Eine achte Klasse aus dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden hat auf dem Waldfriedhof in Degerloch Kriegsgräber gereinigt. Was steckt hinter der ehrenamtlichen Aktion?
Kratz- und Schrubbgeräusche sind zu hören, das Platschen von Wasser und das Schaben von Metall auf Stein. Eine Drohne surrt durch die Luft. Der idyllische Waldfriedhof vor den Toren von Degerloch ist eigentlich ein Ort der Stille. An diesem sonnigen Vormittag ist er jedoch auch eine Arbeitsstätte. Haufenweise Jugendliche knien und hocken an Grabsteinen, beackern die Sandsteinkreuze mit Bürsten, Bimssteinen und Spachteln sowie eimerweise Seifenlauge. Schritt für Schritt befreien die Schülerinnen und Schüler der achten Klasse aus dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden die massiven Steine von Flechten, von Moos und anderen Verschmutzungen und legen eingemeißelte Inschriften wieder frei.
Die Schülerinnen und Schüler wollen bei einem Gedenkwettbewerb mitmachen
Das Ganze ist keine Strafarbeit, sondern eine freiwillige Leistung der 13- und 14-Jährigen. Die Aktion wird vom Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge begleitet. Die Bildungsreferentin Eva Masurowski hat die Klasse zuvor im Unterricht besucht. Auch die Geschichtslehrerin Ebba Severidt, die an diesem Vormittag ebenfalls die Bürste in die Hand nimmt, hat mit der Klasse das Thema Weltkriege aufgearbeitet. Sie erklärt: Der Putzeinsatz ist der Abschluss eines schulfächerübergreifenden Projekts, mit dem sich die Klasse bei einem Gedenkwettbewerb melden will, den Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen initiiert haben.
Ein Teil der Klasse hatte dafür bereits das Weltkriegsdenkmal auf dem Alten Friedhof in Musberg gereinigt. Auf dem Degerlocher Waldfriedhof wurden den Teenagern zudem Gräber von Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, zugeteilt. Dies aus mehreren Gründen. „Die waren teilweise 18, 19 Jahre alt“, sagt Maurus Baldermann vom Stuttgarter Garten-, Friedhofs- und Forstamt über die Toten. Außerdem eignen sich die robusten Sandsteinkreuze besonders gut für eine solche Putzete. „Man sieht dort mehr, wir wollen einen Win-win-Effekt“, erklärt Birgit Blumenthaler, die Leiterin der Abteilung Friedhof beim städtischen Fachamt.
Schweißtreibend ist der Einsatz. Viele Wangen glühen bereits nach kurzer Zeit. „Ich finde es gut, dass wir so eine Arbeit machen“, sagt Kerim (14) und legt mehr Gewicht auf den Bimsstein, mit dem er über den Grabstein fährt. „Damit die nicht vergessen werden“, schiebt er nach. „Es ist wichtig, weil die sich für uns eingesetzt haben und gestorben sind“, erklärt Amelie (14). Sie ist trotz einer Handverletzung gekommen, um sich einzubringen, „auch wenn ich nicht viel machen kann“. Ein paar Meter teilen sich Helen und Deborah, beide 13, die Arbeit am Stein eines Soldaten namens Rudolf Müller, der gerade mal 20 geworden ist. „Ich glaube, da wird man dankbarer“, sagt Helen.
Für Kriegsgräber gibt es in Deutschland besondere Regeln. „Nach dem Gräbergesetz liegt die Pflege in der öffentlichen Hand“, erklärt Eva Masurowski, zudem gelte ein dauerndes Ruherecht, anders als auf gewöhnlichen Friedhöfen werden die Gräber also grundsätzlich nicht geräumt. Zuständig für ihre Instandhaltung sind die Kommunen. „Sie sind mal mehr, mal weniger gut gepflegt“, sagt sie über die Begräbnisstätten. In Metzingen etwa habe sich ein Verein der Sache angenommen und leiste dort vorbildliche Arbeit. In Stuttgart wiederum wird an einer neuen Kriegsgräberkonzeption gearbeitet, erklärt Maurus Baldermann. Ziele: der praktische Erhalt der Grabstätten, aber auch eine didaktische Begleitung des Themenkomplexes in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt. „Erinnerungskultur“, sagt er. „Es geht auch darum, Werte zu vermitteln“, fügt Birgit Blumenthaler hinzu.
Durch den Kriek in der Ukraine hat das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen
In Baden-Württemberg finden solche Reinigungsaktionen von Schülerinnen und Schülern mehrmals im Jahr statt. Durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine hat das Thema zuletzt mehr Aufmerksamkeit erhalten, bestätigt Eva Masurowski. „Wir kriegen von Schulen viel mehr Anfragen“, sagt sie. Alles sei plötzlich greifbarer geworden. Die Bildungsreferentin betont: „Demokratiebildung, Friedenserziehung, darum geht es eigentlich.“
Kriegsgräber international und in Stuttgart
Aufgabe
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde 1954 von der Bundesrepublik damit betraut, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen und zu pflegen. Neben den Anlagen der großen Weltkriege gehören dazu auch die Denkmäler und Friedhöfe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der Deutsch-Dänischen Kriege von 1848/51 und 1864. Der Volksbund betreut heute in 46 Staaten mehr als 830 Kriegsgräberstätten mit über 2,8 Millionen Toten. In Deutschland befinden sich demnach über 12.000 Stätten, auf denen mehr als 1,8 Millionen deutsche und ausländische Tote des Ersten und Zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Landeshauptstadt
In Stuttgart gibt es zwei Friedhöfe mit zentralen Kriegsgräberflächen: den Hauptfriedhof in Bad Cannstatt und eben den Waldfriedhof in Degerloch. Rund 5500 Soldaten wurden hier und auch anderswo in der Stadt beigesetzt, ebenso beispielsweise zivile Opfer von Fliegerangriffen oder Opfer von Euthanasiemorden.