Alles hergerichtet fürs Selfie: Im Museum der Alltagskultur hat man eine hübsche Kulisse für Erinnerungsfotos. Foto: Anja Widenmann

Museen müssen mit der Zeit gehen, um interessant zu bleiben. Das Museum der Alltagskultur Waldenbuch reagiert mit einem besonderen Zimmer auf den digitalen Wandel. Ein Spaß für alle, die eh ständig das Handy zücken.

Waldenbuch - Ein Raum mit Sofa, Beistelltisch, Zimmerpflanze und Gemälde an der Wand. Der Hund sitzt brav neben der Couch, und die Obstschale steht auf dem Tisch. Ein ganz normales Wohnzimmer, wäre nicht das meiste in dem Raum nur auf Holzplatten gedruckt.

2017 hat das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch den sogenannten Selfie-Raum eröffnet. Dort können die Besucher mit Museumsgegenständen, die auf Pressspan abgedruckt sind, Erinnerungsfotos schießen. Zusätzlich warten links und rechts des Sofas lebensgroße Aufsteller aus Holz, die für ein Foto in Position geschoben werden können. Sei es ein Sisi-Aufsteller, ein Strauß Rosen oder eine Flasche Sekt. Knips.

Im besten Fall werden die Fotos im Netz hochgeladen

„Die Idee dahinter ist, dass die Ausstellungsatmosphäre aufgelockert wird und man sich erholen kann“, sagt Markus Speidel, der Leiter des Museums. „Zudem kann man hier ein Bild zur Erinnerung machen.“ Im besten Fall wird das Foto anschließend im Internet hochgeladen und dort geteilt. Hierfür hat das Museum der Alltagskultur sich einen eigenen Hashtag, also eine Online-Verlinkung, angeschafft. „Unser Hashtag, den wir ausgewählt haben, heißt Wohnstudio“, sagt Speidel. „Das war aber leider eine unglückliche Auswahl, da unter diesem Begriff auch viele Einrichtungshäuser ihre Bilder veröffentlichen.“

Je nach Jahreszeit befinden sich auch beispielsweise ein Osterhase oder ein Tannenbaum im Zimmer. „Im Moment überlegen wir zudem, passende Gegenstände zu unserer aktuellen Ausstellung ‚Dorfhochzeit’ anzuschaffen“, erklärt Speidel. „Der Raum wird viel benutzt. Gerade an den Wochenenden merken wir, dass hier immer etwas los ist.“ Wenn Leute drin sind, zeigt sich eine „Gruppendynamik“, wie Markus Speidel es nennt. „Oft hört man die Gruppen hinter der geschlossenen Tür plötzlich laut lachen oder kichern, während sie Fotos machen.“

Früher hätte es einen solchen Raum nicht gegeben

Mit dem Selfie-Raum reagiert das Museum vor allem auf digitale Trends, die sich in den letzten Jahrzehnten verselbstständigt haben. „Die Realität ist einfach digital, dem kann man sich nicht entziehen“, sagt Speidel. „Gerade hier sieht man auch, wie sich die Lebenswelt verändert. Früher hätte man niemals einen Raum nur zum Fotos machen eingerichtet.“ Allerdings fühlt sich der Museumsleiter auch in der Pflicht: „Gerade wir als Museum der Alltagskultur tun gut daran, wenn wir etwas zum Thema digitale Welt haben. Ich meine, das Internet hat unseren Alltag stark verändert, beziehungsweise bestimmt ihn mittlerweile fast schon.“

So sieht der Museumsleiter diese Entwicklung durchaus auch kritisch: „Vielleicht wollen wir die Leute auch auf eine gewisse Art sensibilisieren. Heutzutage machen die Menschen von allem Bilder und brauchen für alles einen Beweis. Es reicht nicht mehr, etwas gemacht zu haben.“ Gerade erst wieder durch die Medien gegangen sind die Instagramer, die über einsame Buchten und hübsche Straßenzüge hereinfallen wie Heuschrecken. Auf der Jagd nach dem schönsten Bild für die Internetgemeinde. Der Kontrast: Im Museum der Alltagskultur ist zurzeit eine Hochzeitsausstellung. Fotos waren in früheren Zeiten absolute Mangelware. Das Hochzeitsfoto war oft das einzige Foto, das von einem Menschen zeitlebens angefertigt worden ist.

Man könne nicht jedem Trend folgen

Ähnlich wie das Museum in Waldenbuch reagieren andere Museen auf digitale Trends. Beispielsweise das Landesmuseum, wo Besucher seit Kurzem mit einer „Virtual-Reality-Brille“ ins Mittelalter reisen können. Es sei jedoch nicht immer ganz einfach für ein Museum, digital zu sein. „Man kann nicht jedem Trend folgen, dafür fehlen einfach die wirtschaftlichen Ressourcen“, erklärt Speidel. „Gerade für Museen ist es deshalb ein großer Kraftakt, digital zu sein.“ Und obschon der Selfie-Raum zweifelsohne sehr beliebt ist, der Museumsleiter bleibt realistisch. „Ich glaube nicht, dass der Raum allein dazu beiträgt, junge Menschen für Museen zu begeistern“, sagt er. „Aber trotzdem kann es sehr positiv sein, wenn sie ein Bild machen und dieses auf Facebook oder Instagram posten, wo es ihre Freunde sehen können.“

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