Spaziergänger ärgern sich über allzu unordentlich wirkende Wälder, in denen sich meterhoch das geschlagene Holz türmt. So wie im Haierwald bei Faurndau. Die Stadt erklärt das Konzept.
„Es ist klar, dass Bäume gefällt werden müssen, aber doch nicht so,“ schimpft ein recht rüstiger Senior und zeigt auf ein beliebtes Waldstück beim Faurndauer Bolzplatz im Wohngebiet Haier, wo das Geäst kreuz und quer übereinanderliegt und sich meterhoch auftürmt. Darunter sind ganze Stämme und stattliche Äste mit dem Durchmesser eines Oberschenkels. Dazwischen ziehen sich die Furchen eines tonnenschweren Forstgeräts durch den Wald.
Seit ein paar Wochen erkennt der Mann, der seit mehr als 40 Jahren im Wohngebiet Haier in Faurndau lebt, sein tägliches Spaziergang-Revier gleich beim Wasserturm und beim Tennisclub kaum wieder. „Das war ein wunderschönes Erholungsgebiet, aber so kann man den Wald nicht zurichten.“ Mit dieser Meinung sei er nicht allein, sagt er.
Man sieht dem Waldstück an, dass hier schon seit vielen Jahren darauf geachtet wird, dass auch mal Holz liegen bleibt. Doch in dem aktuellen Ausmaß findet es der Senior, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, nicht vertretbar. Es könne doch nicht sein, dass die Forstleute nur die wertvollen Stämme von Dutzenden Eichen, deren Alter er auf etwa 100 Jahre schätzt, aus dem Wald schaffen und alles andere liegen bleibt, findet er. „Ich bin nicht kleinlich, aber das könnte man doch wegfahren.“ Der Rentner nimmt für sich in Anspruch, dass er durchaus weiß, wovon er redet. Er habe vor vielen Jahren eine Weile im Forst gearbeitet. Deshalb könne er auch nicht verstehen, warum manche Stämme in einem Meter Höhe abgesägt wurden und die Stümpfe so stehen bleiben.
Die Stadt bestätigt den Holzeinschlag im Haierwald. Tatsächlich seien aber vor allem Eschen gefällt worden, nur wenige Eichen, erklärt Claudia Leihenseder, Pressesprecherin der Stadt. „Die heimischen Eschen sind stark gefährdet und leiden am Eschentriebsterben.“ Die Folge: „Geschädigte Bäume müssen gefällt werden, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.“ Warum so viel Holz im Haierwald liegen bleibt und welche forstwirtschaftliche Überlegung dahinter steckt, erklärt Claudia Leihenseder so: „Dass nur die Stämme abtransportiert wurden, gehört zum Konzept, das aus einem Beschluss der Stadt Göppingen zum Alt- und Totholzkonzept hervorgeht: Ein Teil des Kronentotholzes soll bewusst im Wald zurückbleiben, um die Biodiversität und Wasserspeicherfähigkeit zu fördern und Lebensräume zu schaffen.“
Forstwirte betonten erst kürzlich bei der Waldbegehung des Gemeinderats, dass die Stadt sich auch angesichts des Klimawandels um die Ökologie und Ökonomie des wertvollen Ökosystems Stadtwald kümmere.
Das Geheimnis einer klugen Waldbewirtschaftung
650 Hektar Wald besitzt die Hohenstaufenstadt. Der Gemeinderat hat jetzt auch die Strategie für die Waldbewirtschaftung bis zum Jahr 2035 beschlossen. In einer Mitteilung unterstreicht die Kommune unter anderem die ökologische Funktion: „Gleichzeitig werden der Erhalt und die Förderung von Habitatbäumen und Totholz verfolgt, da diese wichtig für die heimische Biodiversität sind und Vögeln sowie Insekten einen wertvollen Lebensraum bieten.“
Der Wald habe viele Funktionen: Menschen suchen dort Erholung, für Wildtiere ist es der Lebensraum, Wald speichert Kohlendioxid und Wasser, spendet Schatten und kühlt. „Nicht zuletzt wird das Holz ökonomisch genutzt, um etwa nachhaltiges Bauen oder Heizen mit einem nachwachsenden Rohstoff zu ermöglichen“, heißt es.
Bestand an Fichten und Eschen geht stark zurück
Erstes Ziel von Stadt, Regierungspräsidium und Landratsamt sei gemeinsam mit den Förstern der langfristig angelegte Walderhalt. „Und das bedeutet: Eine kluge Bewirtschaftung, die sowohl Ökologie als auch Ökonomie berücksichtigt.“ Dazu zähle auch, dass der Baumbestand an die sich verändernden Bedingungen mit mehr Hitze und weniger Niederschlag angepasst werden soll. Dies geschehe zum einen durch Nachpflanzungen klimaresistenter Bäume sowie durch Förderung der heimischen Baumarten, die sich bereits natürlich verjüngt haben und als klimaresistent gelten. Die Stadtverwaltung verweist auf eine Versuchsfläche im Eichert. Dort informierten sich einige Stadträte neulich über die natürliche Eichenverjüngung (siehe Infokasten).
Im Göppinger Forst hat die Eiche den größten Anteil (28 Prozent) und ist zusammen mit der Buche (22 Prozent) führend. Es gibt aber auch immer mehr Bergahorn, Linden, Hainbuchen oder Birken. „Diese hohe Biodiversität ist eine Stärke des Göppinger Stadtwalds“, heißt es in der Mitteilung. „Was stark zurückgeht, ist allerdings der Bestand der Fichten und Eschen. Die ersteren wegen des Klimawandels, die zweiteren wegen des Eschentriebsterbens.“
Eichenverjüngung im Eichertwald
Vorgehen
Die Eichen haben im vergangenen Herbst ihre Eicheln verloren. Diese sollen nun keimen und neue Göppinger Eichen hervorbringen. Da Eichen jedoch eine Lichtbaumart sind, müssen entsprechende Lichtverhältnisse geschaffen werden. Schattenbaumarten wie die Buche werden deshalb entnommen. Buchen, Erlen und andere Bäume müssen auch in den kommenden Jahren stetig entfernt werden. Zusätzlich muss die Fläche eingezäunt werden, da junge Eichen bei Wildtieren begehrte Delikatessen sind.