Die neu gewählte Vorsitzende der Bürgerstiftung Petra Berger (rechts) gratuliert Marianne Schauer (Zweite von rechts). Links stehen der Vorsitzende des Stiftungsrats, Abraham Kustermann, und Andrea Socher, das neue Mitglied des Vorstandes. Foto: Claudia Barner

Seit 35 Jahren singt das Chörle um Marianne Schauer auf Beerdigungen in Waldenbuch – für die Verstorbenen und für die Hinterbliebenen. Dafür hat die Dirigentin nun den Bürgerpreis bekommen.

Waldenbuch - Sie brauchen keine Bühne und suchen nicht den großen Auftritt. Wenn die Sängerinnen des Waldenbucher Chörle in Erscheinung treten, dann geht es um die stillen Momente des Lebens, um Momente voller Schmerz und der Sehnsucht nach Trost und Linderung. Die 21 Damen kümmern sich bei den Beerdigungen und Trauerfeiern in der Schönbuchstadt um den angemessenen musikalischen Rahmen. „Wir möchten die Angehörigen an die Hand nehmen und ihnen die Botschaft senden, dass es weitergeht“, sagt Marianne Schauer.

Seit 35 Jahren leitet die staatlich geprüfte Sängerin und Dirigentin das Chörle. Sie fördert den Zusammenhalt der Ehrenamtlichen, ist Ansprechpartnerin für die Hinterbliebenen und versteht es, in Grenzsituationen des Lebens den richtigen Ton zu treffen. Dafür gab es nun ein dickes Dankeschön von der Waldenbucher Bürgerstiftung. Die Chorleiterin wurde bei einem Festakt am Donnerstagabend im Forum der Oskar-Schwenk-Schule mit dem Bürgerpreis 2017 ausgezeichnet.

Der Tod gehört zum Leben

Ihrer Sonderrolle im Kreis der musiktreibenden Waldenbucher Gruppen und Vereine ist sich Marianne Schauer durchaus bewusst. „Wir haben eine ganz besondere Aufgabe übernommen, und nicht jeder versteht, was uns dabei bewegt“, erzählt die Chorleiterin. Immer wieder wird sie mit der Frage konfrontiert, ob die häufige Begegnung mit Verlust und Tod nicht recht bedrückend sei. Darauf hat die Dirigentin eine klare Antwort: „Überhaupt nicht. Bei den Proben sind wir eine lustige Truppe, in der viel gelacht wird. Und wenn wir bei einer Beerdigung spüren, dass wir den Hinterbliebenen die schweren Stunden ein wenig leichter machen konnten, dann sind das unsere Highlights. Der Tod gehört zum Leben, und ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man sich dem offen stellt, wird es leichter, damit umzugehen.“

Auch Marianne Schauer kennt schmerzliche Verluste. Dazu gehörte der Tod der Mutter, einer Prädikantin, die die Liebe der Tochter zur Musik geweckt und deren Talente gefördert hat. „Dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt die Leiterin des Chörle. Schon als Achtjährige begleitete sie die Kindergottesdienste der Mutter am Harmonium. Und sie richtete ihre Werteskala an den Erlebnissen in der Karlsruher Kirchengemeinde aus. „Von meiner Mutter habe ich den Rat bekommen: Sing nicht einfach los, sondern überlege vorher, was du singst“, sagt sie.

Das Chörle ist außer- und überkonfessionell

Für diese Fähigkeit wird Marianne Schauer auch in Waldenbuch geschätzt. Gemeinsam mit den Angehörigen sucht sie das passende Liedgut aus. Wird vor der Beerdigung kein Gespräch gewünscht, kann sie sich auf die Erfahrung ihrer Chormitglieder verlassen. „Meist kannte eine Sängerin die Familie und wir finden gemeinsam Lieder, in denen sich das Leben des Verstorbenen oder die Nöte der Hinterbliebenen widerspiegeln“, berichtet sie.

Marianne Schauer bleibt offen. „Wir sind ein ökumenischer Chor und singen außer- und überkonfessionell“, betont sie. Und sie hört auf ihre feinen Empfindungen, die ihr signalisieren, was die jeweilige Situation erfordert. „Es ist auch schon passiert, dass wir auf die Atmosphäre in der Friedhofskapelle reagiert und den Ablauf spontan umgestellt haben“, erzählt die 66-Jährige.

Das Ehrenamt im Chörle hat viele Unbekannte. Wenn das Telefon klingelt, muss alles ganz schnell gehen. Wer hat Zeit, wann wird geprobt, was singen wir? „Es gab in 35 Jahren nur wenige Fälle, in denen wir absagen mussten“, berichtet Schauer stolz. Das Lob von Abraham Kustermann, dem Stiftungsratsvorsitzenden der Bürgerstiftung, an den „Motor des Chörle“ und die herzlichen Worte der Laudatorin Renate Schreiber-Gugel, gibt die Preisträgerin des Bürgerpreises 2017 deshalb gern an ihre Sängerinnen weiter: „Wir haben einen tollen Zusammenhalt und stützen uns gegenseitig. Wir haben eine schwierige, aber auch sehr dankbare Aufgabe und freuen uns an dem guten Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können.“

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