule der Welt. Und als schützendes Schild, hinter dem sich das Leben der Schülerinnen und Schüler abspielt. Der hintere Teil wirkt wie ein Anbau mit dem erdig beigefarbenem Putz, er orientiert sich eher in Richtung Schulgelände.
Betritt man von dort aus den neuen Bau, wird man von lasierter Eiche, von Helligkeit, Licht, heiterer Atmosphäre umfangen. Die Gänge mit Nischen und Sitzbänken für Gespräche, das zentrale Atrium mit der offenen Treppe sind eher Begegnungsorte als Verkehrsfläche. Im Atrium führen alle Wege zusammen, die verglaste Fassade öffnet sich zum Pausenhof hin.
Heitere Atmosphäre
Die Mensa im Erdgeschoss bietet eine grandiose Aussicht auf die Stadt, die abgehängte, gefaltete Decke in Gelb dient der guten Akustik, und sie erhellt die dunklere Ecke bei der Essensausgabe.
Die Klassenzimmer sind schier wohnlich gestaltet, Holzböden und farbige Wände, wolkig hingetupftes Blau etwa. Die Fachräume für Naturwissenschaften geraten nüchterner: Weiße Wände zu grünen Linoleumböden, klassische Schultafeln gibt es, aber an der Decke auch Projektoren und Wände, die als Projektionsflächen dienen.
Metallwerkstatt und Eurythmiesaal
Auf Handwerk wird viel Wert gelegt, so findet sich im unteren Geschoss unter anderem eine Metallwerkstatt mit Schmiede (und altem Blasebalg), im Obergeschoss ein großzügiger Kunstraum mit Atelierverglasungen und Oberlichtern; und der heidelbeerfarbene Eurythmiesaal mit viel Holz und einem Podest für den Flügel dürfte ein Lieblingsraum für Schülerinnen und Schüler werden.
Fast überall in den Räumen finden sich Kippfenster; über Nacht geöffnet werden auf diese Weise Betondecken gekühlt, die Raumtemperatur sinkt. Energieeffizienz ist integraler Bestandteil der Architektur mit Geothermie, einer natürlichen, wind- und thermisch angetriebenen Belüftung, verschattbaren Fenstern, die dennoch Licht einlassen, sowie Photovoltaik-Dachschindeln.
Das Dach ist nicht nur Haube, sondern formal bearbeitet – geschichtete Dreiecksformen, sodass die Schule von oben betrachtet wie in Bewegung wirkt. Bei den Dachflächen setzt sich die unregelmäßige Form der Fassadenplatten fort – und die findet sich auch im Verwaltungsgebäude. Der Bau nimmt Gestaltungselemente der Nachbarhäuser auf, interpretiert sie neu. Und er verfügt über eine beeindruckende Schreinerarbeit: eine kubistisch anmutende Treppe. Blickt man vom Entree aus hinauf, wähnt man sich in einem 3-D-Vexierspielkunstbild von M. C. Escher.
Das einzige Zimmer, das die Schülerinnen und Schüler vermutlich nicht gern betreten werden, so vermutet Stefan Behnisch, ist der Raum 2.01 im ersten Stock, das „Rote Zimmer“. Wer mehr als zweimal dorthin einbestellt werde, könne mit ernsten Konsequenzen zu rechnen haben. Die neuen Räume jedenfalls tragen sicher eher dazu bei, sich zu wünschen, diese Schule bis zum Abschluss besuchen zu können.
Info
Architekt
Stefan Behnisch, 1957 in Stuttgart als eines von drei Kindern Günter und Johanna Behnischs geboren, studierte Philosophie und Volkswirtschaftslehre, bevor er an der Universität Karlsruhe ein Architekturstudium absolvierte. Nach seinem Diplom 1987 arbeitete er im Büro seines Vaters, zwei Jahre später gründete er gemeinsam mit Günter Behnisch und seinen Partnern ein eigenes Büro. Das international tätige Büro Behnisch Architekten beschäftigt heute an den fünf Standorten Stuttgart, München, Boston, Los Angeles und Weimar derzeit rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zu den bekanntesten Bauten zählen die Norddeutsche Landesbank in Hannover, das Ozeaneum in Stralsund, das Unilever-Gebäude in der Hamburger Hafen City.
Waldorfschule
Emil Molt (1876 – 1936) war Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, einer der bedeutendsten Arbeitgeber, Unternehmerund Sozialreformer Stuttgarts , er lernte Rudolf Steiner (1861 - 1925) kennen und wurde Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Er führte in seiner Firma einen Betriebsrat ein, stellte Sozialeinrichtungen zur Verfügung. Auf Anregung der Arbeiterschaft betrieb er auch die Gründung einer Einheitsschule, die allen Kindern eine 12-jährige Schulbildung ermöglichen sollte.