Ein Hubschrauber zieht über dem Wald von Althütte-Fautspach eine Kalkwolke hinter sich her. Foto: Gottfried Stoppel

Bis Ende des Monats werden in der Backnanger Bucht noch die Waldböden gekalkt – ein Gutteil vom Hubschrauber aus. Die heißen Temperaturen haben da so ihre Tücken.

Rems-Murr-Kreis - Schon seit geraumer Zeit ist das sonore Brummen über den Wäldern am Rande des Weissacher Tals zu hören. Ein Hubschrauber zieht hartnäckig seine Kreise. Bei genauem Hinschauen erkennt man eine Art Eimer, der rund 20 Meter unterhalb des Fliegers am Ende eines Seils in der Luft zu schweben scheint – um sich urplötzlich in einer gelblich-braunen Wolke über den Baumwipfeln zu entladen.

Das ist gewollt. Das Ziel sei, der Versauerung des Waldbodens entgegen zu wirken und diesen wieder in eine Art Urzustand zu versetzen, sagt Uwe Exner von der Unteren Forstbehörde des Landratsamts. Exner, der früher Revierförster in Schorndorf gewesen war, ist jetzt im dritten Jahr der Einsatzleiter für Bodenschutzkalkung im Rems-Murr-Kreis. Zurzeit sind er und sein Team damit beschäftigt, möglichst zielgenau Dolomitkalk in den Wäldern des Staatlichen Forstes im Bereich der Backnanger Bucht und auf Wunsch einzelner Kommunen auch in deren Gefilde auszubringen.

Das Bodengebläse reicht nur 40 bis 60 Meter weit

Wo eine Zufahrt für Spezialfahrzeuge möglich ist, wird das Gemisch, das je nach Bodenbeschaffenheit noch mit Holzasche angereichert ist, buchstäblich in den Wald geblasen. Bei einer Reichweite von 40 bis 60 Metern ist das in vielen Gebieten aber nicht flächendeckend möglich. Dort wird die Verteilung von oben erledigt. Tatsächlich wird dazu ein Kübel, der gut eine Tonne Kalk fasst, an einen Helikopter gebunden. Per GPS-Daten kann der Hubschrauberpilot seine vom Forstamt vorgegebene Route zielgenau anfliegen und vom Cockpit aus per Knopfdruck eine Drehscheibe im Kübel in Gang setzen. Sie funktioniert ähnlich wie bei einem Salzstreufahrzeug. Zusätzlich kann der Pilot eine Vibrationsplatte aktivieren, die dafür sorgt, dass auch der letzte Krümel aus dem Kübel geschüttelt wird. Etwa eine Minute Flugstrecke kann so berieselt werden, dann muss der Eimer wieder aufgetankt werden. Während ein bereitgestellten Radlader das Gefäß befüllt, bleibt der Hubschrauber in der Luft.

Piloten kämpfen bisweilen mit der Thermik

Auch wenn die Piloten schon einige Erfahrung im Waldkalken vorweisen können, müssen sie sich in diesem Jahr doch auf extreme Rahmenbedingungen einstellen. Die lang anhaltende Dürre macht das Kalken besonders staubig, und die Hitze bewirkt manchmal eine nicht vorhersehbare Thermik. Man bemühe sich redlich, Spaziergänger während der Kalkungszeiten aus dem Wald fernzuhalten, informiere über die Amtsblätter und stelle in den betroffenen Gebieten Infotafeln auf, sagt Uwe Exner: „Aber den Wald komplett absperren, geht nun mal nicht.“ Natürlich sei es unangenehm, wenn ein ahnungsloser Passant eine Ladung abbekomme – Exner ist das selbst schon passiert – aber gefährlich sei das nicht. „Mit einer Dusche müsste eigentlich alles erledigt sein.“

Überhaupt ist es Exner wichtig zu betonen, dass man den Aufwand nicht zur Leistungssteigerung im Wald betreibe. „Die Bäume wachsen dadurch nicht schneller.“ Vielmehr sei es ein Versuch, den Boden in eine Art Urzustand zu versetzen, damit er seinen natürlichen Funktionen, etwa als Filter für sauberes Trinkwasser, wieder besser gerecht werden könne. Für die Versauerung des Bodens wird das Verbrennen fossiler Energieträger und der dabei entstehende Schwefel verantwortlich gemacht.

Die Bodenschutzkalkungen seien eine landesweite Aktion, die finanziell von der EU unterstützt werde, in welcher der Rems-Murr-Kreis aber eine Schwerpunktregion sei. Dabei gehe man keineswegs wahllos vor – auch das ist Exner wichtig zu sagen. Er betont, man arbeite nach einem genau ausgetüftelten Verteilplan. Der werde nach vorherigen Bodenanalysen und in enger Abstimmung mit den Naturschutzbehörden und der Wasserwirtschaft erstellt und dürfe lediglich in den Monaten Juli und August umgesetzt werden.

„Wir sind noch längst nicht durch“

Jeweils rund 1600 Hektar Wald sind in den vergangenen zwei Jahren so berieselt worden. Auch in diesem Jahr wird diese Größenordnung angepeilt. „Wir sind noch längst nicht durch“, sagt jedoch Uwe Exner. Hält man sich vor Augen, dass alleine der Staatswald im Rems-Murr-Kreis etwa 14 000 Hektar umfasst, wird eine flächendeckende Kalkung wohl noch ein paar Jahre in Anspruch nehmen.

Während der Hubschrauber in diesen Tagen über Allmersbach kreist, sind Uwe Exner und sein Team bereits mit der Planung fürs das kommende Jahr beschäftigt. Man sei noch nicht ganz sicher wo genau der Hubschrauber kreisen werde – allerdings ganz sicher wo nicht: Das Remstal ist während der interkommunalen Gartenschau 2019 keine Option.

Warum wird Waldkalkung gemacht?

Versauerung
Die Hauptursache für die starke Versauerung des Waldbodens war und ist der Niederschlag von Säuren durch das Regenwasser, auch bekannt als Saurer Regen. Sie stammen von Immissionen aus Verkehr, Landwirtschaft, Industrie und der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Öl.

Neutralisierung
Der im Wald ausgebrachte Kalk soll die Säure im Boden neutralisieren und den pH-Wert stabilisieren. Ein intakter Boden sollte einen Wert über 4,5 aufweisen. Durch die Verbesserung des pH-Wertes und der bodenphysikalischen Eigenschaften erhalten Mi­kro­­organismen, Regenwürmer und andere Bodenlebewesen bessere Lebensbedingungen.

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