Eines der größten Grabfelder erinnert an die zivilen Opfer des Bombenangriffs auf Stuttgart von 1944. Foto: Simone Bürkle

Über den Waldfriedhof gibt es viel zu erzählen. Maurus Baldermann kennt etliche der Anekdoten.

Degerloch - Es ist eine Erzählung, wie sie tragischer nicht sein könnte. Sie spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der Stadtbaurat Albert Pantle, der in Stuttgart schon für die Planung mehrerer Schulen verantwortlich war, erhält den Auftrag, den neuen Waldfriedhof in Degerloch nach einem Münchener Vorbild anzulegen. Alle anderen Friedhöfe sind zu eng geworden, die Stadt und ihre Bewohner brauchen mehr Platz – auch im Tod.

Pantle macht sich in gewohnter Zuverlässigkeit ans Werk und entwirft die Verwaltungsgebäude für den Friedhof, der mit 30 Hektar Fläche schließlich zum größten seiner Art in Stuttgart wird. Alles klappt tadellos, die Häuser werden errichtet, der Friedhof geht 1914 in Betrieb. Nur kurze Zeit später passiert Pantle das Schlimmste, was einem Vater passieren kann: Sein eigener Sohn fällt im Krieg. Und der Stadtbaurat muss sein Kind ausgerechnet dort als einen der ersten Toten zu Grabe tragen, wo er kurz zuvor seine Arbeit beendet hat. Albert Pantle überwindet diesen Schlag nie ganz. Nur sieben Jahre später stirbt er völlig unerwartet mit gerade einmal 63 Jahren. Seine letzte Ruhe findet er – ebenso wie sein Sohn – auf dem Friedhof, den er einst selbst geplant hatte.

Regelmäßige Touren

Es sind Erzählungen wie diese, mit denen Maurus Baldermann seine Zuhörer an jenem sonnigen Mittwochnachmittag in den Bann zieht. Der Mann, der beim Garten,– Friedhofs- und Forstamt der Experte für die Grabmale ist, kennt auf dem Waldfriedhof buchstäblich jeden Stein. Regelmäßig nimmt er etwa 30 Besucher mit auf seine Tour und erzählt ihnen die Geschichten der prominenten, aber auch der weniger bekannten Stuttgarter, die auf dem Gottesacker bestattet sind.

Meist sind es freilich eher die vergnüglichen Anekdoten, die der gelernte Steinmetz auf dem Rundweg durch die idyllisch gelegenen Grabfelder zum Besten gibt. Etwa die über die Fahrkünste von Arnulf Klett, der seit 1974 sein Grab auf dem Waldfriedhof hat. Neben den vielen Verdiensten, die der langjährige Stuttgarter OB sich in der Neugestaltung der Stadt erworben habe, sei Klett nämlich auch als notorisch schlechter Autofahrer in Erinnerung geblieben, berichtet Baldermann: „Er hat öfter mal Gas und Bremse verwechselt, da hat es dann halt gekracht.“

Robert Boschs Grab erinnert an einen Kanaldeckel

Ebenso verschmitzt porträtiert der Mann vom Amt den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Gebhard Müller, der seit 1990 auf dem Waldfriedhof ruht. Der, so berichtet es Baldermann lächelnd, sei neben seiner bescheidenen Art auch für seine Sparsamkeit berühmt gewesen. Und zwar so berühmt, dass dessen Kollegen irgendwann spöttisch gemutmaßt hätten: „Seine Frau strickt ihm sogar noch die Krawatten.“

Und obwohl Baldermann über das soziale Engagement und den enormen Fleiß des Unternehmers Robert Bosch viel Gutes zu erzählen weiß, hat er dennoch die Lacher auf seiner Seite, als er anmerkt, dass ein Besucher die runde Metallplatte auf dem Grab des Industriemagnaten schon flapsig als „Kanaldeckel“ bezeichnet hat.

Gefallene Soldaten

Ernst wird es dann noch einmal, als Baldermann an den großen Grabfeldern des Waldfriedhofs haltmacht. Die erinnern sowohl an die gefallenen Soldaten der Weltkriege, wie auch an die zivilen Opfer des Bombenangriffs von 1944. Zwischen den in Stein gemeißelten Namen der Toten wird das Grauen jener Kriegstage vielleicht eindrücklicher klar, als es Geschichtsbücher jemals zu vermitteln vermögen.

Neben all diesen Geschichten erfahren die Besucher bei der Führung aber auch Wissenswertes rund um Bestattung und Friedhofskultur. So verweilt Baldermann etwa auch an den Baumgräbern am Rand des Friedhofs. 1000 Bäume, unter denen Angehörige die Urnen mit den sterblichen Überresten ihrer Lieben bestatten können, gibt es mittlerweile auf dem Waldfriedhof. Jene Art der letzten Ruhe liege im Trend, sagt Baldermann, „700 der Standorte sind belegt“. Ohnehin interessierten sich immer mehr Menschen für ungewöhnliche Bestattungsarten. So sei zum Beispiel das Kolumbarium auf dem Pragfriedhof sehr stark nachgefragt. Dabei wird die Urne in dem Gebäude in einer Nische beigesetzt, die dann mit einer Platte verschlossen wird. Für Baldermann ist klar: „Auch am letzten Ort muss man für ein Angebot sorgen.“

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